Gelöscht, niemals verloschen

von Wolf-Christian Ulrich31.01.2012Innenpolitik, Medien

Facebook holt zum weiteren Schlag gegen den Datenschutz aus. Und wir schauen zu.

Es gab Zeiten, da gab es ein Recht auf Vergessen. Da hat man, als Schluss war, den Packen Liebesbriefe genommen, und dramatisch in Flammen aufgehen lassen – und dann ward nie wieder gelesen, was einst zwei Herzen schrieben. So ein Recht auf Vergessen fordert nun die “EU-Kommissarin Viviane Reding(Link)”:www.theeuropean.de/viviane-reding/9704-datenschutz-in-der-europaeischen-union. Nur eben fĂŒr online. Was man einmal gelöscht hat, soll auch verloschen bleiben. Auch bei Facebook. Das ist bis jetzt ein frommer Wunsch angesichts der AnkĂŒndigung des Unternehmens, die Nutzerkonten auf Chroniken umzustellen, bei denen alles abrufbar ist, was man lĂ€ngst vergessen gewĂ€hnt hat. Wo ist das Problem?, fragen meine Nerdfreunde jetzt genervt. Wer sich anmeldet, weiß doch, worauf er sich einlĂ€sst. Wirklich? Einerseits wird Transparenz im Netz gefordert. Andererseits sind die Funktionen hinter vielen Online-Angeboten alles andere als transparent. Es gibt neben dem berĂŒhmten Kleingedruckten im GeschĂ€ftsbetrieb GrundsĂ€tze wie „Treue und Glauben“. Also eine Art Common-sense-Vereinbarung, auf die sich jeder verlassen können muss. Nur im Internet darf das offenbar anders sein. Da muss man klicken, bis der Arzt kommt, muss dauernd auf dem neuesten Stand sein, muss eigentlich einen Bachelor in Onlineverhalten haben – um keine Fehler zu machen, die man dann nicht mehr beheben kann und lange bereut. Es gibt Menschen, die nicht professionelle Onliner sind – und trotzdem soziale Netzwerke nutzen. Auch sie mĂŒssen ein Recht darauf haben, sich verlassen zu können. Und nein, das meint nicht ein Recht auf Dummheit im Umgang mit Online-Angeboten. “Facebook in Sachen Datenschutz zu vertrauen, das ist im Moment so, als steige man in ein Flugzeug, von dem man nicht weiß, wo es landet(Link)”:http://www.theeuropean.de/stefan-gaertner/9718-facebooks-chronik.

Wer nachfragen will, hat’s schwer

Aber was steht hinter der Facebook-Idee? Was hinter den Google-PlĂ€nen? Sind das wirklich wohlmeinende Nerds mit einer prophetischen Gesellschaftsvision? Oder geht es einfach um die Chance auf Milliarden an Werbedollar? Wer nachfragen will, hat’s schwer. Wir wollen Facebook in die Sendung am Mittwoch einladen. Doch das ist nicht so leicht. Die Pressesprecherin: im Netz versteckt. Und das bei einer Firma, die in diesem Land geschĂ€tzt 20 Millionen Kunden hat. Wir recherchieren eine Frau in Hamburg. Sie geht nicht ans Telefon, antwortet immerhin auf SMS. Zur Sendung kommt sie nicht. Bleiben die Fragen. Warum ist es dem Nutzer nicht möglich, Daten bei Facebook endgĂŒltig zu löschen? Bleiben die User. Wenn der Bundestag die Vorratsdatenspeicherung diskutiert, empört sich das Netz. Wenn Facebook und Google sich datenkrakenhaft verhalten, wird das mit einem Schulterzucken geduldet. Ist das konsistent? Bleiben die DatenschĂŒtzer, die gleich einsamen Rufern in der WĂŒste vor dem ungenierten Datensammeln warnen. Ungehört von Politikern, die wahrscheinlich das Problem gar nicht verstehen, weil sie das GeschĂ€ftsmodell gar nicht verstehen, weil sie wahrscheinlich noch nie auf Facebook waren.

Wir brauchen einen Konsens ĂŒber die Zukunft der Privatheit

Es ist ja auch nervig. Da sind diese millionenschweren IT-Wunderkinder in T-Shirt und Adiletten, die man am liebsten in Potsdam-Mittelmark vor sich hin nerden sehen will statt in Kalifornien. Da möchte man sich die Magie des Zuckerberg nicht mit spießigen Datenschutznölern vermiesen lassen. Am Ende brauchen wir wohl einen gesellschaftlichen Konsens ĂŒber die Zukunft der Privatheit. Was war da noch los, als Horst Herold in den 70ern die Rasterfahndung propagierte! Heute rastert jeder paarungswillige GroßstĂ€dter routinemĂ€ĂŸig den neuesten Flirt. Kein zweites Date ohne Google-Check der Zielperson. Ich warte auf die nĂ€chste Stufe. Die Chronik der Welt. In der Zuckerberg auch gelöschte Profile wieder vollstĂ€ndig online stellt – „weil es toll ist, zu wissen, welchen Fußabdruck Du auf diesem Planeten hinterlassen hast“. _log in fragt am Mittwoch um 21 Uhr: „Social media your life – gefĂ€hrlich oder gefĂ€llt mir?“ Im Livestream unter “login.zdf.de(Link)”:http://blog.zdf.de/zdflogin/ und im Fernsehen auf ZDFinfo. Leserbriefe von The European können in der Sendung aufgegriffen und diskutiert werden._

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