Die Angst vor dem Alleinsein

von Winfried Nachtwei17.05.2012Außenpolitik

Der Abzug der ISAF-Truppen in Afghanistan läuft. Doch was für ein Land werden wir hinterlassen? Viel hängt davon ab, wie wir uns auch nach 2014 noch um die Afghanen und ihren Staat kümmern werden.

Der bevorstehende NATO-Gipfel in Chicago soll einer der Verpflichtungen sein: zur Vollendung des Übergabeprozesses und zur Unterstützung Afghanistans über 2014 hinaus. Zurück von meinem inzwischen 17. Afghanistanbesuch ist mein Bild sehr zwiespältig. Erheblicher Rückgang der Sicherheitsvorfälle (32 Prozent), der Operationen von Aufständischen (43 Prozent) und ISAF, einzig Anstieg der Operationen der afghanischen Sicherheitskräfte. Das meldet das Afghanistan NGO Safety Office für das erste Quartal 2012 gegenüber dem Vorjahrszeitraum. Ob das Anzeichen einer Trendwende zur Übernahme der Sicherheitsverantwortung sind oder nur eine trügerische „Pause“, ist strittig. Fakt ist: Der militärische Rückzug von ISAF läuft an. Bis Ende dieses Jahres zieht sich ISAF aus den östlichen wie aus den westlichen Provinzen der Nordregion zurück und konzentriert die schrumpfenden Kräfte im Zentrum. Mit den Konfliktprovinzen Faryab und Badghis im Nordwesten müssen die afghanischen Kräfte dann allein „fertigwerden“. Vor Ort wird häufig der Verdacht geäußert, dass die Übergabe der Sicherheitsverantwortung nach politischen Interessen und nicht nach den tatsächlichen Bedingungen in den Distrikten erfolgt. Ein gigantisches Unternehmen wird die Rückführung der ISAF-Ausrüstung, im Fall Deutschlands allein 6.000 Container und 2.000 Fahrzeuge. Da die Pakistanroute mal geschlossen, mal unsicher ist, werden auch die großen Regionalkommandos im Süden und Osten die Nordroute nutzen müssen. Ein Trend zeichnet sich ab, dass über die Bewältigung der Rückverlegung kaum noch Kräfte für den UN-Auftrag von ISAF bleiben, für ein sichereres Umfeld zu sorgen.

Stabile Brücken?

Seit 2008 hat sich auf einigen Feldern enorm etwas getan: Die Ausbildungseinrichtungen für Polizei und Armee haben ihre Kapazitäten vervielfacht. Breit forciert wird die Alphabetisierung von Polizisten und Soldaten. Zugenommen hat die Führungsfähigkeit der afghanischen Sicherheitskräfte. Allein das Teacher Training College für die Provinz Balkh in Mazar wird inzwischen von 4.000 Studierenden besucht. 2008 waren es 2.400. Hier erlebte ich bei den jungen Frauen und Männern wie bei meinen vorherigen Besuchen eine enorme Motivation für ihren Beruf. Am 12. Mai wurde in Mazar das Balkh Hospital mit 500 Betten feierlich eröffnet. Es ist ein Leuchtturm für die Menschen in ganz Nordafghanistan. An den Unis in Mazar, Herat und Kabul starteten gerade Studiengänge für Verwaltungswissenschaften mit insgesamt 700 Studierenden. Wo schlechte Regierungsführung der älteren Männer ein Kernübel ist, sind junge Menschen mit administrativen Fähigkeiten besonders nötig.

Glaubwürdige Verpflichtung oder hohle Versprechen

Ob diese Brücken halten oder schnell wieder zerfallen, hängt einerseits davon ab, wieweit afghanische Akteure destruktive Interessen in den eigenen Reihen bändigen können. Es hängt wesentlich aber auch davon ab, wie verlässlich die Internationale Gemeinschaft die afghanischen Menschen und ihre schwachen Institutionen bei Aufbau und Entwicklung nach 2014 unterstützen. Die bisherige Unklarheit wirkt gefährlich verunsichernd. Überfällig sind glaubwürdige Verpflichtungen und Taten. Im Norden Afghanistans sind die Chancen für eine friedliche Zukunft Afghanistans am besten. Hier steht Deutschland als größter Unterstützer neben den USA besonders in der Verantwortung. Die Einrichtung eines deutschen Generalkonsulats in Mazar, die Zusicherung von polizeilicher und militärischer Ausbildungshilfe, von Entwicklungszusammenarbeit über 2014 hinaus wären notwendige Signale.

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