Der Schwache kann nicht verzeihen. Verzeihen ist eine Eigenschaft des Starken. Mahatma Gandhi

Auf die Mitte kommt es an

Arme und Reiche ruhen sich auf den Leistungen der Mittelschicht aus. Fragt sich, warum diese das mit sich machen lässt.

In den USA geht’s grade um die Mitte. Mit aller Macht. Im nächsten Jahr wird es in Deutschland auch so sein. Die Wahlen werden in der „Mitte“ entschieden. Bei denen, die das Land tragen, die mit dieser Gesellschaft Hoffnung und Chancen verbinden. Und die dafür zahlen, dass der Laden läuft. Dafür zahlen sie übrigens mehr als andere.

Zwei Parallelgesellschaften: Arme und Reiche

Der „Stern“-Journalist Walter Wüllenweber warnt in seinem jüngst erschienenen Buch „Die Asozialen“ davor, dass sich unsere Gesellschaft auflöst: weil sich mittlerweile zwei Parallelgesellschaften auf den Leistungen der Mittelschicht ausruhen.

Zum einen die Reichen, die in einer Art gated community ein Vermögen verwalten, das zu wenig mit produktivem Unternehmertum gemein hat; die im Verhältnis zu wenig Steuern und Beiträge zahlen, und die Finanzierung des Gemeinwesens weitgehend der arbeitenden Mittelschicht überlassen.

Zum anderen die Armen, die von einer Hilfsindustrie gepampert hartzend vor dem Fernseher ausharren; die sich eingerichtet haben in ihrer Teilnahmslosigkeit und denen echte Chancen wegen mangelnder Bildung verwehrt bleiben.

Darüber lässt sich streiten. Wüllenwebers Zahlen geben allerdings zu denken. Vor allem in der Krise ist die Zahl der Vermögensmillionäre in Deutschland sprunghaft angestiegen. Die vermögensstärksten zehn Prozent besitzen laut Bundesregierung über die Hälfte des gesamten Nettovermögens. Die untere Bevölkerungshälfte dagegen besitzt nur ein Prozent des gesamten Nettovermögens. Aber: Ein Drittel ihrer gesamten Wirtschaftsleistung gibt die Bundesrepublik für Soziales aus. Zweieinhalb Millionen Menschen arbeiten in der von Wüllenweber so genannten „Hilfsindustrie“. Mehr als bei den Autobauern.

Fragt sich nur, warum die Mittelschicht das nun alles hinnimmt. Vielleicht sind die meisten einfach zufrieden mit dem Status quo. Nach neuen Zahlen des DIW schrumpft die Mittelschicht vorerst nicht mehr. Auch wenn die Reallöhne stagnieren und der Abstand zu den Reichen wächst.

Vielleicht ist die Mitte beruhigt, dass es in Deutschland verglichen zu anderen Ländern doch ganz ordentlich läuft. Vielleicht ist die Mitte gutmeinend: wer reich sei, wird es sich schon verdient haben. Vielleicht weiß die Mittelschicht auch gar nicht, wer sie selbst ist. So bemerkt Ulrike Herrmann in ihrem Buch zum „Selbstbetrug der Mittelschicht“: Die Mittelschicht fordert vehement Entlastungen für die Eliten, zu denen sie sich fälschlich selbst zählt. Und übersieht dabei, dass sich die Steuerprogression auch derart gestalten ließe, dass allein die wirklichen Spitzenverdiener mehr zahlen müssten.

Die Politik muss die Rahmenbedingungen gestalten

Am Ende liegt es an der Politik, die Rahmenbedingungen der Gesellschaft so zu gestalten, dass der Laden nicht auseinanderfliegt. Wenn die Mittelschicht erkennt, wer ihr auf der Tasche liegt, und wenn es Parteien gibt, die von der Mittelschicht gewählt werden wollen, müsste das eigentlich in einem politischen Konzept münden, die Mitte zu stärken. Nicht, um Geschenke zu verteilen, sondern um in Deutschland allen eine gute Chance zu geben, auf eigenen Füßen am Gemeinwesen teilzuhaben. Wenn „die Mitte“ darauf nicht drängt, braucht sie sich über Wüllenwebers „Asoziale“ auch nicht zu beklagen.

log in fragt am Mittwoch um 22.20 Uhr „Ohne Fleiß fetter Preis: Saugen Arm & Reich das Land aus?“ Im Netz unter login.zdf.de und im Fernsehen auf ZDFinfo. Leserbriefe von The European können in der Sendung aufgegriffen und diskutiert werden.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Wolf-Christian Ulrich: Macht Glaube selig?

Leserbriefe

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