Aus der Zeit gefallen

Wolf-Christian Ulrich20.03.2012Innenpolitik, Medien

Schon wieder Warnstreiks in Deutschland. Kämpfen die Gewerkschaften für die Falschen?

Ich soll über die Gewerkschaften schreiben, aber dafür ist das Wetter zu schön. Keiner meiner Freunde, die ich an diesem Sonnensonntagnachmittag getroffen habe, wollte mit mir über die Gewerkschaften reden. Obwohl es eigentlich Grund dazu gegeben hätte. Kaffee schwarz mit Zucker kam erst mal eineinhalb Stunden zu spät – da war noch ein Projekt, das am Sonntag noch fertig werden musste. Kaffee schwarz mit doppelt Zucker und einem Pack Zigaretten kam erst gar nicht, weil er bei einem dieser zusätzlichen Pflicht-Wochenenden war, wo für Vorabendserien die Handlung erfunden wird. Milchkaffee kam kurz vorbei, musste dann aber weg, weil er aufs Kind aufpassen musste (Frau hat Spätdienst). Und Latte-Mackiato mit Vanille aber Sojamilch kam für zwei Stunden mit Tochter, was sehr schön war, weil ich sie seit Monaten nicht gesehen hatte, was daran liegt, dass sie wirklich selbstständig ist – und ihr Mann auch. Kappotschino kam nicht, weil er gestern Abend schon im Kino war – und mehr als einmal Ausgehen im Monat ist finanziell nicht drin.

„Gewerkschaft ist unsexy“

Gewerkschaft, sagt ver.di, ist 5-Tage-Woche, bezahlter Urlaub, Kündigungsschutz und Streikrecht. Meine Freunde stehen für: flexible Arbeitszeiten, befristete Arbeitsverträge, Familie, Wochenendtrips, beide arbeiten mit Kind, prekäre Arbeitsverhältnisse, gut Umsatz – aber auch: bestenfalls Existenzminimum. „Gewerkschaft ist unsexy und aus der Zeit gefallen“, sinniert die begehrenswerte Kulturjournalistin von gegenüber und kaut dabei gedankenverloren am Bleistift. Und zitiert dann “Jenny aus unserem Blog”:http://www.youtube.com/watch?v=r67HGhjb04g: „Ich will nach meiner Leistung bezahlt werden und nicht danach, was irgendwelche Gewerkschaftsbosse aushandeln. Ich bin selber groß.“ Dann haben wir den Journalisten Hajo Schumacher an der Strippe. Der erinnert an „die rapide wachsende Zahl von prekären Arbeitsverhältnissen. Man spricht von zehn Millionen in Deutschland. Die sind gewerkschaftlich eigentlich nicht vertreten. Das heißt: Die, denen es ohnehin noch relativ gut geht, die sind auch gut vertreten – und die, die eigentlich Unterstützung bräuchten, die sind eben nicht vertreten.“ Je älter man wird, desto mehr verdient man. Das ist Teil der Gewerkschaftslogik. Das finden diejenigen Jungen beknackt, die für ihren Job leben. Und auch diejenigen, die, obwohl gut ausgebildet, von ihrem Job schlecht leben können.

Die Zeiten ändern sich

Die eine oder andere Gewerkschaft verzeichnet zwar einen Zulauf unter den ganz Jungen – doch sie bleiben denjenigen suspekt, die mitten im Leben stehen. Wie oft habe ich von Eltern den Satz gehört: „Bei uns damals war das ja noch anders“? Stimmt. Die Zeiten ändern sich, und mit ihnen die Beschäftigungsformen und Anforderungen. Auf einen Autobauer kommen inzwischen drei Grafikdesigner – resümiert Mark Fliegauf: “„Gewerkschaft? Überflüssig!“(Link)”:http://theeuropean.de/mark-t-fliegauf/8592-gewerkschaften-in-deutschland Viele bleiben ruhig, wenn ver.di nun auf die Straße geht. Gleichzeitig sind sie sauer auf fett bezahlte Funktionäre (ver.di-Bsirske 2010 geschätzt knapp 600.000 Euro): weil sie sich erpresst fühlen für eine Sache, die sie andern gerne gönnen – die aber mit der Lebenswirklichkeit vieler vor allem junger Irgendwie-Angestellter fast nichts zu tun hat. In den USA werden inzwischen immer mehr Gewerkschaften von Politik und Unternehmen ausgehebelt. Weil ihre Basis immer weiter wegbricht. Wenn die Gewerkschaften hierzulande im Spiel bleiben wollen, müssen sie sich neu aufstellen. Längst entsteht der Eindruck von einem Luxus-Club – neben einem Heer von Leiharbeitern, Freien und unfreiwillig Selbstständigen. Das ist nicht gut. Denn die Gewerkschaften sollen doch helfen in der Diskussion um die große Frage: Wie schaffen wir einen gerechten Ausgleich der Interessen in einem wettbewerbsfähigen Deutschland? Das Sonntag-Sonnen-Kaffee-Komitee fühlt sich hier nicht angesprochen. _log in fragt am Mittwoch um 21 Uhr: „Wenn mein Kollege richtig absahnt – sind die Gewerkschaften ein Luxus-Club?“ Im Livestream unter “login.zdf.de(Link)”:http://blog.zdf.de/zdflogin/ und im Fernsehen auf ZDFinfo. Leserbriefe von The European können in der Sendung aufgegriffen und diskutiert werden._

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