Kein kleiner Schnitt

von Wolf-Christian Ulrich21.08.2012Innenpolitik, Medien

Videos von Beschneidungen sind schwer zu ertragen. Besonders, wenn der Ton dazu an ist. Warum also gehen unsere Politiker so nonchalant über das Kindeswohl hinweg?

„Ich empfehle den Ton auszuschalten, da dass Geschrei des Kindes sehr aufwühlend sein kann.“ Schreibt mir unser Onliner und schickt mir einen Link, der zeigt, wie ein kleiner Junge beschnitten wird. Im Namen einer Religion. Ich habe es mir nicht zuende ansehen können. Über die Vorhaut ist viel geschrieben, gelästert und gelächelt worden in den vergangenen Wochen. Das Landgericht Köln hatte in einem Urteil gesagt: Religiöse Gründe für eine Beschneidung seien unangemessene Gründe für eine solche Körperverletzung. Der Bundestag will nun die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen in Deutschland legalisieren. Sonst seien wir eine Komiker-Nation, sagt die Kanzlerin.

Im Namen der Religionsfreiheit

Ich habe mir das Video also angesehen und das Kind schreien gehört und dann gelesen, dass muslimische und jüdische Religiöse sinngemäß sagen, ohne Beschneidung sei ihre Religion in Deutschland nicht willkommen. Es steht mir nicht zu, die Wichtigkeit und Wertigkeit von Beschneidungen für Religionen zu bewerten, denen ich nicht angehöre. Aber was mich stutzig macht ist, dass unsere Abgeordneten ziemlich schwuppdischnapp über die körperliche Unversehrtheit der betroffenen Kinder hinweggehen – im Namen der Religionsfreiheit. Mein Eindruck ist: Viele Politiker und auch Journalisten reagieren sehr voreilig. Besonders seltsam wird es, wenn Ministerinnen sagen: Das Gesetz solle aber die Genitalverstümmelungen von Mädchen ausschließen. Das sei nämlich in jedem Fall schlimm. Bei Jungen dagegen müsse man vielleicht über Betäubung reden. Ich kann nicht glauben, dass dies der Bewertungshorizont ist, vor dem diese Fragen am Kabinettstisch besprochen werden. Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger, FDP, sieht das Gesetz schon vor dem Bundesverfassungsgericht. Ich bin deshalb gespannt, wie sich der Bundespräsident zu einem Gesetz positioniert. Joachim Gauck ist Pastor. Er ist Bürgerrechtler. Er ist Bundespräsident. Er spricht von Freiheit. Er ist kein Jurist.

Die Kinder sollen selber entscheiden

Wird ihm sein Gewissen sagen, dass es um die Religionsfreiheit des Kleinkindes geht? Oder um die Religionsausübung der Eltern zu Lasten der körperlichen Unversehrtheit eines Dritten: nämlich des wehrlosen Kindes? Sieht er das Kind als eigenständige Person oder als Eigentum der Eltern? Sieht er das Kind unter dem besonderen Schutz der Verfassung unseres Staates? Und wenn ja: Kann er dann mit seiner Unterschrift dem Kind den Schutz nehmen und den religiös motivierten Griff zum Skalpell straffrei stellen? Ich meine, die Kinder sollen selber entscheiden. Wenn sie volljährig sind. Eine religiöse Erziehung nach den Maßstäben des Rechtsstaats schließt das Recht auf Körperverletzung nicht ein. Sondern sie eröffnet dem reifen Menschen Wege zu einem erfüllten Glauben. Die spirituellen und werteorientierten Grundlagen der unterschiedlichen Glaubensrichtungen bereichern unsere Gesellschaft, wenn sie sich mit der Menschenwürde vereinbaren lassen. Gewaltsame Bräuche dagegen? Ich glaube nicht. Aber das ist meine persönliche Meinung – in meiner Sendung geht’s dagegen um die Debatte meiner Gäste mit Ihnen zuhause. Darauf freue ich mich. Vor allem bin ich gespannt auf Ihre Position: die bei „log in“ eine ganz wesentliche Rolle spielt. Ab jetzt übrigens zu neuer Sendezeit: immer Mittwochs nach dem Fußball um halb elf. _log in fragt am Mittwoch um 22:30 Uhr: „Religionsfreiheit oder Kindeswohl: Darf man kleine Jungs beschneiden?“(Link)

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