Vier Flaschen für das Fernsehen

von Wolf-Christian Ulrich1.05.2012Innenpolitik, Medien

Hallo erster Mai. Weil morgen die Netzleute auf der republica zum halali auf alles Etablierte blasen, sitze ich heute im Büro und trinke auf das Ende meiner Branche.

Zwei Dinge bereiten mir Unbehagen. Zum einen die Kreativabteilung von Apple. Apple hat mit iTunes die gesamte Musikindustrie umgegraben. Indem Apple gezeigt hat, wie man mit maximal drei Klicks Musik verkauft. Also für Geld. Im Internetz. Das hat die Industrie nie überzeugend hinbekommen. Das war Revolution. Jetzt warten alle auf den Apple-Fernseher. Nur: Was macht das mit meiner Industrie?

Wozu noch Öffentlich-Rechtliche?

Wenn das iPad zu einer Fernbedienung wird für einen riesigen Bildschirm, auf dem interaktiv zwei Medien verschmelzen … Dann ist die ganze Welt im Wohnzimmer – zum Preis einer Highspeedflatrate. Wozu braucht man dann ein öffentlich-rechtliches Fernsehvollprogramm?

Will ich nicht in Zukunft selbst auswählen, was ich genau wann sehen will? Schon heute sagen mir Menschen auf der Straße, die mich mit Ralph Caspers verwechseln, dass Sie auch immer „neo“ gucken – dabei laufe ich doch auf „info“ und ich hab noch nie für „Wissen macht Oops“ gearbeitet. Es kann doch kaum noch jemand die ganzen Fernsehsender auseinanderhalten. Was heißt das denn, wenn einer bei Benz arbeitet und gesagt bekommt: Hey, Euer Focus macht aber echt Probleme im zweiten Gang? Es heißt, dass mein erster Mai mit zwei Flaschen Rotwein endet.

Die dritte Flasche öffnet sich von selbst – bei dieser Nachricht. Die Deutschen nutzen das Fernsehen primär zur Entspannung und zur Unterhaltung. Sie informieren sich dagegen inzwischen primär im Internet.

Natürlich haben wir seit gestern eine nagelneue Mediathek. Die Mediathek finden viele auch cool. Mal sehen, was da grade am meisten geklickt wurde… Wow. Die heute show hat heute die Telenovela geschlagen. Da erzähle ich auf jeder Küchenparty was von unabhängigem Journalismus, vom Kultur- und Bildungsauftrag und verteidige damit die schreckliche Haushaltsabgabe (schon der Begriff ist desaströs). Und in Wirklichkeit interessiert das nur noch ein Viertel aller Medienkonsumenten.

Also: Wozu braucht man öffentlich-rechtliches Fernsehen in einer Zeit, in der jeder seine Informationen selbst recherchieren kann? Wie erklären, dass die Einordnung von Nachrichten wirklich wichtig ist, wenn Informationen unentgeltlich immer überall abrufbar sind. Wenn jeder Journalist sein kann. Und wenn mein Sender immer mehr Arbeit verdichtet, weil die KEF findet, dass wir zu viele Leute beschäftigen. Ich bekomme das alles nur schwer zusammen.

Qualität heißt oft nicht Quote

Es wird eine spannende Sendung morgen. Vor allem will ich eins wissen. Ist öffentlich-rechtliches Fernsehen nun Massenmedium? Für alles und jeden Geschmack? Oder sollen wir lieber dem intellektuellen Anspruch der Feuilletonredaktionen von FAZ und SZ genügen? (Kein Sorge, der ist allerdings so intergalaktisch, das schaffen wir nie.) Falls das ZDF dann wirklich so wenig Zuschauer hat, wie der Spiegel Leser: Würdet Ihr uns wirklich halten wollen? Überhaupt: Warum heißt Qualität oft nicht Quote? Bitte schreiben Sie mir Ihre Meinung. Es sind jetzt eh vier Flaschen Rotwein. Ich halt es also aus.

_log in fragt am Mittwoch um 21 Uhr: „log out: Ist das Netz zu schnell fürs Zweite?“ Im Livestream unter “login.zdf.de(Link)”:http://www.login.zdf.de und im Fernsehen auf ZDFinfo. Leserbriefe von The European können in der Sendung aufgegriffen und diskutiert werden._

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