McFlurry und die Unverdrossenen

Wolf-Christian Ulrich27.03.2012Innenpolitik, Medien

Wie eine Partei mit mehr oder weniger Programm sieben Prozent erreicht.

„Hut ab vor denen, die trotzdem zur Wahl gegangen sind“, schmatze ich ins Telefon. Ich finde es nämlich ehrlich gesagt mäßig toll, wenn Wahlen alternativlos ablaufen, weil sich die großen Parteien schon vorher zu einer Großen Koalition verabredet haben. Weil grade fast Sommer ist, habe ich meinen Arbeitsplatz kurzzeitig in eine Eisdiele verlegt. (Woa, diese digitalen Urban-Nomaden immer.) Im Becher: Pistazie und Schokolade mit Kuchenstücken. Am Telefon: Politikwissenschaftler Thorsten Faas, Universität Mannheim. „Die Piraten sind der McFlurry unter den politischen Eissorten“, frotzelt er, über Kurven und Tabellen gebeugt. „Aber ernsthaft: Der Ruf nach einem ‚neuen Betriebssystem‘ trifft den Nerv der Zeit.“ Politik anders, offener, transparenter (kritzel’ ich in meine Kladde und natürlich klebt jetzt Sahne drin). Piraten Zulauf + Erfolge. „Dabei hat dieser neue Politikstil eine geradezu paradoxe Konsequenz“, fährt Faas fröhlich fort, „weil alles so offen und zum Mitmachen bereitsteht, weiß man eigentlich nie, was als Politik-Ergebnis am Ende stehen wird. Insofern sind die Piraten auch noch eine Wundertüte.“ Wundertüte. Gern.

Der Erfolg der Unverdrossenen

Nach weiteren drei Kugeln suche ich leicht unterkühlt meine Kollegin Sonja Schünemann. Die kennt sich immer so aus mit diesem Internet. Leider ist Frau Schünemann nach ihrem Wahleinsatz in diesem Saarland im Nirgendwo gestrandet. Von genau dort messagt sie jedoch, dass die Piraten „für ein neues Betriebssystem Politik stehen. Hinterzimmer mit Livestream ausstatten, viele Entscheidungen von der Basis, bedingte Fixierung auf Köpfe. Klingt anders, klingt weniger nach Klüngel.“ Das zieht offenbar. Denn die Piraten haben vor allem der Partei der Nichtwähler Stimmen abgerungen – das ist ihr wirklich großer Erfolg. Die Politik-Unverdrossenen entdecken bei den Piraten eine Art Baumarkt-Mentalität und die kommt natürlich an in DIY-Deutschland: Einfach anpacken und selber tüfteln, wenn man das Gefühl hat, dass die Fertiglösung es nicht mehr bringt. Beweis: Als sie vor zwei Wochen noch das Wahlprogramm schrieben und verabschiedeten, waren die Piraten schon bei fünf Prozent. Mit diesem Verdacht gebe ich gleich bei Christoph Bieber an, von der NRW School of Governance. Der gibt gerade ein Interview bei uns im ZDF-Zollernhof. „Es ist die Lust auf Politik. Der Erfolg der Piraten liegt in der Möglichkeit, Teilhabe zu erfahren an politischen Entscheidungsprozessen.“ Genau das hören die Piraten an ihren Infoständen: Frust mit den herrschenden Verhältnissen. Die Kandidaten wären dabei bei den etablierten Parteien gern gesehen: von wegen nur Nerds. IT-Spezialisten, Lehrer, Bürokaufleute – also Leute, die sich gerne Gedanken machen. „Übrigens war das die erste Wahl nach ACTA“, sagt Bieber noch, bevor er losdüst, weil er noch sein brandneues Piraten-Manuskript zu Ende korrigieren muss, „das mag vor allem jüngere Wähler angesprochen haben“.

„Faselei der Blassen“

Insofern ist das Ergebnis der Piraten ein ziemliches Misstrauensvotum für die anderen. Vor allem die FDP ist verzweifelt. Der gelbe General Patrick Döring maulte im Fernsehen über eine „Tyrannei der Massen“ und erntete mitleidiges Kopfschütteln. „Er wollte nur Faselei der Blassen sagen“, twitterte es da, und „jedes Mal, wenn ich mich in den dritten Stock Altbau schleppe, verfluche ich die #tyranneidermasse“. „Getroffene Hunde bellen eben“, sagte Döring daraufhin und die gesamte Netzgemeinde dachte im Chor: „Na damit meint er wohl sich selbst.“ So sind alle im Piratenfieber. Alle dissen Döring. Und ich frage mich, was 1,2 Prozent bedeutet. Was passiert, wenn eine Partei verschwindet, die mal die Bürgerrechte hochgehalten hat? Und zuweilen immer noch hochhält. Pirat Andreas Augustin sagt: „Die FDP ist jetzt neoliberal. Die Leute wollen aber das klassisch Liberale, und das sind wir.“ Gut und schön, denke ich, aber das müsst ihr erst mal zeigen. Das ist eine Aufgabe. Und ganz ehrlich: McFlurry ist da nicht gut genug. _log in fragt am Mittwoch um 21 Uhr: „Sind die Piraten die besseren Liberalen?“ Im Livestream unter “login.zdf.de(Link)”:http://blog.zdf.de/zdflogin/ und im Fernsehen auf ZDFinfo. Leserbriefe von The European können in der Sendung aufgegriffen und diskutiert werden._

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