Lasst uns den israelischen Kolonialismus in der Westbank beenden. Avraham Burg

Völker Europas, hört auf Obama!

Bei seinem letzten Deutschlandbesuch versucht US-Präsident Obama, die Deutschen von Freiheit, Marktwirtschaft und TTIP zu überzeugen. Man sollte besser auf ihn hören, anstatt in Neo-Nationalismus zu verfallen.

Es war sein letzter Besuch in Deutschland. Barack Obama kam als gut gelaunter Freund nach Hannover, er lobte Deutschland und Angela Merkel und sprach von einem einem vereinigten Europa. Vor allem aber warb er für das Freihandelsabkommen TTIP. Das ist hierzulande nicht besonders beliebt. Aber Obama bringt das Thema in einen größeren Zusammenhang als Zollerleichterungen und Chlorhühnchenängste. In Zeiten von Neo-Nationalismus und Neo-Protektionismus auf beiden Seiten des Atlantiks geht es auch um die Freiheit und Weltoffenheit an sich. Wenn Donald Trump und Marine Le Pen, die Sozialisten Europas und Wladimir Putin sich einig sind in ihrem Kampf gegen TTIP, dann sollte man Obamas Plädoyer für die Freiheit besser hören. Der Aufbruch in die Freiheit hat den Westen stark und reich und human gemacht. Dass freie Demokratien wirtschaftlich erfolgreicher sind als Despotien, sollte man seit Acemoglus und Robinsons Buch „Warum Nationen scheitern“ eigentlich wissen. Offene Wirtschaftssysteme sind unschlagbar, und der Freihandel ist ihr Sauerstoff. Wenn zwei der stärksten Wirtschaftsräume dieses Planeten — die USA und die EU — sich zu einem Freihandelsabkommen zusammenschließen, dann sollten die Parteidiktaturen und Planregime von Peking über Moskau bis Riad sich fürchten, nicht aber die eigene Bevölkerung.

In der TTIP-Debatte geht es längst auch um politische Kultur. Welche Weltsicht setzt sich durch – die der neuen Grenzschließer und Amerikafeinde? Die des 19. Jahrhunderts und der Rückkehr zum Nationalismus? Die der Ressentiments gegen Fremde und ihre Produkte? Die der Verbote und Schranken? Es ist offensichtlich: Die Feinde der Freiheit gewinnen derzeit stark an Einfluss. Rechte und Linke feiern mit alten Parolen große Comebacks. Es gibt sie nicht nur im ängstlichen Deutschland, nein auch im Land der Freiheit, den Vereinigten Staaten: eine potente Gegenbewegung zum TTIP. Nach einer aktuellen Umfrage der Bertelsmann Stiftung sprechen sich dort 18 Prozent gegen das transatlantische Freihandelsabkommen aus und nur 15 Prozent sind dafür. Auch die Mehrheit der US-Präsidentschaftskandidaten lehnt TTIP ab. Lediglich Hillary Clinton hat eine deutliche Haltung für das Abkommen eingenommen. Von der amerikanischen TTIP-Skepsis haben wir in Deutschland schon zu genüge. Vielleicht werden wir Barack Obama noch vermissen – weil er für Kooperation und Offenheit, für Freihandel und transatlantische Partnerschaft eingetreten ist. Trotz politischem Pazifik-Fokus hat er das alte Europa nicht vergessen. Und selbiges daran erinnert, dass es jenseits des Atlantiks eine Grundhaltung zur Freiheit gibt, die auch uns ganz gut tun würde. Zum Beispiel diese:

