NATO-Mitglied Großbritannien reagiert auf den Klimawandel

von Wolf Achim Wiegand12.10.2018Außenpolitik, Innenpolitik, Wirtschaft, Wissenschaft

Der Weltklimarat IPCC hat dieser Tage in einem politischen Weckruf an die Weltöffentlichkeit appelliert, schnell und umfassend gegen den Klimawandel vorzugehen. Die globale Erwärmung auf 1,5 Grad erfordere „rasche, weitreichende und beispiellose Veränderungen in sämtlichen Bereichen der Gesellschaft.” Aber was bedeutet das?

Das Thema ist indessen auch beim Militär angekommen, das durch Dürre, Stürme oder Überschwemmungen vor neuen Herausforderungen steht.

Als der britische Verteidigungsminister Gavin Williamson kürzlich den Befehl erteilte, Spezialtruppen Ihrer Majestät Elizabeth II. künftig gemeinsam mit Truppen aus Norwegen in regelmäßige „Kaltwettermanöver“ zu schicken, sah das zunächst wie ein normaler Einsatzbefehl aus. Der Westen dulde in arktischen Gebieten, “in unserem Hinterhof”, keine Bedrohungen aus Russland, sagte der konservative Politiker und gelernte Sozialwissenschaftler. Die verstärkte russische U-Bootpräsenz an und unter der Eisdecke müsse beantwortet werden, ebenso die Reaktivierung zahlreicher Stützpunkte aus der Sowjetzeit.

Schaut man genauer hin, dann wird klar, dass NATO-Mitglied Großbritannien auf einen ganz neuen Feind reagiert: den Klimawandel. Die Mobilisierung Londons wäre ohne Erderwärmung so nicht denkbar. Denn seit die Arktis zu schmelzen begonnen hat, ist in dem abgelegenen Gebiet ein Rattenschwanz von Folgewirkungen entstanden. So wurden neue Seewege frei gelegt, die bislang durch “ewiges” Eis unpassierbar waren.

Moskau hat schon vor Jahren erkannt, dass nun der Zugang zu lukrativen Bodenschätzen erleichtert wird: Erdöl, Gas und Mineralien. Diesen schlummernden Reichtum will der Kreml sichern. Aber auch der Westen meldet Ansprüche an, will Einfluss auf die künftigen Abbaugebiete und Abtransportrouten haben.

Auch anderswo auf dem Erdball treibt Strategen die Frage um, ob geografische Veränderungen zur See und an Land sowie mehr extreme Wetterphänomene neue militärische Lageeinschätzungen erfordern. Ergeben sich bislang unbekannte Bedrohungen? Wird es eine Zunahme an Kriegen und Migrationsbewegungen geben? Wie wird die Welt aussehen, in der Soldaten kämpfen sollen?

NATO erwartet militärische Spannungen

Die NATO hat den Klimawandel erstmals 2009 als Sicherheitsbedrohung anerkannt. Der damalige Generalsekretär des westlichen Militärbündnisses, Anders Fogh Rasmussen, warnte vor zunehmenden Auswirkungen des Klimawandels auf die Anforderungen an Streitkräfte. Vor dem Hintergrund von Putins Arktispolitik sagte er, auf der nördlichen Polkappe könne es „verstärkte Nervosität inklusive militärischer Spannungen” geben.

Bei der Bundeswehr steht das Thema Klimawandel seit 2012 auf dem Plan. In seiner Studie “Umweltdimensionen von Sicherheit” warnt das Planungsamt der deutschen Streitkräfte vor erheblichen sicherheitspolitischen Risiken, sollte sich der Klimawandel mit Dürren, Fluten und Stürmen ungebremst entfalten. Das könne „destabilisierend auf die sich transformierenden Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas wirken“, hieß es damals noch unbeeinflusst von der heutigen Krise um massenhaft flüchtende Menschen aus Afrika.

Für Europa liegen die klimagefährdeten Gebiete vor der Haustür. Unser südlicher Nachbar Afrika verzeichnet in den vergangenen 25 Jahren eine Verdoppelung der Anzahl wetterbedingter Katastrophen wie Überschwemmungen und Dürren. Millionen Menschen haben den Wunsch, ihr Leben anderswo neu zu gestalten. Verteilungskonflikte sind damit programmiert, inklusive Radikalisierung und Waffengewalt bis hin zum Militäreinsatz.

Südamerika trainiert Soldaten für Klimawandel

So drängend ist das Thema Klimawandel und Militär inzwischen, dass die Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg kürzlich eine internationale Tagung zum Thema durchführte. Hauptreferenten waren Militärs aus Argentinien, Brasilien, Chile und Peru. Die Streitkräfte am Südzipfel des amerikanischen Doppelkontinents beschäftigen sich als Betroffene seit Längerem konkret mit der Erderwärmung. Sie sind eng in den Katastrophenschutz eingebunden und behandeln den Klimawandel in der Offiziersausbildung.

