Make it stick!

von Winfried Zimmermann26.01.2011Wirtschaft

Das Land der Mülltrennung und der Umweltplaketten sollte ein grünes Vorbild sein. Könnte man meinen. Tatsächlich finden Themen wie Nachhaltigkeit zwar mittlerweile in der Wirtschaft Gehör, doch aus dem Alltagsbewusstsein ist das Konzept verschwunden.

Deutschland ist das Land der Mülltrennung und Umweltplaketten. Deutschland ist führend in Umwelttechnologien. Der Ausbau der erneuerbaren Energien wird seit Jahren intensiv gefördert. “Wir Deutsche sind, was den Umweltschutz angeht, Vorbilder(Link)”:http://www.theeuropean.de/claudia-kemfert/4502-gruene-chance-auf-wachstum. Könnte man meinen. Tatsächlich stehen wir im internationalen Vergleich nicht schlecht da. An vielen Stellen sind die Erfolge von Umwelterziehung und -gesetzgebung mit Händen greifbar. Wer hätte etwa in den 60er-Jahren gedacht, dass man eines Tages wieder guten Gewissens im Rhein schwimmen könnte?

Ökonomie und Ökologie sind miteinander vereinbar

Genau diese Entwicklungen sind allerdings auch eine reale Gefahr für die Zukunft. Wenn nämlich diese Erkenntnisse, gemeinsam mit den Debatten etwa darüber, ob der Mensch wirklich für den Klimawandel verantwortlich ist und welche Rolle überhaupt der Ressourcenverbrauch eines 80-Millionen-Volkes auf einer Erde mit sieben Milliarden Menschen spielt, dazu führen, dass man sich zurücklehnt und das Gelernte in Teilen wieder vergisst, ist niemandem geholfen. Das Argument, dass ökologisches Denken dabei zwangsläufig im Widerspruch mit Erfolg steht und damit die Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes beeinträchtigt, greift dabei deutlich zu kurz. Deutschland konnte seine führende Rolle in Umwelttechnologien und auch einen Teil seines Produktivitätsvorsprungs durch ressourcensparende Produktionsverfahren nur erreichen, weil das Thema Ressourceneffizienz dem Staat und seinen Bürgern, den Chefs und den einfachen Mitarbeitern gemeinsam ein Anliegen war. Darüber hinaus ist die Suche nach ressourcenschonenden Alternativen durch leistungsfähigere Prozesse oftmals auch ökonomisch sinnvoll – man denke nur an den Trade-off zwischen See- und Luftfracht in der Beschaffung. Vorausschauendes, verantwortliches Denken – von Politik und Unternehmensführern gleichermaßen – ist gefragt!

Nachhaltigkeit ist aus dem Alltagsbewusstsein verschwunden

Der Mentalitätswechsel in den 70er- und 80er-Jahren wurde über einen klassischen Change-Prozess herbeigeführt. Zunächst wurde dafür gesorgt, dass die Notwendigkeit für ein Umdenken erkannt wurde. Diese Aufgabe nahmen zunächst die Umweltbewegungen wahr; mit dem Einzug der Grünen in die Parlamente wurde die Erkenntnis nach und nach zum Allgemeingut und findet sich als “Nachhaltigkeit“ inzwischen in allen Parteiprogrammen wieder. “Auch die Wirtschaft griff das Thema auf(Link)”:http://www.theeuropean.de/thomas-friemel/4945-gruener-aufbruch-aus-der-krise. Es wurden Aktionspläne entwickelt, die über Bildungsinstitutionen und Medien dafür sorgten, dass jeder Einzelne wusste, wie er oder sie selbst, privat oder am Arbeitsplatz, seinen Teil zum Schutz der Umwelt beitragen konnte. Egal, ob die flächendeckende Einführung von Wasserspartasten an Toiletten oder die Nutzung von Recyclingpapier, die Beweislast wurde spätestens in den 80er-Jahren umgedreht. Plötzlich musste sich nicht mehr rechtfertigen, wer es hatte und nutzte, sondern wer sich verweigerte. Doch wie konsequent werden diese Themen heute noch im Tagesgeschäft beachtet? Erst dann wäre der Change-Prozess nämlich erfolgreich abgeschlossen. Inzwischen ist Umwelterziehung fester Bestandteil der schulischen Bildung. Allerdings ist das Thema ansonsten weitgehend aus dem Alltag der Menschen verschwunden. Man hat sich auf hohem Niveau gemütlich eingerichtet, die nicht eingetretenen Horrorprognosen von damals erreichen heute das Gegenteil ihres eigentlichen Zwecks. Die Wahrnehmung ist: Nur keine Unruhe, es kommt ja nie so schlimm wie vorausgesagt. Um zu vermeiden, dass die Stimmung eines Tages kippt, muss der gesamte Change-Prozess noch einmal durchlaufen werden, nur diesmal bis zum Ende. Das Ziel muss diesmal lauten: Make it stick!

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