1.Go West – Mutig wie die Siedler

„Just do it“ lautet der Slogan vom amerikanischen Erfolgskonzern Nike. Und in sich trägt er puren Amerikanismus. Ausprobieren, etwas wagen und Mut haben sind wichtige Eigenschaften, die aus den USA vom Sport bis zur Unternehmenspolitik vielfach gelebt werden. Und dieser Mut des Grenzen austestens gehört bereits seit den amerikanischen Siedlern zur amerikanischen Kultur und einem gesellschaftlichen Leitbild. Dem entgegen steht der Begriff „German Angst“, der als solcher in den USA existiert. Er beschreibt eine generelle Zurückhaltung der Deutschen, die durch ängstliches Verhalten hervorgerufen wird. Positiv ausgedrückt, könnte man auch von einer sicherheitsbewussten, vorsichtigen Nation sprechen. Bewiesenermaßen haben Deutsche auch große Angst vor Fehlern, die dafür sorgt, dass Deutsche risikoaverser sind und weniger wagen. Auch wenn es um Unternehmungen geht. Das kann ein Nachteil sein.

2. Stand up again – Scheitern heißt Lernen

Unternehmensgründer sollten eigentlich heillose Optimisten und mutige Draufgänger sein. Unter der deutschen Ausprägung der Entrepreneure haben laut einer Studie des Unternehmernetzwerks „Grasshopper“ aber 49 Prozent akute Angst vorm Scheitern. Bei ihren amerikanischen Kollegen sind es nur 28 Prozent. Amerikanische Wirtschaftsstudenten lernen das, was US-Geschäftsleute leben: Scheitern wird nicht als Katastrophe sondern als Lernprozess verstanden. Wer einmal mit einer Firma gescheitert ist, der hat viele Erfahrungen gesammelt. Deutsche schämen sich in der Regel für gescheiterte Projekte und würden nicht auf die Idee kommen, sich damit zu rühmen. Kein Wunder, dass Deutschlands Gründerszene weit hinter der amerikanischen zurück ist. Vom Umgang mit dem Scheitern, können wir Deutschen noch etwas lernen. Schade, dass man das nicht zum TTIP-Vertragspapier dazuschrieben kann.

3. Great job – Erfolge würdigen

Viele Amerikaner schauen zu Personen wie Donald Trump auf. In Deutschland wäre er allein schon wegen seiner protzigen Art und dem Umgang mit Geld unwählbar. Doch der American Dream steht in den USA weit über dem Sozialneid und führt zu positiven Perzeptionen. Reiche werden im Land der Superreichen und klaffenden Sozialscheren in erster Linie als Vorbilder angesehen. Auch weil viele von ihnen philanthropisch engagiert sind und durch große Spenden und Stiftungen Schlagzeilen machen. Amerikaner schätzen und würdigen Erfolge in größerem Maße als wir es hierzulande tun. Das beginnt beim kleinen Lob am Arbeitsplatz und reicht bis zahlreichen Würdigungen und Awards in offiziellen Zeremonien. Lob bedeutet Anerkennung und Ansporn zugleich und ist damit die Grundlage für weiteren Erfolg.

4. Easy Going – Eine Frage der Mentalität

Beim Ausdruck Easy-Going denkt man an chilliges Cruisen in einem Cabrio auf einem kalifornischen Highway mit Ocean View. Aber mit dieser Einstellung ist auch der entspannte Umgang mit Förmlichkeiten oder persönlichen Beziehungen gemeint. Sehr wohl können Formen auch etwas schönes sein und in Europa zelebrieren wir zurecht bürgerliche Konventionen und Etiquette. Aber der Umgang mit Mitmenschen und ungezwungene Gesprächseinstiege durch ein „How are you?“ sind alltägliche Kommunikationsimpulse in dem wohl kommunikativsten Land der Welt. An US-amerikanischen Medien und Social Media nehmen wir uns oft gern ein Beispiel. An freundlichen Umgangsformen könnten wir uns auch eines nehmen.

