Verurteilt mich; das hat nichts zu bedeuten; die Geschichte wird mich freisprechen. Fidel Castro

Brexit mit Schrecken droht weiterhin

Es gibt kaum Hoffnung, dass die britische Regierung das Brexit-Abkommen mit der EU durchs Parlament bringen wird, so Wolf Achim Wiegand.

Sie hat gekämpft wie eine Löwin. Mehrere Stunden stand die britische Premierministerin Theresa May dem Parlament in London Rede und Antwort. Keine noch so trickreiche Frage konnte die konservative Politikerin von ihrer Linie abbringen: “Wir werden am 29. März 2019 aus der Europäischen Union austreten, der Brexit-Pakt mit Brüssel ist im besten Interesse des Vereinigten Königreiches und es wird keine zweite Volksabstimmung geben,” sagte sie tapfer eins ums andere Mal.

Dennoch ist es fast gewiss, dass der über 500 Seiten starke Deal zur Makulatur wird. Zu gering ist die Unterstützung des Unterhauses für die ehemalige EU-Befürworterin. Das lässt sich an fünf Fingern abzählen, wenn man das voraussichtliche Stimmverhalten der 650 Abgeordneten analysiert, von denen aus verschiedenen Gründen nur 639 abstimmen werden.

May braucht 320 Yes-Voten, um durchzukommen – falls sich niemand enthält, was unwahrscheinlich ist. Dazu kommt: ihre eigene Partei ist hoffnungslos zerstritten. Viele Tory-Parlamentarier brandmarken das Vertragswerk als "Ausverkauf Großbritanniens“. Andere wollen gar keinen Brexit. In der Nacht vor dem Debattentag waren May gleich zwei Minister entlaufen, darunter der Brexit-Chefverhandler

Die Gefahr bleibt bestehen, dass das uneinige Königreich die EU ohne eine Vereinbarung verlassen wird. “No Deal” wäre der größte anzunehmende politische Unfall. Er würde Bürgern und Wirtschaft beiderseits des Ärmelkanals viele Unannehmlichkeiten bescheren, darunter auch neue Handelsbarrieren und mehr Bürokratie.

Erst kürzlich hatte der britische Industrieverband CBI gewarnt, ein No-Deal-Szenario würde „Chaos verursachen“. An den Airports und Flughäfen der Inseln dürfte es zu erheblichen Verzögerungen kommen. Selbst die Versorgung der Insel mit Lebensmitteln und Medikamenten wäre nicht sicher. Ein Fischereikrieg droht. Und EU-Unternehmen auch aus Deutschland müssten Steuern und Zölle einrechnen und abführen.

Ob es dazu kommt, wird von möglichen Enthaltungen bei der Unterhaus-Schlussabstimmung in gut zwei Wochen abhängen. Auch in der sozialistischen Oppositionspartei Labour unter dem linken Jeremy Corbyn wird sich mancher Abgeordnete nicht festlegen wollen. Das gilt insbesondere für Wahlkreise, in denen die Menschen entgegen der Meinung ihres Abgeordneten mehrheitlich für oder gegen Brexit gestimmt haben. Wer will es sich schon mit seiner Basis verderben?

Einem Fall des Brexit-Abkommens könnte auch eine Meuterei in der Regierungspartei vorausgehen. Gut die Hälfte aller Parlamentarier ist in Diensten des Kabinetts. Mancher unter ihnen gehört zur gut organisierten Gruppe der Europaskeptiker. Nach Ansicht von Beobachtern ist ein Massenrücktritt solcher Unterhauspolitiker auf Regierungsgehaltsliste möglich, um frei zu sein, sich zu enthalten oder gegen May zu stimmen.

Vielleicht könnte May noch durchkommen, wenn sie unerwartet Unterstützung aus den Reihen EU-freundlicher Labour-Abgeordneter bekommt. Diese befürworten enge Bindungen an Brüssel. Allerdings müssten diese Sozialisten den Mut aufbringen, sich gegen den eigenen Partei- und Fraktionschef Corbyn aufzustellen, womit nicht gerechnet werden kann.

In Brüssel rechnen daher viele mit einem Desaster. “Wenn kein dramatischer Meinungsumschwung im Unterhaus einsetzt, wird es für May sehr schwer, die Brexit-Abstimmung zu gewinnen,” sagt ein EU-Diplomat. Unterdessen laufen in London auf allen Seiten die Versuche, einzelne Abgeordnete mit Tricks für die jeweilige Meinung zu “überzeugen”. Dazu gehört die Aussicht auf künftige Beförderung oder auf einflussreiche Posten.

Es wird nicht mehr viel Wasser die Themse hinabfließen, bis wir wissen, ob das europäische Kapitel Brexit im europäischen Geschichtsbuch einen guten Ausgang nimmt. Aussehen tut es danach momentan nicht. Sollte das Brexit-Abkommen fallen, wird die Labour-Opposition Neuwahlen anstreben. Vielleicht kommt es sogar noch vor der Schicksalsabstimmung dazu…

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Katja Leikert, Wolf Achim Wiegand, Wolf Achim Wiegand.

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