Transparent bis zum letzten Cent

von Wolf-Christian Ulrich9.10.2012Innenpolitik

Um Peer Steinbrücks Vortragshonorare ist ein Streit entbrannt. Dem designierten Kanzlerkandidaten hilft nur noch die Flucht nach vorn.

Wer sich für die Politik entscheidet, weiß in der Regel, worauf er sich einlässt. Man setzt sich einer extrem hohen Anforderung aus: dem Vertrauen der Wähler – und permanenter Beobachtung. Da braucht’s ein mindestens hohes Maß an Korrektheit. Und Jungs wie Steinbrück sind so lange im Geschäft, dass sie eigentlich genau wissen, worauf sie sich einlassen: wenn sie aus der politischen Rente wieder auf die Rampe wechseln.

Also: mindestens eine halbe Million für Vorträge. Spitzenreiter unter den Bundestagskollegen. Glückwunsch, sagen die einen. Woher nimmt er bloß die Zeit dafür, sagen die andern, wenn er eigentlich im Hauptberuf hart arbeitender Abgeordneter ist. Egal. Der Sozialdemokrat Steinbrück sah sich plötzlich nicht nur einer Debatte über politischen Stil ausgesetzt, sondern dazu noch einer vom politischen Gegner angefachten Neiddebatte.

Demokratie lebt vom Vertrauen

Was sagt eigentlich die Kassiererin zu diesen Summen? Was sagt sie zur Nähe zwischen Geld und Politik? In einer Zeit, in der Banken gerettet werden und die kleinen Leute dafür geradestehen. Diejenigen übrigens, die im kommenden Herbst SPD wählen sollen. Das kann man nun Stammtisch finden – aber interessanterweise spricht Steinbrück in einem Interview am Wochenende genau diese Ressentiments an.

Er weiß, dass Demokratie von Vertrauen lebt. Und die Mehrheit der Bürger lebt nicht in jener Welt von Häppchen und Limousinen. Eher Holzklasse. Steinbrück muss denen nun in einem Atemzug erklären, warum er von Banken Kohle bekommt, die er in seinen Vorträgen angeblich kritisiert. Und warum er plötzlich für Transparenz ist und gestern noch dagegen war. Er erklärt es also. Man merkt ihm an, dass er versucht, geduldig zu bleiben.

Ja, Politiker verdienen nicht so, wie Verantwortungsträger in der Wirtschaft verdienen. Daraus erwächst mitunter Trotz und ein Gefühl von Ungerechtigkeit – bei denen, die viel und hart arbeiten. Andererseits zwingt sie natürlich auch keiner dazu, ihr Wochenende in muffigen Parteiversammlungen zu verbringen. Sich von Nahles oder Döring oder Dobrindt einnorden zu lassen. Oder ein Büro mit Blick auf den Tiergarten zu beziehen, Macht zu haben, das Land zu gestalten, Pensionsansprüche zu sammeln und am Ende gefragter Redner zu sein.

Der Gewählte hat ein öffentliches Amt, und ein Amt immer in der Öffentlichkeit. Ein hartes Amt. Und eines, das hinterher auch so manche Option bereithalten kann: siehe Gazprom-Schröder oder BMW-Joschka.

Flucht nach vorn

Steinbrück ist nun die Flucht nach vorn angetreten. Transparent bis zum letzten Cent. Richtig so. Es ist gut zu wissen, mit wem mein Abgeordneter Wein trinkt, während er Wasser predigt. Hier das Argument der Privatheit anzuführen, war nicht angemessen. Es geht nicht um die Schnitzelrechnung im Borchardts. Abgeordnete sind den Bürgern verpflichtet, nicht den Hinterzimmern. Für die Öffentlichkeit beginnt die Grenze zur Privatsphäre der Politiker an dessen Haustür. Dort endet allerdings auch die private Grenze des Politischen, wie man jüngst bei Christian Wulff gesehen hat.

_log in fragt am Mittwoch um 22.20 Uhr „Traumjob Abgeordneter – Sprungbrett zum Großverdiener?“ Im Netz unter login.zdf.de und im Fernsehen auf ZDFinfo. Leserbriefe von The European können in der Sendung aufgegriffen und diskutiert werden._

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