Liebling, ich habe das Amt geschrumpft

von Wolf-Christian Ulrich10.01.2012Innenpolitik, Medien

In der Affäre um Christian Wulff verlieren alle – der Bundespräsident an Würde, die Medien an Respekt und die Öffentlichkeit den Glauben.

Neulich abends stehe ich also mit normalen Menschen in einer Bar und rege mich über Wulff auf. „Ach komm“, sagt das Pils, „wenn Du Deine Maßstäbe an alle Politiker anlegst, dann haben wir bald keine mehr.“ “„Ganz ehrlich“, grantelt die Schorle, „zu den Konditionen hätt’ ich den Kredit auch genommen.“ k „Ihr Pressefuzzis müsst grade reden“, stichelt der Prosecco, „oder bist Du noch nie zu Pressekonditionen nach Madrid?“ „Natürlich nicht!“, schieße ich zurück und fühle mich sofort wie Bettina Schausten bei der 150-Euro-Frage.

Öffentliche vs. veröffentlichte Meinung

Also was ist da los bei uns in Deutschland? Ich studiere die Leser-Kommentare im Netz und lausche den Anrufern im Radio. Und merke, dass sich da seit einigen Tagen ein Unterschied auftut: zwischen öffentlicher Meinung und veröffentlichter Meinung . Die Kollegen scheinen es auch zu merken und rechtfertigen sich nun in Editorials und langen Artikeln. Tenor: Wenn jemand, der das höchste Amt im Lande bekleidet, die Wahrheit verwischen oder runterspielen will, ist es die Aufgabe der Presse, nachzubohren und das richtigzustellen. Sicher, das nervt. Aber die Causa Wulff wird leider nicht dadurch weniger schlimm, dass er so lange verwischt und taktiert, bis die Öffentlichkeit die immer neuen Berichte leid ist. Im Gegenteil. Tragisch, dass hierbei alle verlieren. Der Bundespräsident an Würde. Die Medien an Respekt. Die Öffentlichkeit den Glauben an ihren Präsidenten und die Medien. Derweil reduziert der Bundespräsident Wulff seine Fehltritte geschickt auf das selbstverständliche Empfinden von Max Mustermann. Sein Argument „Ich möchte nicht Präsident eines Landes sein, in dem man Freunden nicht Geld leihen kann“ ist leider listig. Es geht nämlich nicht um den Privatmann Christian W. Es geht um den Bundespräsidenten Wulff. Und darum, dass der offensichtlich die Sonderstellung seines Amtes nicht versteht. Dies nun muss die Presse haarklein aufdröseln und erklären. Das ist mühselig, wirkt kleinkariert und anstrengend – aber unsere Demokratie lebt eben davon, dass unser Bundespräsident kein selbstgerechter Kaiser ist. Wulff muss ja nicht Präsident sein, wenn er der Meinung ist, dass er die Ansprüche an das Amt nicht erfüllen kann oder will. Wenn er Präsident sein möchte, muss er allerdings akzeptieren, dass für öffentliche Amtsträger andere Regeln gelten als für Firmenbosse.

Keine Probezeit für Bundespräsidenten

Die Deutschen zahlen dem Bundespräsidenten ein üppiges Gehalt – auf Lebenszeit – und Teil der Jobbeschreibung ist Überparteilichkeit, Vorbildwirkung, Kontrolle der Exekutive und Charakter. Das ist eine ganze Menge, aber dafür gibt’s auch ’ne Menge Geld und Ehre. Wer Ehre, wie übrigens der Ministerpräsident Wulff, von anderen Bundespräsidenten explizit einfordert, kann sich am Ende selbst nicht rausreden, er müsse erst ins Amt wachsen. Es gibt für dieses Amt keine Probezeit. Eines finde ich übrigens wirklich traurig. Wulff ist ein junger Präsident, der jüngste bisher. Der hätte was reißen können. Der hätte Themen gehabt. Herausforderung durch die neuen Medien. Generationengerechtigkeit. Pressefreiheit nicht nur im Nahen Osten – auch bei uns in Europa. In Ungarn zum Beispiel! Da wäre also viel drin gewesen in diesen ersten eineinhalb Jahren Wulff. Aber er hat nicht geliefert. Weil die Presse das nun alles schreibt, ist das für viele, als werfe sie fortwährend Farbbeutel gegen das weiße Schloss. e Aber wenn es wirklich stimmt, dass unter 81 Millionen Deutschen keiner mehr ist, der mit einigermaßen Anstand und Haltung dieses Amt ohne Skandale ausfüllen kann, dann sollten wir uns ernsthaft fragen, ob wir das Amt dann noch besetzen sollten. Na so nun auch nicht? Ich spendiere noch eine Runde und Sie erklären es mir. _log in fragt am Mittwoch um 21 Uhr: „Liebling, ich habe das Amt geschrumpft – Brauchen wir noch einen Bundespräsidenten?“ Im Livestream unter login.zdf.de / und im Fernsehen auf ZDFinfo. Leserbriefe von The European können in der Sendung aufgegriffen und diskutiert werden._

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