Null-Kind-Politik

von Wolf-Christian Ulrich14.11.2012Innenpolitik

Reden wir endlich über Wahlfreiheit, und nicht mehr über die alten Schlachten, die längst um Kitas und Betreuungsgeld geschlagen wurden.

Wahlfreiheit ist einfach toll. Vor allem hier in Berlin, wo es viele Kita-Plätze gibt und bald noch einen Anspruch aufs Betreuungsgeld. Darüber hinaus genießen glückliche Mütter heute längst eine Menge Wahlfreiheit. Sozusagen: Eine Freiheit plus! Kaum zu glauben, wie viele Läden sich auf Kinder-Accessoires spezialisiert haben heutzutage. Dann: In welchem Mutter-Kind-Café man das Elternzeitgehalt mit den Freundinnen aus der Rückbildungsgymnastik auf den Kopf hauen kann. Oder man geht zum Babyschwimmen. Zum Baby-Yoga. Zur Baby-Massage. Zum Prager Eltern-Kind-Projekt. Zur Spaziergehgruppe. Oder man organisiert eine Protestdemonstration vor diesem Laden in Berlin-Mitte, in den man angeblich nicht mit dem Kinderwagen rein darf. Oder man sucht sich unter den vier verfügbaren Patchwork-Großeltern-Paaren das aus, das Freitagvormittag einspringen kann, wenn Pilates ist.

Auf die Wahlfreiheit kann man sich nicht verlassen

Und dann gibt es Mütter, die hören von all dieser Wahlfreiheit und fragen sich, ob sie richtig hören. Die blicken dann hilfesuchend zu einer Frau, die in ihrem Alter ist, einen Mann im öffentlichen Dienst hat, ein Kind, gleichzeitig ein Buch schreibt und dazu noch einen Vollzeitjob als Bundesministerin hinlegt und daneben noch Zeit hat für Zoff mit Deutschlands Frauenkämpferinnen. Die spricht – das schreibt ihr der Job so vor – von Wahlfreiheit. Weil es jetzt Betreuungsgeld UND Kita-Plätze gibt. Also dann im August.

Diese Frauen mit fragendem Blick wissen noch nicht, ob sie sich wirklich auf diese Wahlfreiheit verlassen können. Einige von ihnen sind alleinerziehend. Sie arbeiten, weil sie wollen, und weil sie besser leben wollen als von Stütze. Ihr Leben ist ein Wunderwerk der Organisation. Ihr Leben ist oft genug Erschöpfung. Müde ist das neue Wach. Wahlfreiheit? Kennen sie aus dem Fernsehen.

Und dann sind da diejenigen Frauen, die froh sind, dass sie UND ihr Mann einen Job haben, weil sie sonst die Familie nicht unterhalten können.

Die Alleinerziehenden und die Doppelarbeiter freuen sich über die Wahlfreiheit in Deutschland:

Über ihre Kita, die von 6 bis 22 Uhr offen hat, weil sich die Schicht ja nicht nach der Kita richtet. Oder weil sie Betreuungsgeld bekommen und aussteigen können – wird schon hinkommen mit 100 Euro. Oder die Vorschule mit Hort und Hausaufgabenhilfe. Oder die Schule, an der das Kind essbares Mittagessen vorgesetzt bekommt. Oder die Schule, die um 6 aufmacht und nachmittags entweder Sport oder Musik oder Hausaufgabenhilfe bietet – bis 18 Uhr. Oder die Schule, die um 14 Uhr dichtmacht, aber dafür Chinesisch bietet und Computerkurse. Oder einen Kindergarten, der nur am Wochenende öffnet (endlich klappen die Wochenend-Aushilfsdienste im Restaurant, die echt wichtig sind, damit die regulären Wochenendkolleginnen auch mal frei machen können und ihnen die Beziehung nicht immer aufs Dach steigt). Oder es gibt Elternzeit für die Großeltern, damit Oma mal drei Monate einspringt. Chef nervt schon. Oder sie werden im Job mal ein halbes Jahr lang ersetzt und müssen sich nicht schämen für ihr Kind, weil das Kind als persönlicher Angriff auf die Kollegen gewertet wird, die dann Überstunden machen müssen. Oder der Betrieb hat Zugriff auf einen Pool an Tagesmuttis, die einspringen, wenn die Orga mal versagt. Oder der Bürgermeister hat mit den 15 Unternehmern im Gewerbegebiet zusammengelegt und eine Gewerbekita aufgemacht. Oder die Krippe nimmt den Kleinen nur jede zweite Woche – wenn Frühschicht ist. Oder, oder, oder. Das wär’s doch.

Wir haben noch keine Wahlfreiheit

Ich würde behaupten: Wir haben noch keine Wahlfreiheit in Deutschland. Auch nicht für die 39 Prozent der Kinder, für die wir dieses Angebot mit Kita-Plätzen bis zum 1. August 2013 eigentlich schaffen wollen.

Wahlfreiheit fängt bei der Auswahl an. Die gibt es noch nicht. Wahlfreiheit ist, wenn das Thema Kinder uns alle angeht und wir alle unseren Beitrag leisten. Wenn wir Kinder mitdenken. Da ist noch viel zu tun.

_log in fragt am Mittwoch um 22.20 Uhr „Null-Kind-Politik: Werden Eltern um den Kita-Platz betrogen?“ Im Netz unter “login.zdf.de”:http://login.zdf.de und im Fernsehen auf ZDFinfo. Leserbriefe von The European können in der Sendung aufgegriffen und diskutiert werden._

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