Plautz fliegt raus

von Wolf-Christian Ulrich13.03.2012Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Sind die Deutschen zu dick? Auf jeden Fall haben wir hierzulande ein merkwürdiges Verhältnis zu unserem Gewicht.

Meine Freunde erleben gerade öde Tage. Sie fasten, joggen und weil der Frühling kommt, müssen sie jetzt auch noch besonders fit werden. Deshalb landen sie dann mit Bänderriss in der Notaufnahme. Das ist toll, denn die Solidargemeinschaft braucht die Disziplinierten. Noch vor zwei Jahren gingen gehässige Fotos durchs Netz. Da sah man zwei Frauenhintern. Unter einem stand „USA“ und unter dem anderen „Europa“. Sie können sich vorstellen, was dort abgebildet war. Heute braucht man sich nur eine Stunde auf den Alexanderplatz zu setzen und man weiß, dass schlechtes Essen, zu viel Fernsehen und ausgeprägte Langeweile auch hierzulande Spuren hinterlassen.

Deutschland ist undiszipliniert und unangestrengt

Gerade lese ich in der Zeitung, dass die Speisen im Dr.-Oetker-Schulkochbuch von 1927 viel weniger Zucker hatten und auch weniger Fett als in der Ausgabe heute. Deutschland isst süß und geschmacksverliebt. Deutschland ist undiszipliniert und unangestrengt. Deutschland ist reif für Jogi Löw: morgens erst zweimal um den Block, dann ab zu Soost ins Psycho-Camp, schließlich Klum bis zum Einpuschern. Früher sprach Beuys: „Wer nicht denkt, fliegt raus.“ Heute spricht Calmund: „Wer nicht trainiert, wird aussortiert.“ Unsere Körper sind Dienstleister für die Leistungsgesellschaft geworden, “schreibt gerade gestern Tanja Dückers”:http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2012-03/gentrifizierung-deutschland-leistungsethos und analysiert: „Erfolg haben die Dünnen – Dicke werden bestenfalls noch Pförtner.“ Das hinterlässt Spuren bei jedem Einzelnen von uns. Sonntagnachmittag höre ich tatsächlich folgenden Satz: „Es ist nicht so schlimm, dass Du alt bist – aber dafür gehst Du jetzt zum Fitness!“ Ich war sofort sehr einverstanden. Irgendwann kann man nicht mehr fordern. Wotan Wilke Möhring hat mir neulich gesagt, dass man sich jeden Tag neu um den Partner bemühen muss. Und tatsächlich: Die Statistik zeigt da akute Defizite! Jeder zweite Singlemann hat Normalgewicht – doch über zwei Drittel der verheirateten Männer sind zu dick! Meine Kollegin am Schreibtisch gegenüber, Kulturjournalistin, begehrlich, hatte beim Lunch (Pizza!) folgende Erklärung: In der Ehe ist man glücklich und vergemütlicht. Nun gibt es allerdings Politiker wie Leonhard Kuckart, Chef der Senioren-Union NRW, die das Ganze auf die gesellschaftliche Ebene ziehen. Er sagt: „Dicke belasten die Solidargemeinschaft. Raucher auch. Sie sollten mehr bezahlen.“ Frankreich hat ja nun die Cola-Steuer. So eben. Der Comedian Oliver Beerhenke, umfänglich prädestiniert für seine Nockherberg-Interpretation von Sigmar Gabriel, setzt eins drauf. „Endlich Aufbruch in eine totale Individualisierung unserer Gesellschaft“, sprudelt es aus dem Telefonhörer, „am besten setzen wir noch die Gentechnik ein, damit wir alle gleich und normiert sind.“ (Das meint er natürlich ironisch). Es ist deshalb gut, dass die Bundesregierung auf Prävention setzen will. Der Kampf gegen das Übergewicht soll so prominent gefahren werden, dass es sogar einen Präventions-Gipfel geben soll! Heidenei, das wird brutal. Die Erfolge ähnlicher Gipfel (Bildung!) sitzen Deutschland immer noch in den Knochen. Vielleicht wird dort auch diskutiert, wieso die Solidargemeinschaft eigentlich die Kassen hoch bezahlter Schweizer Orthopäden fluten muss, nur weil ein paar waghalsige Alpin-Schickies die Spur nicht halten können.

Wir wollen alle perfekter werden

Natürlich können wir alle perfekter werden, um uns gegenseitig weniger zur Last zu fallen. Aber ein Solidarsystem muss das Individuum auch aushalten. Sagen diejenigen, bei denen die Knopfleiste spreizt. Na, na, na – erst ehrlich prüfen, dann widersprechen! _log in fragt am Mittwoch um 21 Uhr: „Germany’s next Top-Bürger – Null Toleranz für Dicke & Co.?“ Im Livestream unter login.zdf.de und im Fernsehen auf ZDFinfo. Leserbriefe von The European können in der Sendung aufgegriffen und diskutiert werden._

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