Der Terror von Manchester – was kommt noch?

Wolf Achim Wiegand24.05.2017Medien, Politik

Nach dem Anschlag von Manchester ist erneut klar, dass Europa noch viele Jahre mit solcherlei Gräueltaten konfrontiert sein wird. Bisherige Angriffspunkte religiös verbrämter Killer waren in der Regel „weiche Ziele“, also Menschen. Doch es gibt ernstzunehmende Hinweise, dass auch „harte Ziele“ im Visier sind – beispielsweise Schiffe.

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Der Terror gewaltbereiter Islamisten hat mit der Attacke auf die jugendlichen Besucher eines Popkonzerts in Manchester einen neuen Höhepunkt erreicht. Die Schreckensbilder aus Großbritannien drängen in den Hintergrund, dass sich Sicherheitsexperten nicht nur Sorgen um Massenmord an Menschen machen, sondern auch um vermeintlich „schwierige“ Ziele wie die internationale Handelsschifffahrt. Experten sind überzeugt: Terroristen nehmen Seeschiffe ins Visier, insbesondere Tanker, aber auch hochgerüstete Kriegsschiffe.

Schauplatz Großbritannien: nach Angaben der Londoner Zeitung Daily Mail, die von offizieller Stelle nicht kommentiert werden, überprüfen militärische Spezialtaucher seit einiger Zeit immer wieder in Großbritannien einlaufende Tankschiffe. Grundlage sind offenbar Geheimdienstberichte, wonach Terroristen planen, schon im Abfahrthafen hochexplosive Haftminen unter Wasser an die Schiffswände zu „kleben“. Diese Sprengsätze sind relativ klein, leicht zu befestigen, kosten nicht die Welt und können ein großes Loch in Stahlplatten reißen. Sie sollen – so der Bericht – zur Zündung gebracht werden, wenn das Schiff die Zielgewässer erreicht hat, eventuell schon im offenen Wasser kurz vor Erreichen des Hafens.

Im Visier sind der Daily Mail zufolge insbesondere Frachter für den Transport verflüssigten Erdgases (Flüssiggas / LNG). Der besonders schwefelarme Kraftstoff erlebt angesichts zunehmender Umweltschutzauflagen weltweit ein Hoch. Deshalb sind immer mehr Großschiffe unterwegs, um „hungrige“ LNG-Lager zu versorgen, die an Hafenterminals wie Pilze aus dem Boden schießen.

Spezialisten suchen Haftminen an Bordwänden

Die Explosion eines riesigen LNG-Transportschiffes könnte enorme Folgen haben. Neben dem Verlust an Menschenleben käme es womöglich zu einer gigantischen Umweltkatastrophe. Deshalb seien Einheiten des britischen Special Boat Service (SBS) im Einsatz, einer maritimen Spezialeinheit der Royal Army für Unterwassereinsätze, die beispielsweise Ölbohrinseln absichert. Mit im Einsatz: die Fleet Diving Unit 1 (FDU1), das sind die Bombenentschärfer der Royal Navy.

Die Elitesoldaten arbeiten in bis zu 60 Metern Wassertiefe und immer in Zweierpaaren. Um in der trüben Tiefe etwas an den bis zu 300 Meter langen Bordwänden zu sehen und vorankommen zu können, nutzen die FDU1-Einheiten spezielle Scheinwerfer und bewegen sich zügig mit propellergetriebenen Scootern. Nicht nur im Hafen, sondern auch auf hoher See können die „Aquanauten“ inspizieren. Sie kommen dann per Hubschrauber oder via Fallschirm zu verdächtigen Schiffen.

Ein lohnendes Ziel terroristischer Angriffe sind zudem Kriegsschiffe, insbesondere bei Auslandseinsätzen im Mittelmeer oder am Horn von Afrika. Dass gewaltbereite Extremisten effektiv gegen hochgerüstete Marinefahrzeuge vorgehen können, weiß man seit dem Jahr 2.000. Damals wurde der US-Zerstörer „USS Cole“ im Hafen von Aden, Jemen, mittschiffs von einer Bombe so schwer getroffen, dass ein neun mal zwölf Meter großes Loch in den Rumpf des massiven Kriegsschiffes gerissen wurde. Durch die Detonation starben 17 US-Soldaten, weitere 39 wurden teils schwer verletzt. Die Täter kamen ganz unscheinbar daher gefahren – in einem kleinen Boot.

Sondergeleit am Bosporus für Kriegsschiffe aus Russland

Der „Fall USS Cole“ wirkt bis heute nach. Fachleute trauen IS- oder Al-Kaida-Terroristen zu, so einen Anschlag zu wiederholen. Und so erhält aktuellen Meldungen aus Istanbul zufolge die Seekriegsflotte der Russischen Föderation permanent Eskorte von türkischer Polizei und Küstenschutz, wenn eines ihrer Schiffe durch den Bosporus navigiert. Das berichtet die als regierungsnah geltende Tageszeitung Haberturk.

Warum ausgerechnet der Bosporus als Aufmarschgebiet für Anschläge – und warum die Russlandflotte als Ziel? Die Gründe liegen auf der Hand. Einerseits verbindet die von der Türkei kontrollierte Meerenge das Schwarze mit dem Mittelmeer. Hier muss hier jedes russische Kriegsschiff durch, das nach Syrien will, dem neuen Putin-Verbündeten. Und dort hat sich der Kreml mit dem Einsatz für das Assad-Regime erbitterte Feinde unter dessen Gegnern gemacht, die nun Vergeltung suchen.

Andererseits können Terroristen in dem engen Sund leicht angreifen. Und zwar bequem vom Ufer aus mit Langwaffen und tragbaren Raketenwerfern. Laut Haberturk hat die türkische Polizei 146 Küstenpunkte identifiziert, von denen aus das ohne weiteres möglich wäre.

Der erste Terroristenangriff gegen ein seegängiges Schiff ereignete sich übrigens schon im Jahre 1985. Damals entführten nur vier Palästinenser den italienischen Kreuzfahrer „Aquile Lauro“ im Mittelmeer. An Bord waren über tausend Personen, einen gelähmten jüdischen Rollstuhlfahrer erschossen die Kidnapper kaltblütig. Letztlich misslang der Plan aber. Die Schlagzeilen hatten die Extremisten dennoch.

Bei Fragen nach Schutzmaßnahmen sind Reeder wenig redselig

Der schwerste Fall von Terror gegen Schiffe ereignete sich 2004 auf den Philippinen. Dort zündeten Abu Sayyaf-Rebellen eine Bombe auf der „Superferry 14“. 116 Menschen fielen dem Anschlag zum Opfer.

Sicherheitsexperten stehen daher nicht erst seit heute weltweit in Habachtstellung. Zahlreiche Reedereien – aber eben nicht alle – ergreifen Schutzmaßnahmen. Manche nehmen bewaffnete Schutzleute in Zivil mit, die auch Piraten abwehren sollen. Gegen das Anbringen von Haftminen können die aber nicht das Geringste ausrichten. Die Sorge also, Extremisten könnten versuchen, einen ganzen Tanker ins Unglück zu reißen, ist nicht unbegründet.

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