Hitler auf allen Kanälen

von Wolf-Christian Ulrich6.12.2011Innenpolitik, Medien

Über Nazis kann man schon lange wieder sprechen. Aber anstatt die Vergangenheit aufzuarbeiten, dreht sich die Diskussion im Kreise.

Es war einer dieser Tage, an dem man nichts ahnend in die Schule ging. Austauschjahr in Kanada. Und plötzlich ging es um die Nazis. Oder, wie ich es in dem Moment empfand: um uns Deutsche. Uns Deutsche und die Nazis – die aber auch Deutsche waren. Ob es denn stimme, fragte mein Mitschüler Neil, dass Hitler die Autobahn erfunden habe, und es war eine ganz normale Frage, ohne Hintergedanken. Ich druckste herum. Ich wusste noch nicht, dass es die Autobahn schon vor den Nazis gegeben hatte. Stattdessen klingelte mir noch das Mantra vom Vorbereitungscamp in den Ohren: Ihr seid Botschafter eures Landes. Und als Botschafter meines Landes sagte ich: Mag sein – aber vor allem war der Hitler ein Tyrann.

Frischer Wind in Deutschland

Neil fragte nach. Ob man darüber reden könne, was die Nazis Gutes gemacht hätten. Ich sagte, die Nazis hätten Unglück über unser Land gebracht. Und dann fragte Neil, ob es in Deutschland immer noch Nazis gebe. Ich sagte: Ja, das stimmt, genau wie in anderen Ländern heute auch. Es ist nicht die Mehrheit und es ist schlimm, dass Leute noch so denken. Etwas später. Gerhard Schröder wird Kanzler. Wir haben alle aufgeatmet, denn wir kannten als Kanzler nur den Kohl. Es war das Jahr, in dem Guildo Horn für Deutschland beim Grand Prix antrat. Einer, der öffentlich witzig war. Frischer Wind in Deutschland. Kurz darauf sprach Gerhard Schröder vom „Selbstbewusstsein einer erwachsenen Nation“. Schröder postulierte erst mal eine „entspannte Beziehung“ zur deutschen Vergangenheit und wünschte sich ein Holocaust-Denkmal, zu dem man „gerne hingehe“. Heute fahre ich jeden Morgen am Holocaust-Mahnmal vorbei. Ich ärgere mich darüber, wenn Schulklassen auf den Blöcken picknicken. Ich hatte in Jerusalem den Ölberg gesehen. An einer Seite ist ein Friedhof. Die Gräber sind dort steinerne Särge auf dem Boden. Wenn man über die sanft geschwungenen Blöcke des Holocaust-Mahnmals blickt, erkennt man die Gräber am Ölberg. Als ich das erste Mal in Israel war, habe ich “Yad Vashem”:http://www.yadvashem.org/ besucht. Es war furchtbar. Ich habe mich geschämt und fühlte mich vollkommen fehl am Platz. Ich hatte das Gefühl, dass mich jeder anstarrt. Bei meinem zweiten Besuch dann habe ich mit Israelis gefeiert, über Politik gestritten und am Strand gelegen. Über unsere deutsche Vergangenheit haben wir nicht geredet. Trotzdem hing es irgendwie in der Luft. Obwohl mich das niemand spüren ließ. Mittwoch sprechen wir über unseren Umgang mit unserer braunen Geschichte. Ich denke über den feinen Unterschied nach zwischen „Schuld auf sich nehmen“ und „Verantwortung übernehmen für eine Vergangenheit, die meine Generation nicht erlebt hat“. Über die Verantwortung meiner Generation, dass so etwas nie wieder passiert. Während ich dies schreibe, denke ich: „Siehste, die Floskel.“ Aber sie stimmt für mich. Helmut Schmidt sagte “jetzt beim SPD-Parteitag”:http://www.abendblatt.de/politik/article2115273/Die-Rede-von-Helmut-Schmidt-beim-SPD-Parteitag.html: „Für uns Deutsche scheint mir entscheidend zu sein, dass fast alle Nachbarn Deutschlands – und außerdem fast alle Juden auf der ganzen Welt – sich des Holocaust und der Schandtaten erinnern, die zur Zeit der deutschen Besatzung in den Ländern der Peripherie geschehen sind. Wir Deutschen sind uns nicht ausreichend im Klaren darüber, dass bei fast allen unseren Nachbarn wahrscheinlich noch für viele Generationen ein latenter Argwohn gegen die Deutschen besteht. Auch die nachgeborenen deutschen Generationen müssen mit dieser historischen Last leben.“ Wie heute umgehen mit dieser Last? Wie Geschichte aufarbeiten, ohne einen Overkill an Weltanschauung? Wie einordnen ohne zu verordnen?

Gespräch über Alltag und Täter

Mit Mahnmalen, Gedenktagen und TV-Dokumentationen arbeiten sich die Deutschen an ihrer Vergangenheit ab. Doch 43 Prozent der Schüler beklagen, dass „in der Schule erwartet wird, dass man auf jeden Fall Betroffenheit zeigt“. Und 41 Prozent meinen, man könne seine Meinung über die NS-Vergangenheit in Deutschland nicht offen sagen. Pädagogen sagen: „Lasst uns mit ihnen über den Alltag und die Täter reden. Darüber, was Nachbarn zu Wegguckern, zu Mitmachern, zu Verrätern gemacht hat. Darüber, was Deutsche zu Nazis gemacht hat.“ Die meisten Jugendlichen halten heute Erinnern und Gedenken für sinnvoll und sie interessieren sich für die Zeit des Nationalsozialismus. Gerade heute lohnt es sich also, wieder darüber zu sprechen. Trauen wir uns das? 79 Jahre nach Hitlers Machtergreifung? Wir stoßen jedenfalls auf offene Ohren. _log in fragt am Mittwoch um 21 Uhr: Nazis auf allen Kanälen: “Overkill statt Aufarbeitung?(Link)”:http://blog.zdf.de/zdflogin/ Im Livestream unter login.zdf.de und im Fernsehen auf ZDFinfo. Leserbriefe von The European können in der Sendung aufgegriffen und diskutiert werden._

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