Großbritannien wird den Brexit machen

Wolf Achim Wiegand22.01.2018Europa, Politik

Auch wenn es EU-Spitzenpolitiker wie Donald Tusk anders träumen mögen – Großbritannien wird trotz aller Liebesschwüre den Brexit machen. Und das ist irgendwie auch gut so.

6ef8e3488c.jpeg

Er hatte einen Traum, der Präsident des Europäischen Rates, Donald Tusk. „Unsere Herzen sind immer noch offen für Sie“, sagte der 60jährige Pole pathetisch im EU-Parlament in Straßburg. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker unterstützte das Liebeswerben um die Abtrünnigen: „Ich hätte nicht gerne, wenn dies in London überhört wird.“

Derart romantisches Säuseln des Brüsseler Führungsduos gegenüber der uncharmanten (sorry!) Premierministerin Teresa May und dem getürmten 65-Millionen-Inselvolk sind nicht neu. Dieses Mal allerdings waren die Liebesschwüre besonders aufmerksamkeitsstark. Denn sie waren präzise getimt: exakt zum Beginn der schwierigsten Phase in dem Scheidungsprozess zwischen dem Kontinent und der Nation nördlich des Ärmelkanals.

Die Herzoffensive ist aber nur Show. Zu gut weiß man in Brüssel, dass es kein Zurück in die alte Ehe von UK und EU geben kann. Großbritannien selbst hat signalisiert, dass es keine heimlichen Back-to-the-Union-Pläne habe.

Ein Brexit vom Brexit wäre sowieso quasi unmöglich. Abgesehen von juristischen Hürden – unzählige Unternehmen und zahlreiche Institutionen haben den Brexit ja bereits vorweggenommen. Banken von Weltrang verließen fluchtartig ihren Sitz in London und siedelten sich auf dem Kontinent an. Zugleich sagten diverse EU-Agenturen dem Vereinigten Königreich bye-bye und mieteten sich mit ihren Hauptquartieren im EU-Kernland an. Fait accompli – vollendete Tatsache.

Außerdem wird wohl kaum jemand glauben, dass viele der 27 zurückgebliebenen EU-Nationen großen Wert darauf legen, die schon immer quengeligen Briten so, als sei nichts geschehen, wieder über die Schwelle zu lassen. Unvergessen ist, dass sie weniger Geld in die Gemeinschaftskasse zahlen als andere Mitglieder, seit Mays Vorgängerin Margaret Thatcher 1984 egoistisch giftete: „I want my money back!“ – „Ich will mein Geld zurück.“ Seitdem erhält das Land 66 Prozent seines Nettobeitrags an die EU zurück – eine fette, dicke Extrawurst.

Gut vor Augen haben wir auch die jahrzehntelangen britischen Blockaden gegen Initiativen wie eine europäische Sicherheitspolitik, weil London eine „special relationship“ mit den USA pflegt. Mehr noch: 10 Downing Street verschmähte den Euro, beteiligte sich nicht an der Grenzöffnung im Schengenraum und hielt sich vornehm aus wichtigen Bereichen der Innen- und Justizpolitik heraus. „Opt out“ heißt das, was das EU-Mitglied mit den meisten Sonderrechten praktizierte.

So ein Hickhack brauchen wir nicht mehr in Zeiten, in denen sich nun auch Polen, Ungarn und Andere selbstgerecht abkoppeln. Es kann doch niemand ernsthaft wollen, dass die inzwischen mit allerlei Projekten vorangeschrittene EU27 den roten Teppich für ein unbequemes Land ausbreiten wird, das dem Staatenbund vor der jetzt endgültig selbstgewählten Isolation manch‘ Kummer bereitet hat.

Dankbarkeit haben britische Regierungen aller Couleur dem Projekt Europa sowieso nie entgegengebracht. Dabei war Großbritannien 1973 beim EU-Eintritt der „sick man of Europe“, der „kranke Mann Europas“: abgewirtschaftet, technologisch abgehängt, verzopft. Das einst weltumspannende Empire zog zwar danach einen harten Modernisierungskurs durch – ja, aus eigener Kraft, aber es nutzte auch die Hilfe der EU-Institutionen, ihrer Fördertöpfe und der Chancen im europäischen Binnenmarkt.

Tusk hat bei anderer Gelegenheit den unvergessenen Ex-Beatle John Lennon und sein Friedenslied „Imagine“ („Stell‘ Dir vor“) bemüht, um seine Zuneigung zu den Briten zu dokumentieren. „You may say I’m a dreamer,“ sagte er 2017 in Anwesenheit Mays bei einem EU-Gipfeltreffen, „but I’m not the only one…“ („Sie mögen sagen, ich sei ein Träumer, aber ich bin nicht der einzige“).

Nett verpackt, der Antrag für eine Wiederheirat. Dennoch: ich glaube nicht daran, dass die EU dem UK den Trauring wieder über den Finger stecken wird, jedenfalls nicht bedingungslos.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Boyan Slat ist die bessere Greta Thunberg

Die Schwedin Greta Thunberg gilt als Klimaikone. Aber bei genauer Betrachtung ist die Klimakaiserin nackt! Der smarte Niederländer Boyan Slat hingegen ist weniger bekannt, aber Greta gegenüber mit seinem Klimapragmatismus weit voraus. Aber wer ist der junge Mann aus Delft? Und viel wichtiger: Waru

Kevin Kühnert wird der (über)nächste SPD-Vorsitzende

Ich wette, Kevin Kühnert wird den (noch nicht gewählten) SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans und seine Partnerin Saskia Esken ablösen. Sie glauben das nicht? Immerhin hatte ich schon öffentlich eine Wette angeboten, dass die beiden bei der Stichwahl zum SPD-Vorsitz als Sieger hervorgehen,

Was bedeutet der Sieg von Walter-Borjans und Esken?

Der frühere nordrhein-westfälische Finanzminister Norbert Walter-Borjans und die Bundestagsabgeordnete Saskia Esken sind von der SPD-Basis zum neuen Duo an der Parteispitze gewählt worden. In der Stichwahl setzten sich die beiden Kandidaten klar mit 53,06 Prozent gegen den Vizekanzler Olaf Scholz

Besserverdienende sind deutlich zufriedener mit ihrem Sexleben als Geringverdiener

Besserverdienende sind deutlich zufriedener mit ihrem Sexleben als Geringverdiener, wie eine aktuelle Studie belegt

Winfried Kretschmann - Wir müssen die Disruption des öffentlichen Raums verhindern

Wie kann es uns gelingen, die fragmentierte Öffentlichkeit wieder zusammen zu führen? Wie können wir Brücken zwischen der ganzen Fülle unterschiedlichster Gruppen bauen? Müssen wir vielleicht den Ort erst schaffen, an dem ein gemeinsamer Diskurs wieder möglich wird?

Rentner zahlen sechsmal so viel Steuern wie Erben

Rentnerinnen und Rentner, die in diesem Jahr in Rente gehen, zahlen bis zu fünfmal mehr Steuern, als Rentnerinnen und Rentner, die 2010 in Rente gegangen sind. Und das bei gleicher Rentenhöhe, die seitdem real an Kaufkraft verloren hat. Dass die Finanzämter selbst bei einer Bruttorente von 1200 E

Mobile Sliding Menu