Bretter, die die Chance bedeuten

von Wolf-Christian Ulrich22.05.2012Innenpolitik, Medien

Der Eurovision Song Contest feiert in einem Klima der Angst. Und wir singen nicht nur in Baku, sondern spielen auch Eishockey in Minsk und Fußball in Kiew. Es stellt sich die Frage, welche Verantwortung Akteure, Veranstalter und Zuschauer haben.

Tommie Smith und John Carlos hatten einen Wahnsinnslauf hingelegt, im Herbst 1968 in Mexiko-City. 200 Meter olympisch. Tommie Smith läuft Rekord: 19,83 Sekunden. Die Spiele hatten stattgefunden, obwohl kurz vor der Eröffnung bei Studentendemonstrationen 337 Menschen durch Schüsse von Sicherheitskräften starben. Die Studenten hatten gegen das Regime protestiert. Trotzdem feierte die Welt Olympia. Die amerikanischen Athleten Tommie Smith und John Carlos besteigen gemeinsam mit dem Australier Peter Norman das Podest. Sie sind beide schwarz, Norman ist weiß. Im selben Jahr war Martin Luther King erschossen worden. Sie erhalten die Medaillen. Recken schweigend die Fäuste hoch, Zeichen der umstrittenen Black-Power-Bewegung – eine stumme Geste für die Bürgerrechte.

Gigantische Selbstdarstellungsshow

Wer zeigt heute Position für Bürgerrechte bei ESC und Fußball-EM? Der Eurovision Song Contest findet in dieser Woche in einem Land statt, das weit entfernt ist von unseren Vorstellungen der Bürgerrechte. “Die internationale Show- und Partylawine rollt nach Baku(Link)”:http://theeuropean.de/peter-urban/10985-eurovision-song-contest-2012. Es ist die schwule Weltmeisterschaft in einem Land, das Homosexuelle verachtet. Veranstaltet in einer Partyhalle, die auf den Trümmern von Häusern armer Leute gebaut wurde, die einfach weggeschickt wurden. Geht uns das was an? Klar. Es ist eine ziemlich deutsche Veranstaltung. Die deutsche Firma Brainpool organisiert die Show, mit tonnenweise deutscher Technik, mit deutschem Know-how, in der Crystal Hall – gebaut von einer deutschen Firma. Der deutsche Gebührenzahler finanziert über die ARD und die European Broadcasting Union eine gigantische Selbstdarstellungsveranstaltung für Präsident Alijew, der durch massiven Wahlbetrug an die Macht kam, in dessen Land politische Gefangene gemacht werden und dessen Macht viele Zeichen von Diktatur zeigt: Vetternwirtschaft, Zensur, Repression freier Meinungsäußerung, ein Klima der Angst. „Wir machen hier die Show“, sagt Brainpool-Chef Jörg Garbosch den ARD-„Tagesthemen“, „die Show liefert eine Bühne dafür, dass diese Themen hier diskutiert werden.“ Auf der ESC-Seite der ARD heißt es jedoch: „Texte, Ansprachen und Gesten politischer Natur sind während des Contests untersagt.“ Thomas Schreiber, ARD-Unterhaltungskoordinator, sagt: „Der ESC bietet eine große Bühne: dem Sänger, dem Land, und die Opposition nutzt es auch als Bühne, um ihre Position darzustellen.“ Natürlich drücken wir Roman Lob die Daumen. Doch wie soll er sich verhalten? In drei Wochen dann das nächste Spektakel auf politisch wackligem Boden. “Die Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine(Link)”:http://theeuropean.de/hajo-seppelt/11054-fussball-em-in-der-ukraine-und-fair-play. Gauck hat abgesagt, die Mannschaft fährt hin. Lahm hat Mumm und äußert sich kritisch. Die Politik zögert, ob sie sich blicken lassen soll.

Sollte man Sport nicht Sport sein lassen?

Übernächstes Jahr dann: Eishockey in Weißrussland. Eine schlimme Diktatur. Was hat unser Team da zu suchen? Bringen diese Wettbewerbe tatsächlich eine Offenheit, die ein Land verändern kann? Soll man den Sport nicht Sport sein lassen? Oder sollen sich Sportler oder Künstler von sich aus äußern? Sie haben alles in ihrem Leben auf den Moment des Wettbewerbs ausgerichtet. Sollen sie nun gradestehen für politisch unbedachte Entscheidungen ihrer Verbände? Welche Argumente haben eigentlich die Sportverbände bewogen, Teilnehmer und Zuschauer in diese Lage zu bringen? Und wie sehen wir Zuschauer diese Wettbewerbe? Wollen wir nicht zu Recht entspannt eine EM in guter Stimmung verfolgen? Der Olympiasieger Tommie Smith war damals 24. Er flog am Tag seines Sieges, am Tag seines Protests, aus dem Nationalkader. Zehn Jahre später wurde er in die Hall of Fame des nationalen Leichtathletikverbands aufgenommen. Amerika brauchte seine Zeit. Dabei hatte Smith erst protestiert, als längst andere Helden der schwarzen Bürgerrechtsbewegung eine Spur in den Geschichtsbüchern hinterlassen hatten. Fünf Jahre zuvor hatte Martin Luther King seinen Traum postuliert. 15 Jahre zuvor war Rosa Parks im Bus nicht aufgestanden. _log in fragt am Mittwoch um 21 Uhr: „Fußball, Schlager, Menschenrechte – Party oder Boykott?“ Im Livestream unter “login.zdf.de(Link)”:http://login.zdf.de und im Fernsehen auf ZDFinfo. Leserbriefe von The European können in der Sendung aufgegriffen und diskutiert werden._

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