Die offene Gesellschaft verteidigen!

von Winfried Felser16.11.2015Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Der erneute traumatische Terror in Paris macht es mehr denn je notwendig, einen brandgefährlichen, drohenden Irrweg des „Westens“ zu verhindern. Im schlechtesten Fall stellt das Denkmuster des Kulturkampfs in seiner expliziten oder impliziten Form einen Schritt in Richtung weiterer Eskalationen lokaler und globaler Auseinandersetzungen dar – und damit eine selbsterfüllende Prophezeihung.

Die Medien sind besonders aufgerufen: sie dürfen nicht zu Multiplikatoren eines Irrwegs werden. Was ist die Alternative? Die „paradigmatischen“ Interpretation, die uns Hans Küng für die Theologie gelehrt hat, wo das Gegenüber nicht auf Basis seiner „Kultur“, sondern auf Basis seines Denkens beziehungsweise seiner „Denkmuster“ beurteilt wird.

bq. „Wenn man genau hinschaut, ist Paris keine Überraschung, sondern voraussichtlich nur der Anfang der Eskalation eines Kulturkampfes und Religionskrieges, der seit langem läuft“
_Dr. Mathias Döpfner, CEO der Axel Springer SE_

Tote leben länger – Huntingtons Kampf der Kulturen

Huntingtons Buch „Kampf der Kulturen“ wurde schon bald nach seinem Erscheinen so oft, zum Teil allerdings ungerechtfertigt oder vergröbernd kritisiert, dass man eigentlich denken könnte, dass das Thema abgehakt sei. In aller Kürze und Vergröberung: Huntington, aber vor allem seine „Interpreten“ sahen den Lauf der Geschichte – nach dem Ende des Ost-West-Konflikts und dem vermeintlichen Ende der Geschichte, wie es Francis Fukuyama proklamiert hatte – vorwiegend als Konflikt von Kulturen.

Was in der öffentlichen Diskussion schon mehrfach begraben wurde – genannt seien Kritiken in der Wochenzeitung Die Zeit oder in der Süddeutschen – kann nichtsdestotrotz in Köpfen, selbst in akademischen Köpfen, überleben und findet auch immer wieder ein Revival, gerade wenn die Realität das Gesagt zu bestätigen scheint. Selbst da, wo nicht vom Kulturkampf gesprochen wird, kann eine Glorifizierung des „Westens“ wie bei Professor Heinrich August Winkler die Wirklichkeitswahrnehmung fokussieren. Besonders problematisch ist dies, wenn diese Köpfe als Multiplikatoren die Öffentlichkeit in der Breite beeinflussen. Einer dieser Köpfe, der diesen vermeintlichen Kampf der Kulturen thematisiert, ist Mathias Döpfner, der mit Blick auf die Anschläge auf Charlie Hebdo in seiner Neujahresrede 2015 sagte: „Wenn man genau hinschaut, ist Paris keine Überraschung, sondern voraussichtlich nur der Anfang der Eskalation eines Kulturkampfes und Religionskrieges, der seit langem läuft“.

Wenn dies die Weltinterpretation des CEO von Axel Springer ist, nimmt es nicht wunder, wenn auch Journalisten des Verlags dieser Interpretation folgen. So sind die Beiträge von Fest und Matussek vielleicht gar keine Betriebsunfälle, sondern nur die besonders undiplomatischen Vertreter einer „Verlags-Denke“. Was aber ein Paradigma beziehungsweise Mem für den Axel Springer Verlag ist, wird auch, explizit oder implizit, ein relevantes Paradigma für Deutschland, etwa für Pegida & Co.

Ein Paradigma mit enormer Sprengkraft!

Ein einzelnes Statement ist also kein Problem, sehr wohl aber ein fundamentales, unsere Interpretation und Gestaltung der Welt bestimmendes, manchmal unsichtbares Paradigma oder Mem, das relevante Kreise der Gesellschaft und der Politik beeinflusst. Denn in dieser Sicht auf die Welt und die Geschichte steckt eine enorme Sprengkraft, die eine Fortsetzung (vom Kampf Westen gegen Russland) respektive Ausweitung (Westen gegen China) des kalten Krieges verspricht und eine Verschärfung der Terrorgefahr (Westen gegen Islam), weil wir die Welt zu vereinfachend interpretieren und entsprechend falsch agieren. Dabei wird von den Vertretern häufig so getan, als ob eine Sichtweise auf Konflikte dieser Welt als Kultur- oder Religionskampf alternativlos sei. Hier war Huntington als moderner Vater dieses Paradigmas noch deutlich bescheidener als die, die ihm nachfolgten oder ihn oft auch bewusst missverstanden.

