Rechts außen

von Wolf-Christian Ulrich21.11.2012Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Immer mehr Menschen in Deutschland haben ein geschlossen rechtsextremes Weltbild. Der Aufstand der Anständigen bleibt jedoch aus.

Manchmal reicht schon die Einzelempirie. Wenn Klaus und Ramon zusammen einkaufen gehen und nacheinander in Ost-Berlin an der Kasse stehen, wird Klaus von der Kassiererin angelächelt und Ramon einen Moment später verächtlich nicht angeschaut.

Eine Beobachtung, die die beiden ständig machen. Alltagsrassismus nennen sie das. Aber Deutschland redet da ungern drüber. Als jüngst eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung nachweist, dass etwa ein Zehntel der Deutschen offen antisemitisch ist, dass 43 Prozent der Ostdeutschen ihr Land „gefährlich überfremdet sehen“ (obwohl dort fast keine Migranten wohnen), ist die Aufregung groß – in den Medien, kurz wenigstens.

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf

Ein „geschlossen rechtsextremes Weltbild“ sehen die Forscher in Ostdeutschland bei 15 Prozent der Menschen, in Westdeutschland bei 7 Prozent. BKA-Chef Jörg Ziercke warnt, der Rechtsradikalismus sei „jünger, aktionsorientierter und militanter“.

Sofort die Schlagzeilen: Schock. Deutschland rechtsextrem. Sofort Zweifler: Die Studie könne so nicht stimmen. Derlei lässt sich sogar aus ostdeutschen Ministerien hören.

Anstatt sich den Ergebnissen zu stellen, wird relativiert. Werden wissenschaftliche Erkenntnisse in Zweifel gezogen. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Mit dem Ergebnis, dass bald niemand nichts mehr glaubt.

Ein kritischer Blick stünde uns dagegen gut an. Einmal auf die Behörden: Die Versäumnisse bei der (Nicht-)Verfolgung des „NSU“ stehen täglich in der Zeitung. In Frankfurt/Main wird ein asiatisch aussehender Mann festgenommen, weil er keinen Fahrschein hat. In Hoyerswerda rät die Polizei Nazi-Opfern, doch wegzuziehen. Der Bürgermeister findet das normal. Und so weiter.

Deutschland rückt nach rechts

Und dann auf uns selbst: Widersprechen wir auf Partys wirklich, wenn einer rassistischen Blökstoff ablässt? Trauen wir uns, Courage zu zeigen? Auch, wenn man hinterher als Spielverderber dasteht? Mischt man sich ein? Und was sagt man denn jener Frau an der Kasse?

Deutschland rückt nach rechts und das – sagt die Studie – ist kein Randphänomen. Doch es wird in der Tat schwierig mit dem „Aufstand der Anständigen“, den Altkanzler Schröder einst einforderte: Denn der scheint in manchen Landstrichen Deutschlands gar nicht mehr gefahrlos möglich.

_log in fragt am Mittwoch um 22.20 Uhr „Kampflos ergeben: Sind wir gegen rechts gerüstet?“ Im Netz unter “login.zdf.de”:http://blog.zdf.de/zdflogin/ und im Fernsehen auf ZDFinfo. Leserbriefe von The European können in der Sendung aufgegriffen und diskutiert werden._

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