Zum Schießen

von Wladimir Bukowski26.05.2014Gesellschaft & Kultur, Medien

Der Witz ist seit jeher das soziale Medium schlechthin. Der sowjetische Dissident Wladimir Bukowski über die Liebe zur Pointe.

Irgendwann wird die Menschheit einmal ein Denkmal für den politischen Witz errichten. Witze sind wirklich eine beeindruckende Form der Folklore – vor allem in der Sowjetunion, wo den Menschen der freie Zugang zu Informationen verwehrt bleibt und wo die freie Presse und die freie Meinungsäußerung unterdrückt werden.

Die Gedanken brechen sich trotzdem ihre Bahn und finden eine neue Form: den Humor. Witze sind wortkarg: Jedes Wort zählt. Eine kurze Anekdote wiegt so viel wie ganze Bücher über philosophische Themen. Der Witz entblößt die Tricks von Propaganda und überlebt unter den schlimmsten Bedingungen. Es ist möglich, die gesamte Sowjetgeschichte anhand von Witzen nachzuvollziehen. Eine komplette Sammlung sowjetischer Anekdoten ist nicht weniger wichtig als eine komplette Geschichte des Sozialismus.

Witze über den KGB

Nicht jeder Witz wird aufgeschrieben, aber die besten Witze hinterlassen unauslöschliche Spuren in den Köpfen der Menschen. Für jede Frage hält der Witz eine Antwort parat. Ein Beispiel: Stalin stirbt und wird an der Kremlmauer begraben. Eines Tages steht ein Kranz auf seinem Grab mit der Aufschrift: „Von den posthum Geehrten an den posthum Geächteten.“ Und noch einer: Lenins Körper verschwindet aus dem Mausoleum in Moskau. Verzweifelt wird nach seinen sterblichen Überresten gesucht, bis irgendwann ein Zettel gefunden wird. Darauf steht: „Auf dem Weg nach Zürich. Ich fange noch einmal von vorne an.“

Die meisten Witze gibt es natürlich über den KGB. In Ägypten wird eine Mumie gefunden, doch Wissenschaftler aus der ganzen Welt scheitern daran, den Pharao zu identifizieren. Schließlich werden drei sowjetische Spezialisten eingeladen. Sie fordern: „Lasst uns mit der Mumie allein.“ Ein Tag vergeht – nichts. Zwei Tage – nichts. Drei Tage – nichts. Am vierten Tag treten die drei vor die Tür und verkünden: „Es ist Ramses der Fünfundzwanzigste“ – Woher sie das wissen, fragen die anderen Wissenschaftler. „Ganz einfach: Der Bastard hat endlich ein Geständnis abgelegt.“ […] Es gibt unzählige solcher Anekdoten – jede ist wie ein kleines Gedicht.

Jedes Lied ist ein Straftat

Neben dem Witz würde ich der Schreibmaschine ein Denkmal bauen: Sie hat eine komplett neue Form der Kommunikation möglich gemacht. Samisdat, das bedeutet: Ich schreibe selbst, ich redigiere selbst, ich zensiere mich selbst, ich veröffentliche mich selbst, und ich gehe für meine Worte selbst in Gefängnis. Angefangen hat alles mit Gedichten und Versen von vergessenen oder unterdrückten Künstlern: Alles, was aufgrund der Zensur nicht frei verkäuflich war, wurde eben unter der Hand publiziert und verbreitet. Heute zählen zwei Nobelpreisträger zur Gruppe der Samisdat-Autoren.

Und da wir schon einmal von Denkmälern reden: Der Mann mit der Gitarre sollte auch eines bekommen. Wer sonst schafft es, Kassetten mit schlechter Tonqualität unter der Androhung von Gefängnisstrafen millionenfach unter das Volk zu bringen? Ich erinnere mich noch gut an die späten 1950er-Jahre, als ich in Moskau zum ersten Mal die sanfte Musik eines geliebten Sängers hörte. Keine offiziell-patriotischen Klänge waren zu hören, und wir blickten uns alle verwundert an und fühlten ein bisschen Heimweh nach einem Land, das es nicht mehr gab. Die Ernsthaftigkeit dieser Lieder gab unserem Zorn und unserem Schmerz eine Stimme – und konnte vom Staat natürlich nicht toleriert werden.

Die idiotische und niederträchtige Verfolgung von Bulat Okudschawa in den späten 1950er-Jahren war die erste politisch motivierte Kampagne, die sich direkt vor unseren Augen abspielte. Wenig später kam Alexander Galich dazu. Selbst heute noch werden seine Lieder heimlich von den Gefangenen der Straflager kopiert und weiterverbreitet. Die erste Frage an einen Neuankömmling ist oftmals: „Welche Lieder von Galich hast du dabei?“ Die meisten dieser Sänger spielen nicht in Konzertsälen auf – jedes ihrer Lieder ist ein Straftatbestand. Die Barden vergangener Zeiten hatten es einfacher als die sowjetischen Künstler: Niemand hat mittelalterliche Minnesänger ins Gefängnis geworfen oder Homer in die Psychiatrie gesteckt. Für uns steht Galich auf einer Stufe mit Dichtern wie Homer: Jedes seiner Lieder ist eine Odyssee durch das Seelenlabyrinth des sowjetischen Mannes.

_Übersetzung aus dem Englischen_

_Textauszug aus der autobiografie To Build a Castle – My Life As a Dissenter (1978)_

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