So ergeht es leider allen Propheten, deren Jünger Botschaften so interpretieren, wie es passt. In seinem fundamentalen Werk „The Clash of Civilizations“ hat der Politologe aus Harvard zunächst sehr ausführlich seine Weltsicht bezieungsweise sein Erklärungsparadigma gegenüber anderen gerechtfertigt und nur als eine bessere Alternative motiviert, ohne dabei Unfehlbarkeit zu beanspruchen. Gerade der letzte Teil seines Buches und seine späten Arbeiten zeigten zudem differenzierte Perspektiven auf, die man Kulturkämpfern als Pflichtlektüre nahelegen sollte. So kritisierte auch er die Irak-Politik als Irrweg des Kulturkampfes („Bushs Crusade“). Was aber ist denn falsch an seiner Perspektive und der Perspektive seiner Jünger? Was ist die Alternative?

Ein Kampf der Kulturen ist ein ungerechter Kampf

Die neuen und alten Kulturkämpfer ziehen die Bevölkerung in einen Kampf, in dem die Grenze zwischen Gut und Böse nicht wirklich da verläuft, wo sie es propagieren. Gerade jetzt müssen eigentlich nicht Kulturen, sondern Demokraten beziehungsweise die Verfechter einer offenen Gesellschaft gegen Feinde der offenen Gesellschaft im „Kampf“ stehen. Dadurch, dass Kulturkämpfer aber als Gegner einer offenen Gesellschaft geschickt die Grenze kulturell ziehen und viele ihnen folgen, nehmen sie zum einen ihre Kultur kollektiv mit in den Kampf. Zum anderen werden Mit-Demokraten anderer Kulturen genau wie Terroristen zu Gegnern gemacht. Wenn selbst seriöse Medien pauschal nicht nur militante Islamisten verurteilen, sondern den Islam und damit auch die Muslime (siehe den Beitrag des Autors in der Huffington Post vor über einem Jahr), so wird der Keil der Kulturkämpfer medial tiefer in unsere Gesellschaft getrieben. Die Zauberlehrlinge der Aufmerksamkeit, also manch irreleitendes “Leit-Medien”, wissen nicht, welche Büchse der Pandora sie damit öffnen oder sie nehmen fahrlässig mögliche Risiken für ein paar Clicks in Kauf – und damit auch ungerechte Opfer auf beiden Seiten. So werden Medien zu Mit-Brandstiftern und zum ungewollten Unterstützer für Radikale auf beiden Seiten.

Ein Blockkampf der Kulturen ist ein erfolgloser Kampf

Na und! Ende gut, alles gut – könnte man zynisch-pragmatisch formulieren, wenn man die Kollateralschänden eines ungerechten Krieges für das Ergebnis einer nachhaltigen Befriedung unserer Gesellschaft in Kauf nehmen möchte. Kann man aber nicht. Wer im Sinne der alten Block-Kriege glaubt, man könne Konflikte ausbomben und regional beschränken oder in Lagern konzentrieren, erkennt immer noch nicht die neue asymmetrische Bedrohung des Konflikts.

Schon Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien & Co. waren ein Desaster, wenn man damit tatsächlich die Regionen „befrieden“ wollte und nicht andere geopolitische Ziele im Vordergrund standen. Ein Kampf, der aber mitten in unserer Gesellschaft tobt und bei dem nicht Armeen, sondern Mitbürger gegenüberstehen, ist nicht konventionell, also militärisch, zu gewinnen, zumindest wenn Massen-Ausweisungen, Apartheid oder der totale Überwachungsstaat keine Option sein sollen. Ende gut, alles gut? Das ist lokal wie global eine Illusion, selbst wenn Drohnen scheinbar unsere Kampfmaßnahmen intelligenter und gefahrloser erscheinen lassen.

Der Kampf der Kulturen ist ein erfolgloser Kampf! Der Autor dieses Beitrags hatte die große Freude, mit führenden Köpfen der Marine über die Zukunft der Kriegsführung und über eine neue Qualität von Network Centric Warfare im Rahmen des Kompetenz-Netzwerks Marine nachzudenken (siehe Interview mit dem Kybernetiker der Marine, Kapitän Axel Seemann) und eine Neuorganisation der Kriegsführung vorzudenken. Ob Somalia oder Afghanistan oder Dortmund: In der neuen Asymmetrie geht es darum, sich jenseits der Blöcke mit denen zu vernetzen und zu orchestrieren, deren Interessen synchron sind. Blockdenken setzt nur die Serie an Desastern fort, die wir zur Zeit erleben und in der Vergangenheit erlebt haben.

Ein Kampf der Kulturen ist ein vielfach zerstörerischer Kampf

Das Zerstörerische der falschen Denk- und Handlungsmuster wirkt dabei bereits frühzeitig, nicht erst in späten Eskalationsstufen. Schon jetzt werden Stimmen laut, die massiv Freiheit für Sicherheit einschränken wollen, selbst wenn Vorratsdatenspeicherung & Co nur bedingt erfolgreich waren oder sind, reagiert Aktionismus. Selbst wenn der Kampf also noch kalt geführt wird, hat er, anfangs noch unsichtbar, sicherlich Kollateralschäden, die nicht in unserem Sinne sein können. Nicht nur der Abbau der offenen Gesellschaft bedroht uns. Schon rein praktisch werden mit zunehmender Eskalation und zunehmender Selbstbestätigung der Prophezeiung immer mehr gesellschaftliche Mittel in einem Kampf fließen müssen, der uns als Opportunität den sozialen Standard kosten wird. Die Freiheit und das Soziale in unserer Marktwirtschaft werden jedenfalls nicht Profiteur eines Kulturkampfs sein, sondern eines seiner vielen und ersten Opfer.