Aus Peru wurde berichtet, zwei Drittel aller Katastrophen in dem südamerikanischen Land seien Folge von Klimaereignissen. Im Anden-Gebirge peinigen Erdbeben die Menschen, aber auch Schlammlawinen, die nach heftigem Regen ungezählte Existenzen wegreißen und unter sich begraben. Vor der Küste wirkt El Niño, das Phänomen veränderter Strömungen im äquatorialen Pazifik, das regelmäßig Algen absterben lässt, die peruanische Anchovisfischerei zum Stillstand bringt und die Nahrungskette für Raubfische, Wasservögel und Meeressäuger unterbricht.

“Die peruanischen Streitkräfte sind eng involviert von der Katastrophenvorhersage bis hin zur Beseitigung der Schäden,” schilderte Oberst Victor Arturo Miranda Alfaro. Der argentinische Verteidigungsstaatssekretär Hugo Patricio Pierri forderte, das Thema Klima nicht nur in seinem Lande als „Bedrohung“ einzukalkulieren. Der Volkswirtschaftler Prof. Dr. Stefan Bayer, Ökologie-Dozent der Bundeswehr, forderte sogar “eine Anpassung” an die Folgen des Klimawandels, weil der bereits so weit fortgeschritten sei, dass präventive Schutzmaßnahmen an Bedeutung verlören. “Wir brauchen hier eine neue Herangehensweise, ein neues Denken in der Sicherheitspolitik.”

Dass der Klimawandel das Militär selbst bedrohen kann, ist auf der pazifischen US-Insel Guam zu besichtigen, der neben Diego Garcia wichtigsten amerikanischen Militärbasis im Pazifik. Das Eiland ist existenziell bedroht, weil abgestorbene Korallen den natürlichen Schutz gegen immer öfter auftretende Taifun-Sturmfluten beeinträchtigt, was wiederum zur Küstenerosion führt. Zusätzlich führt der ansteigende Meeresspiegel zur Versalzung von Frischwasser für die 160.000 Einwohner.

Rolle von Streitkräften muss neu gedacht werden

Die US Army stellt sich ganz praktisch die Frage, wie lange sie auf Guam Raketenabwehr, B-52-Bomber und atomare U-Boote als Abschreckung gegenüber China und Aktionsbasis für Nahost-Einsätze stationieren kann. Und nicht nur dort pfuscht der Klimawandel der größten Streitmacht der Welt ins Handwerk. Deshalb hat die US Navy eine Untersuchung über die zehn vom Wetter meistbedrohten US-Stützpunkte weltweit in Auftrag gegeben – während ihr Oberbefehlshaber, US-Präsident Donald Trump, die Erderwärmung herunterspielt. „Zur Absicherung ihrer Stützpunkte müssen Militärs sich um die Sicherung des Landes und des Wassers kümmern, mit dem sie leben,” sagt der demokratische Politiker Robert A. Underwood, einst Guam-Abgeordneter im US-Repräsentantenhaus.

Unterdessen sichert Russland schon mal seine territorialen Ansprüche an der nördlichen Polkappe ab. “In diesen Gebieten gibt es eine entwickelte Infrastruktur, darunter Öl- und Gasförderanlagen, Pipelines, das Bilibino-AKW und die mit ihm verbundenen Hochspannungsleitungen,” bilanzieren Wissenschaftler des Katastrophenzentrum “Antistihija”. Das Auftauen des Dauerfrostbodens (Permafrost) gefährde diese Anlagen.

Präsident Wladimir Putin hat nun den bislang kleinen Stützpunkt Nagurskoye auf Aleksandra Land, der westlichsten Insel im rauen Archipel Franz-Josef-Land, vergrößert. Und in Tiksi, 4.300 km östlich von Moskau, steht ein Raketensystem, das ungebetene Gäste in 300 Kilometern Entfernung mit Abwehrraketen vom Typ Panzir abfangen und zerstören kann. Auch MiG-31-Kampfjets lauern in diesem nördlichsten Gebiet Eurasiens.

Es scheint also, dass die Folgen des Klimawandels die Grenzen zwischen innerer und äußerer Sicherheit immer mehr aufweichen. Die Folgen der Rolle für Streitkräfte muss daher neu diskutiert werden – sind sie die „gesellschaftliche Versicherung gegen den drohenden Klimawandel,” wie Bayer es formulierte?

Am besten wäre es natürlich, Militärs bräuchten sich gar nicht mehr mit dem Klimawandel zu beschäftigen. Das gelänge wohl nur, wenn die Menschheit gemeinsam aktiv handelte, um Biodiversität, Bodenqualität und lokale Ernährungssicherheit nachhaltig zu sichern. Allzu lange warten sollte man damit nicht, warnt der jüngste Bericht des Weltklimarates IPCC und fordert „schnelle, weitreichende und beispiellose Änderungen in allen gesellschaftlichen Bereichen.“ Das ist noch ein Thema der Politik, nicht des Militärs. Aber: wie lange noch?

“Aktueller Bericht 2018 des Weltklimarates”:https://www.de-ipcc.de/256.php

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