Einsachtundsechzig und kein Ende

von Wolf-Christian Ulrich28.02.2012Innenpolitik, Medien

Das Auto ist von gestern – sagen immer mehr junge Deutsche. Aber noch knallen bei Öl-Multis und Autokonzernen die Korken.

Mein Auto haut mir die Globalisierung jeden Morgen um die Ohren. Aufstieg der Schwellenländer, Boom in China und Indien, steigende Ölpreise, Oligarchie der Mineralölkonzerne, also Tanksäule einsachtundsechzig; dann natürlich Iran böse, Nigeria schlimm und jetzt noch diese Sauerei mit den Ölsanden in Kanada. “Dafür: Kein Gedränge in der Bahn. Keine Kontrolle. Keine Gerüchinnen und Gerüche ungeduschter Mitbürgerinnen und Mitbürger. Kein stehen müssen. Keine Trompeter. Keine nervigen Ansagen, die mit „Wir bitten um Entschuldigung“ aufhören. Ich entschuldige nicht.(Link)”:http://www.theeuropean.de/thore-schroeder/9965-nahverkehr-in-berlin-und-hamburg

Hupen und Fluchen reinigen die Seele

Lieber: Deutschlandfunk in gemütlicher Atmosphäre. Und: Therapie. Hupen und Fluchen reinigen die Seele. An der Ampel noch einen empörten Blick hinterherwerfen. Den Motor mal durchpusten beim Gas geben. Also Gutes tun fürs Klima in der Stadt. In diesem emotionalen Vieleck bewegt sich meine morgendliche Mobilitätsentscheidung. Zweimal wöchentlich für die Bahn, dreimal wöchentlich für mein Auto. Was beweist: Ein Auto ist keine Vernunftentscheidung. Ein Auto zu halten ist eigentlich viel zu teuer. Und in der Stadt geht’s natürlich bestens ohne. Auf dem Land ist das anders. Und für Familien oft auch. Und für diejenigen, die weite Strecken fahren für die neue Arbeitsstelle. Wo es keinen Nahverkehr gibt. Sie alle sind auf den Wagen angewiesen: Mobilität zu möglichst geringem Preis. Diese Menschen brauchen Autos, die wenig verbrauchen. Oder einen Nahverkehr, der mit hoher Taktzahl sicher und verlässlich funktioniert. Eine Aufgabe für eine intelligente Verkehrspolitik.

Das Volk ist längst weiter

Jetzt müsste ich über Wowereit schreiben, und warum der nicht mit der S-Bahn zum Roten Rathaus fährt, sondern lieber im fetten neuen Dienstwagen (Steuergeld), aber dann heißt es wieder am Stammtisch, Ulrich sei wieder echt stammtisch. Also finde ich mal, dass Politik nicht alles entscheiden muss. Geht’s nicht auch ohne Druck von oben? Nun haben die deutschen Autokonzerne das Drei-Liter-Auto verpennt, Hybrid verpennt, Schwungrad verpennt, E-Auto verpennt, aber verkaufen dicke SUVs mit Hammerverbauch an reiche Gattinnen und nach China. An genau die Jungs übrigens, denen Frau Merkel beim nächsten Gipfel den Klimaschutz schönreden soll. An dieser Fortschrittfeindlichkeit hängen langfristig unsere Arbeitsplätze. Nicht am Benzinpreis. Der ist nur unangenehm. Das Volk ist längst weiter. Carsharing ist plötzlich schick: mit sexy Autos und coolen Apps. Und – das ist überraschend: In den vergangenen vier Jahren verzichteten elf Prozent der jungen Männer und zehn Prozent der jungen Frauen darauf, überhaupt einen Führerschein zu machen. “Die junge Generation fremdelt mit dem Auto(Link)”:http://www.theeuropean.de/debatte/9407-peak-car. Die Verlockungen des rollenden Wohnzimmers überzeugen sie nicht mehr. Sie knutschen jetzt in der S-Bahn. _log in fragt am Mittwoch um 21 Uhr: „Teuro-Sprit und Turbo-Protzer – Sind Autos von gestern?“ Im Livestream unter “login.zdf.de(Link)”:http://blog.zdf.de/zdflogin/ und im Fernsehen auf ZDFinfo. Leserbriefe von The European können in der Sendung aufgegriffen und diskutiert werden._

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