Des Volkes neue Turnschuhe

von Wolf-Christian Ulrich17.04.2012Innenpolitik, Medien

Lassen die Piraten die Grünen alt aussehen?

Kaum von der Osterinsel wieder eingetrudelt, wieder die Piraten auf dem Schreibtisch. Mit einer sonderbaren Meldung. Neuerdings machen die Fraktionschefs von CDU/CSU, SPD und FDP Werbung für die Orangen. Anders kann man es nicht nennen, wenn die Etablierten jetzt Abweichlern aus den eigenen Reihen im Bundestag den Mund verbieten wollen. Dabei reden doch jetzt alle von „mehr Transparenz“ und „neuem Politikstil“ und „Wir müssen anders kommunizieren … die Bürger, die Bürger.“ Mitmischen ja – aber bitte nur auf Cheflinie? Die Grünen machen nicht mit bei dem Antrag. Sie stehen eh ein bisschen abseits grade. Eben noch auf der Suche nach einem Kanzlerkandidaten, jetzt in Deckung. Argusaugen auf die Piraten. Die Wahlen im Norden und in NRW im Blick. Die Piraten vermasseln uns Rot-Grün, zischeln sie, und das mit unseren Themen. Klar: beide gegen Vorratsdatenspeicherung, beide für ein Wie-auch-immer-Grundeinkommen, beide gegen ACTA aber beide für Joints – das sind schon mal Gemeinsamkeiten.

Das Twitterkonto ist heute so wie Fischers Turnschuh

Das politische Feuilleton lässt ob dieser Beobachtung inzwischen fast täglich die Korken vom Barolo knallen und sinniert selig über damals zweiundachtzig. Die bringen frischen Wind rein, raunt es links. Das Twitterkonto ist heute so wie Fischers Turnschuh, raunt es noch mal links. Basisdemokratisch sind sie auch, merkt es rechts an, wie die Grünen früher, aber stricken die auch? Und dann sind sie noch postgender – und das ist zugegebenerweise eine echt geniale Neudeutung von Macho. Anerkennendes Grinsen in der Runde. Darauf zum Wohl. Die aktiven Grünen dagegen sind längst hellhörig. Old school zu gelten wirkt wie Ameisengift. Diesen Vorwurf nehmen die Jungwähler mit in den Bau, und was sagt dann der wertkonservative iPad-Papi, der grad illegal Schlager von Alexandra runterlädt? Lassen die Piraten die Grünen alt aussehen? “Piraten-Coverboy Christoph Lauer(Link)”:http://www.theeuropean.de/christopher-lauer zuckt da nur lässig die Schultern: „Weiß ich nicht.“ Als ob ihn das gar nicht interessiert. Also vorsichtig Attacke. „Kulturflatrate“, sagt Trittin. „Wir nehmen die Piraten ernst“, sagt Özdemir. Und: „Eine Partei, die alles umsonst fordert, gibt es eigentlich schon: Das ist die Linkspartei.“ Da wollen welche erwachsener sein, aber nicht so wirken. Doch diese Ansagen müssten anders klingen. Wie viel Transparenz ertragen eure Führungsleute wirklich? Was macht Regieren mit einem? Was heißt es, Verantwortung zu übernehmen, wenn der Euro auf der Kippe steht? Was heißt Schuldenbremse?

Ringen um Sachfragen

Sagt “Volker Beck(Link)”:http://www.theeuropean.de/volker-beck, Fraktionsgeschäftsführer im Bundestag: „Die Piraten sind eine Beta-Version einer Partei. Der Content muss noch nachgeliefert werden.“ Der Nerd-Sprech ist schon eine Kategorie besser als Patrick Döring. Doch einen potenziellen Piraten wird er damit nicht überzeugen. Denn die piratöse Attraktionskurve misst sich momentan noch am Reiz des Unbestimmten. Klar ist es easy, zu sagen: Politik ist nicht Koalition, sondern Ringen um Sachfragen. Die Antwort des Establishments kann deshalb nur die ernsthafte Auseinandersetzung über genau diese Sachfragen sein. Mit einer gesunden Diskussionskultur, in der Abweichler nicht ausgegrenzt werden. In der Transparenz ernst genommen wird. Denn natürlich ist die Wahrheit im Netz auch nicht anders als im Leben. Die Auseinandersetzung steht jetzt an. Immerhin haben die Piraten innerhalb kürzester Zeit ihre Mitgliederzahl auf etwa 25.000 hochgepimpt. Da tritt man sich respektvoll gegenüber. Beispiel. So liest sich die Twitter-Verabredung von Beck und Lauer vor unserer Sendung am Mittwoch:

Jungs, ich frag dann mal nach einem Aschenbecher. _log in fragt am Mittwoch um 21 Uhr: „Lassen die Piraten die Grünen alt aussehen?“ Im Livestream unter “login.zdf.de(Link)”:http://blog.zdf.de/zdflogin/ und im Fernsehen auf ZDFinfo. Leserbriefe von The European können in der Sendung aufgegriffen und diskutiert werden._

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