In den Finanzpalästen gibt es mehr Nieten als in den Losen der Jahrmarktbuden. Franz Müntefering

Mamma mia, bella Italia!

Der Hamburger Journalist Wolf Achim Wiegand hat einen Liebesbrief an Italien geschrieben. Anlass: das jüngste Wahlergebnis. Liebes Italien, … Per favore, avanti – komm da wieder raus aus der Ecke, in die Du Dich manövriert hast. Mamma mia, das muss doch möglich sein!…

Liebes Italien,

das vorläufige Endergebnis Deiner Parlamentswahl lag noch gar nicht vor, da flogen mir schon die ersten Beutegeier entgegen. “Diese 3 Dinge müssen Sie noch heute beachten!”, riet ein Finanznewsletter im Internet und behauptete: “Auf Sie wartet jetzt eine der größten Katastrophen in der Geschichte Europas! Wer sich nicht dementsprechend vorbereitet, wird schon bald alles verlieren. Also sichern Sie sich jetzt die kostenlosen Spezialanalysen und schützen Sie sich am besten heute noch ab!”

Normalerweise hätte ich über diese plumpe Abzockanmache gelacht. Doch heute ist mir das Gesicht gefroren. Weil – da war dieser schmerzliche Stich in der Seele nach den Wahlgewinnen für Deine rechten, faschistischen und europakritischen Kräfte.

O, bella Italia, wirst Du jetzt zur Beute von Pleitegeierspekulanten, politischen Hasardeuren und Leichenfledderern? Ökonomen erwarten mehr Unsicherheit an Deinen Märkten und schlechte Aussichten für Deine wirtschaftliche Erholung. Das ist fatal.

Nein, liebes Italien, das Auftauchen dieser dunklen Kräfte hast Du nicht verdient. Sie passen nämlich nicht zu Dir. Du bist ein stolzes Land, das wir nicht nur wegen Pizza, Spaghetti oder Cappuccino schätzen. Du bist auch das Land des Michelangelo. Des Leonardo da Vinci. Des Antonio Vivaldi. Und auch des Giorgio Armani, der Gina Lollobrigida und des Gianluigi Buffon. Gianna Nannini und Michelle Hunziker gehören auch dazu!

Liebes Italien, könntest Du nicht einfach bleiben, was Du bist? Eine Nation, in der man sowohl mit Chaos wie mit la dolce vita eine bella figura machen kann. Wenn wir deutschen Touristen Dich besuchen, dann schöpfen wir Kraft. Lebenskraft. Kreativkraft. Die Kraft des Augenblicks.

Diejenigen, die heute triumphieren, passen gar nicht zu Dir. Die wollen im Gleichschritt marschieren, Dir vorscheiben, wie Du zu leben hast, Dich klein machen. Aber, liebes Italien, Du bist groß! Bleib es. Enttäusch’ mich nicht.

Natürlich hast Du auch selbst ein bisschen mit Schuld an der Lage, das muss man schon mal sagen. Du hast zu viele Politiker zugelassen, die nur als stolze Gockel, Kampfhähne oder tumbe Hennen durch das Land stolzierten. Bunga-Bunga fandest Du lustig, nicht abscheulich. Und als Faschist Sein unter arbeits- und perspektivlosen jungen Leuten elegante wurde, hast Du weggeschaut.

Aber, ich gebe es zu: auch wir anderen Europäer waren Dir gegenüber zu gleichgültig. So haben wir Dich mit der Flüchtlingsfrage allein gelassen. Klar, dass Dir die Galle übergelaufen ist…

Dennoch:

Per favore, avanti – komm da wieder raus aus der Ecke, in die Du Dich manövriert hast. Mamma mia, das muss doch möglich sein!

Das wünscht Dir und sich Dein

Wolf Achim Wiegand.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Jörg Hubert Meuthen, Ulrich Stephan, Oliver Götz.

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