5. Love your country – Gesunder Patriotismus

Die überwiegende Mehrheit der Amerikaner sind stolz, dass sie die US-Staatsbürgerschaft besitzen. 71 Prozent der befragten einer Studie des Meinungsforschungsinstituts „Gallup“ gaben an, dass sie „sehr stolz“ oder „stolz“ sind, Amerikaner zu sein. Die Zahl der sehr stolzen Bürger geht zwar von Jahr zu Jahr zurück, betrifft aber noch mehr als die Hälfte der Befragten. Die „Stars and Stripes“-Flagge ist omnipräsent im ganzen Land. Der Patriotismus reicht von arm bis reich, von gebildet bis ungebildet und auch von Republikanern bis zu Demokraten. Dieses starke, einheitsbringende Gemeinschaftsgefühl der Amerikaner ist anders als im selbstzweifelnden Europa. Amerikanische Werte und die Verfassung einen diese so diverse Gesellschaft in außergewöhnlicher Form. Und es stärkt das Land – auch im Krisenfall. Nach 9/11 liebten die Amerikaner ihr Land laut Statistiken noch mehr als sonst. Seit dem zweiten Weltkrieg haben Worten wie Nationalstolz oder Patriotismus in Deutschland einen sehr bitterer Beigeschmack mit. Kaum einer traut sich öffentlich zu sagen, dass er stolz auf sein Vaterland ist. Allenfalls Welt- und Europameisterschaften erlauben uns das Land in schwarz, rot und gold zu beflaggen. Dabei kann Nationalstolz so etwas schönes sein. Und es ist sehr wohl kombinierbar mit Weltoffenheit und Zukunftstracht: Das beweist Bayern eindrücklich mit dem inzwischen in die Jahre gekommen Spruch „Laptop und Lederhose“. Deutschland könnte sich davon als Ganzes eine Scheibe abschneiden. Wir sollten stolz auf unsere Verfassung, Demokratie und Werte sein. Und zwar ohne uns darauf auszuruhen. Stattdessen sollten wir uns immer wieder fragen: Wie können wir unser Land verbessern? Denn nur so und mit einem Hauch mehr Patriotismus kann auch eine zufrieden stellende Integration der aktuell über eine Million Flüchtlinge in Deutschland geschafft werden.

In Zeiten von Kulturkriegen und definierenden Gesellschaftsmomenten, ist es jedenfalls ratsam uns an unsere westlichen Verbündeten zu halten – ohne uns alles von Ihnen sagen zu lassen. Aber wir können einiges von ihnen lernen, auch offene Multikulturalität gepaart mit durchdachter Einwanderungspolitik. Dass Merkel und Obama zusammen wie ein verliebtes Jugendpaar wirken, ist sicherlich vielen zuwider. Die Amerika-Freundlichkeit der Bundeskanzlerin ist aber das beste Signal für Demokratie, das sie in den letzten Monaten gesendet hat. Wir wollen zwar keine Chlorhühnchen, Bevormundungen und zweifelhafte Gerichtsinstanzen, aber einen gerechten Freihandel. Und dieser beginnt mit gegenseitigem Aufeinander zugehen. Darauf basierend wird hoffentlich bald die Grundlage für ein TTIP-Wirtschaftswunder unterzeichnet. Besonders gut für die Exportnation Deutschland. Wir sollten besser auf Obama hören als auf die Trumps dieser Welt.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Slavoj Žižek, Tobias Endler, Nils Heisterhagen.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Angela-merkel, Barack-obama

Kolumne

Medium_2c39e622cc
von Stefan Groß
18.05.2019

Debatte

Die große Heuchelei des Westens

Medium_8d9b3cdaee

Die westliche Welt ist für die Kriege dieser Welt verantwortlich

Die westlichen Staaten sind für die Kriege und das große Leid der Menschen in Afghanistan, im Irak, in Syrien, dem Jemen und in Libyen verantwortlich, betont Oskar Lafontaine. weiterlesen

Medium_169fd8a9b4
von Oskar Lafontaine
23.04.2019

Debatte

In Deutschland ist Trump-Bashing angesagt

Medium_3dbb277c15

Trump beliebter als Obama

Hierzulande ist ein pausenloses Trump-Bashing angesagt. Geradezu legendär war das diffamierende Cover des Magazins Der Spiegel, auf dem ein stilisierter Trump mit einem riesigen Islamisten-Messer d... weiterlesen

Medium_58612643bc
von Petr Bystron
01.12.2018
meistgelesen / meistkommentiert