Nimmer für immer

Wolf-Christian Ulrich22.11.2011Innenpolitik, Medien

Warum übers Heiraten reden? Weil jeder darüber redet. Eins wird auf Hochzeiten allerdings selten besprochen: Warum eigentlich das Ganze?

Folgende Zahlen haben mich davon überzeugt, dass es sich wirklich lohnen könnte, eine Sendung zu diesem Thema zu machen. Weil sie aufregende Realitäten in aufgeräumten deutschen Heiratswilligen-Wohnzimmerwelten beleuchten.

Viermal ja zum Heiraten

Erstens. Die Brautpaare werden immer älter. Vielleicht suchen sie erst mal Sicherheit in unserer zunehmend flexibilisierten Welt, bevor sie „eine Familie gründen“ wollen. Denn wer traut sich denn im Chaos zwischen Studium, Erst- und Drittjob? Vor allem, wenn sie noch arbeiten will oder er noch einen Job sucht. Bevor ein Kindergartenplatz vorgebucht ist und vor allem der Platz im Wunschgymnasium: Hierum kümmern sich eifrige Eltern heute fast so zeitig wie damals in der DDR um den Trabant. Zweitens. Die KandidatInnen werden nicht nur immer älter. Je älter sie werden, desto mehr sinkt ihre Bereitschaft, zu heiraten. Es weigert sich ohnehin schon jeder dritte Single, ja zu sagen. Vor allem weigern sich die Frauen. 42 Prozent von ihnen sprechen sich gegen eine Ehe aus. Drittens. Die Familie. Diejenigen, die den besonderen Schutz der heterosexuellen Standard-Ehe mit mindestens 1,4 Kindern (genannt: Familie) propagieren, sollen mir das hier erklären: Jede dritte Ehe wird geschieden, und seit 2001 sind mehr Ehen ohne Kind als mit. Bei denen, die keine Kinder haben, verdienen übrigens meist beide. Und immer mehr Kinder werden außerhalb der Ehe geboren. Den höchsten Anteil an unehelichen Geburten gab es übrigens mit 64 Prozent 2008 in Sachsen-Anhalt. Den niedrigsten mit 22 Prozent in Baden-Württemberg. Was ist da los? Was ist Familie heute? Und: Schaffen wir eine Familienpolitik, die sich am Wohl der Kinder orientiert, anstatt an einer Vorstellung von Ehe und Familie, die offenbar immer weniger Deutsche teilen? Viertens: Macht. Seine Herrschaft erlangte Zeus nicht nur durch seinen Sieg über die Titanen. Seine Macht gründete er vielmehr durch Hochzeiten: Durch Bündnisse mit Töchtern und Enkelinnen der ältesten Göttin der Erde, Gaia. Außer Daniel Westling, einst Fitnesstrainer, jetzt schwedischer Kronprinz, erwarten den Durchschnittskerl heute keine Königreiche. Die wenigsten werden sich andererseits von ihren Eltern reinreden lassen – so wie das früher war. Oder es sich von ihren Arbeitgebern verbieten lassen – so wie das früher auch mal war. Einige Frauen werden dagegen noch immer zwangsverheiratet: auch heute, auch bei uns.

Es ist die Romantik

Wer heiratet, gibt im Schnitt 13.000 Euro für die Hochzeit aus. Das liegt sicher weniger daran, dass viele Paare heiraten, um eine Familie zu gründen. Sondern weil genauso viele Paare „wegen der Romantik“ „ja“ sagen. Tatsächlich muss da alles stimmen am wichtigsten Tag des Lebens. Wehe, wenn was in die Hosen geht. Wenn Onkel Adolf einen verbalen Ausfall hat am gemeinsamen Tisch mit dem Lesbenpärchen aus unserer veganen Krabbelgruppe. Wenn doch einer anfängt mit dem beknackten Baumsägen. Und dann dieser Dia-Vortrag von Alexanders Junggesellenabschied in Budapest, wo dummerweise nicht sorgfältig vorsortiert wurde. Egal. Das hält. Schon allein wegen der steuerlichen Vorteile, die natürlich auch noch eine Rolle spielen und die übrigens vor allem bestverdienende Väter mit Hausfrauen genießen. Der letzte wichtige Grund, den Brautpaare heute vorbringen: na wegen der Tradition. Gegen Tradition kann man nichts machen. Da helfen keine Zahlen. Da hilft nur Lächeln, Glück wünschen (ehrlich!) und eine Handvoll Reis werfen (fairtrade). Ach was, man soll nicht immer alles kritisch beleuchten. Es ist für viele Paare ein wunderbarer Tag. Ich war einmal bei einer Hochzeit, bei der sagte das Paar: „Wir wollen einfach mal mit allen unseren Freunden eine große Party machen und unsere Liebe feiern.“ Das hat mich überzeugt. _log in fragt am Mittwoch um 21 Uhr: Nimmer für immer – Ist Heiraten out? Im Livestream unter “login.zdf.de(Link)”:http://blog.zdf.de/zdflogin/ und im Fernsehen auf ZDFinfo. Leserbriefe von The European können in der Sendung aufgegriffen und diskutiert werden._

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