Man kann heute nicht Demokrat sein, ohne Antikommunist zu sein. Willy Brandt

Bevormundung und Arroganz

Das westliche Misstrauen gegenüber dem politischen Islam hat zur Radikalisierung im Nahen Osten beigetragen. Der jetzige Umbruch ist eine Chance für einen Neuanfang – besonders, wenn Regierungen demokratisch legitimiert sind.

War der Arabische Frühling nur eine Legende? Werden den gestürzten Diktatoren in Tunesien, Libyen oder Ägypten nun die Islamisten folgen und neue Schreckensherrschaften errichten, bei denen Minderheiten wie Christen, kritische Intellektuelle oder Gruppen wie Frauen oder Unfromme unterdrückt werden? Muss Israel fürchten, dass die mühsam bewahrte Stabilität der Beziehungen zu Ägypten verloren geht, wenn der 1979 geschlossene Friede von Camp David von Kairo gekündigt wird?

Boykott und Verteufelung als Triebkräfte

Schwierige Fragen, auf die simple Antworten nicht möglich sind. Aber der Sturz der Diktatoren durch die Erhebung der arabischen Völker ist Wirklichkeit. Freilich wäre es naiv, zu glauben, ihm müsste die lupenreine Demokratie nach westlichem Wertekanon unmittelbar folgen. Wie lang war denn der Weg in Deutschland vom Obrigkeitsstaat zur Demokratie?

Dem Sturz Mubaraks folgte patriotischer Jubel, in den der Westen einstimmte. Aber es war doch auch der Westen gewesen, der ihn unterstützt hatte, weil er Islamisten einkerkerte! Dass Islamisten jetzt, nach der Niederlage des Regimes, das sie verfolgte und zu Märtyrern machte, zur Macht streben, dass sie schon deshalb populär sind, weil man sie im Westen fürchtet und stigmatisiert, ist kein Wunder. Boykott und Verteufelung waren Triebkräfte ihres Erfolgs.

Terror unter Missbrauch des Namens Allah ist und bleibt kriminell, das steht nicht zur Diskussion. Aber damit ist nicht der politische Islam insgesamt und von vornherein zu verdammen. Wie viel haben wohl angstgesteuerte Eiferer in Europa und USA, die den Islam pauschal diffamieren, zur Radikalisierung der Islamisten beigetragen? Das neue Selbstbewusstsein der Ägypter reagiert auf Bevormundung nicht weniger empfindlich als auf westliche Arroganz. Der Tod ägyptischer Polizisten bei einem Grenzzwischenfall, die Verweigerung einer angemessenen Geste der Entschuldigung durch die israelische Regierung war Anlass für den Sturm auf die Botschaft in Kairo. Das traurige Ereignis zeigt, wie leicht sich durch Parolen gefährlicher Mob stimulieren lässt.

Die israelische Reaktion auf den barbarischen Akt war bewundernswert moderat, aber sie wird den tief sitzenden und verbreiteten Hass gegen Juden und den jüdischen Staat nicht lindern. Denn zu viele verbreiten, auch unter dem Mantel von Gelehrsamkeit und Frömmigkeit, mit Verschwörungstheorien und absurden Feindbildern Ressentiments gegen „die Juden“. Die Medien sorgen mit Eifer für Resonanz und Nachhaltigkeit. Dass Taxifahrer in Kairo mit dem Fahrgast über die „Protokolle der Weisen von Zion“ diskutieren und zutiefst überzeugt sind, dass Juden, verkörpert durch Israel, Feinde schlechthin sind, ist eine Tatsache. Dass den Juden Stellvertreterfunktionen zugeschoben werden, ist jedoch eine Erkenntnis, die hilfreich wäre, wenn sie akzeptiert würde. Aus ähnlichem Grund sind die Kopten als Minderheit in Ägypten in Bedrängnis. Sie müssen die Rolle des inneren Feindes spielen, nicht weil sie Christen sind, sondern weil Minderheiten dann in Anspruch genommen werden, wenn die Mehrheit „Andere“, „Fremde“ als Schuldige braucht.

Mit dem Islam arrangieren

Es ist falsch, politische Probleme auf die Religion (und deren Missbrauch) zu reduzieren. Der Westen wird sich mit dem politischen Islam arrangieren müssen, wenn er, wie in Tunesien durch einwandfreie Wahl legitimiert, als bestimmende Kraft auftritt. Damit verbindet sich die Hoffnung, dass seine Radikalisierung vermieden wird.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Anna Fleischer, Hans-Heinrich Bass, Sahar el-Nadi.

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