Kriege haben gezeigt: Je länger die Belastungen sich hinziehen, desto schwieriger wird es, die Bevölkerung in einem demokratischen Rahmen moralisch „bei der Stange“ zu halten. Schon jetzt wird es schwierig sein, den „Westen“ als Bollwerk gegen den Fundamentalismus des Islams hinzustellen, wenn gleichzeitig Geschäfte mit Saudi-Arabien gemacht werden oder der ausgepeitschte Blogger in Saudi-Arabien oder Tote in Afrika nicht die Aufmerksamkeit erfahren, die es haben sollten. Wenn sich immer mehr aufdrängt, dass es nicht um Gut und Böse geht, sondern um unsere dazu ernannten „Guten” und „Bösen” sowie um ökonomische Interessen statt um Freiheit und Frieden, dann wird die „Kampfbereitschaft“ sinken.

Ein Kampf der Kulturen ist ein unnötiger Kampf

Last, but not least ist der Kulturkampf ein unnötiger Kampf, jedenfalls, wenn die Agenda tatsächlich die Bewahrung unserer offenen, sozialen Gesellschaft sein soll. Wir müssen religiöse Fragen nicht als Trennungsgrund diskutieren, wenn wir uns nicht zu Gefangenen des Kampfrufes es christlichen Abendlandes machen. Wie ein bekannter Düsseldorfer Kabarettist gerne betont, hat man in Düsseldorf keine Probleme mit den kulturfremden Japanern, die sicherlich nicht Teil des christlichen Abendlandes sind. Sie sind aber Mit-Demokraten und nicht zuletzt auch Mit-Wertschöpfer bzw. Teil unserer Wirtschaftskraft. Darauf sollten und müssen wir uns konzentrieren. Von jedem Bürger dieser Gesellschaft sollten wir diese Akzeptanz unsere gesellschaftlichen Normen einfordern und bei Nichtakzeptanz auch konsequent sein und als wehrhafte Demokratie klare Grenzen ziehen und Gegner der Demokratie im Rahmen der rechtlichen Regelungen des Landes verweisen. Wenn Religion als Privatsache gelebt wird, sollte sie auch Privatsache bleiben. Die Einstellung zu unserer Gesellschaft ist hingegen keine Privatsache.

Eine kulturübergreifende Verteidigung der offenen Gesellschaft

Die Alternative zu alledem ist eine neue Sicht auf die Welt, denn eigentlich ist es ganz einfach: Nicht Kulturen sind im Kampf, sondern Paradigmen, also Denkmuster. Und ein neues Denkmuster zur Interpretation der Welt muss diesen Kampf der Denkmuster als Basis haben. Die Feinde der Demokratie finden sich in allen Kulturen. Wir brauchen daher eine kulturübergreifende Allianz der Vertreter der offenen Gesellschaft gegen die Feinde der offenen Gesellschaft, egal aus welchem religiösen oder nichtreligiösen Kontext sie kommen. Hier ist die wirklich relevante Trennlinie, die uns allerdings auch klarer werden muss als dies oft der Fall ist, insbesondere im interreligiösen Dialog. Wer aber diese wirkliche Trennlinie aus welchen Gründen auch immer verschiebt wird – vielleicht unbewusst – zum Mit-Feind einer offenen, demokratischen Gesellschaft, selbst wenn als Chef eines Leit-Mediums.

Nur auf einer Basis der Akzeptanz kultureller Unterschiede bei gleichzeitigem klaren Einfordern eines gemeinsamen Denk- und Handlungsmusters, was unsere Gesellschaft ist, kann eine echte Willkommens-Kultur gedeihen. Im besten Fall erkennt die Mehrheitsgesellschaft sogar, dass sie nicht nur ökonomisch, sondern auch kulturell vom Miteinander profitiert. So ist die Mystik eines Rumis heute schon auch für Christen eine Quelle der Inspiration, und Muslime würden nicht nur von Meister Eckhart profitieren können. Wenn ein Kabarettist wie Kerim Pamuk in der Huffington Post aber die pauschale Verurteilung durch die Islam-Hysteriker kritisiert, zeigt das doch, dass auch gemäßigte und eher westlich orientierte Muslime sich eher angegriffen als willkommen fühlen.

Aber auch die muslimischen Glaubensgemeinschaften müssen diesbezüglich eine deutlichere Diskussion in den eigenen Reihen führen, insbesondere was auch Fragen der Toleranz, der Gewalt und der Wertschätzung von Demokratie und ihrer Werte angeht. Zu Recht forderte zum Beispiel der damalige EKD-Chef im Wochenmagazin Der Spiegel, dass auch das Thema Gewalt von den Verbänden proaktiv diskutiert wird. Die Willkommens-Kultur der Mehrheits-Gesellschaft darf eine Wertschätzungs-Kultur der Minderheiten einfordern.

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