Jahrzehntelang wurden britische Eskapaden durchgewunken

von Wolf Achim Wiegand25.03.2019Europa

Jeder Sport-, Gesangs- oder Kleingartenverein schmeißt ein Mitglied hochkant raus, wenn es renitent wird. Die Europäische Union nicht. Jahrzehntelang wurden britische Eskapaden durchgewunken: das UK zahlt weniger ein, als andere, das UK hält sich beim Aufbau einer gemeinsamen Sicherheitspolitik zurück und auch die Idee offener Grenzen hat es nie gemocht.

Rosinenpickerei nennt man das, was die Zentralregierungen der Engländer, Schotten, Waliser und Nordiren jedweder politischen Couleur jahrzehntelang erfolgreich betrieben haben. Vorteile mitnehmen, Nachteile nicht.

Egoismus ist legitim. Er ist aber nicht die EU-Grundidee. Es geht vielmehr um das Wohl ALLER 28 Mitgliedsländer, egal, ob klein oder groß. Um das Hinzukriegen bracht man Empathie für die Nöte und Notwendigkeiten der Partner. Daran mangelt es in London.

Unfähigkeit zum Kompromiss – das ist eine große Schwäche der britischen Politik. Immer noch wähnt man sich in glorreichen Zeiten, als von London aus ein riesiges Weltreich regiert wurde. Die nüchterne Realität ist aber, dass auch das Vereinigte Königreich in der vernetzten globalen Welt nur überleben kann, wenn es Kräfte bündelt.

Die Fokussierung auf das eigene ist auch die Folge des undemokratischen Mehrheitswahlrechts. Es kennt nur Sieger – „the winner takes it all.“ Koalitionen und Kompromisse sind im Königreich Ihrer Majestät Queen Elizabeth II. nicht vorgesehen, es herrscht die Diktatur der Mehrheit. Das macht die Politik oftmals blind für Wege abseits der eigenen ausgelatschten Pfade. Typisch, dass Theresa May nicht eine Sekunde lang daran gedacht hat, in einer Frage von nationaler Bedeutung den Ausgleich mit der Opposition zu suchen.

Mit dem Brexit hat die knappe Mehrheit des Volkes erklärt, dass es nicht mehr im Klub bleiben mag. Das ist in Ordnung. Nicht in Ordnung ist es, die bisherigen Partner beim Verhandeln über die Austrittsbedingungen so lange vorzuführen, bis es passt.

Nun tickt die Uhr. Am Freitag, den 29. März um 23 Uhr britischer Zeit, könnte tatsächlich Schluss mit „lustig“ sein – der Brexit ist da. Ich meine: besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. Lasst sie ziehen, unsere Freunde.

Und: liebe Briten, lasst auch die EU-Karawane fortschreiten! Wir tragen die Last vieler, sehr vieler drängender Herausforderungen. Die müssen jetzt bearbeitet werden. Lasst uns in Europa ans Ziel kommen – ohne weitere Zumutungen von eurer Insel am Nordufer des Ärmelkanals…

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