Liebe geht durch die Lunge

Wilhelm Schmid24.04.2014Gesellschaft & Kultur

Glück, Sinn und Wohlwollen: das Rezept für die Liebe besteht aus drei Zutaten und einem tiefen Atemzug.

Im 21. Jahrhundert sollte die Liebe atmen lernen. Bisher wurde sie auf das Einatmen festgelegt: Immer romantisch sein, bloß keine Konflikte, nur Harmonie und Verständnis. Das Ausatmen ist der Alltag. Ihn zu akzeptieren, ist die Voraussetzung dafür, leidenschaftlich auch wieder einatmen zu können.

Für moderne Menschen ist klar: Die Liebe soll glücklich machen. Aber was ist Glück? Jede Liebe ist zunächst angewiesen auf das Zufallsglück. Zufälligerweise bin ich in diesem Moment an diesem Ort, zufälligerweise ein Anderer auch, sodass ein Funke überspringen kann. Solche Zufälle können nicht produziert, immerhin jedoch provoziert werden.

Man nehme: Dreifaches Glück …

Sollte das Zufallsglück tatsächlich günstig ausfallen, heißt das allerdings nicht, dass dies auch so bleibt. Der günstige Zufall verbessert nur die Bedingungen für das Zustandekommen einer Beziehung, verschlechtert aber häufig die Bereitschaft zur Arbeit an ihr, da das Glück vermeintlich bereits da ist.

Haben zwei sich schließlich glücklich gefunden, muss ein zweites Glück in der Liebe fraglos das Wohlfühlglück sein: Die Liebenden können sich miteinander wohlfühlen, Freude aneinander haben, sehr viel Sinnlichkeit gemeinsam genießen, Verständnis und Geborgenheit beieinander finden. Dies vorsätzlich zu suchen, gehört zur Arbeit am Glück in der Liebe. Denn anders als das Zufallsglück kann das Wohlfühlglück nicht nur provoziert, sondern auch produziert werden.

Soll die Liebe von Dauer sein, ist jedoch ein drittes Glück nötig: Das Glück der Fülle. Gemeint ist die gesamte Fülle der Erfahrungen, positive wie negative. Freude und Ärger beispielsweise. Auch für dieses Glück kann Jede und Jeder selbst etwas tun. Es hängt von der geistigen Haltung ab, die sie oder er im Denken gewinnt. Ausgehend von der Frage: Was ist charakteristisch für das Leben und die Liebe? Ist es nicht die Polarität, die Bewegung zwischen Gegensätzen, die sich in allem zeigt? Erscheinen mir das Leben und die Beziehung in aller Polarität dennoch bejahenswert?

Dann ist ein Glück möglich, das atmen kann, sodass ich nicht mehr verkrampft an schönen Zeiten festhalten muss, die nicht vergehen dürfen, sondern auch die anderen Zeiten des gemeinsamen Lebens hinnehmen kann.

… sowie den Sinn der Liebe …

Das dreifache Glück ist wichtig für die Liebe, am wichtigsten aber ist, dass sie eine starke Erfahrung von Sinn vermittelt. Sogar dann können Menschen Sinn in der Liebe finden, wenn sie unglücklich sind. Sinn ist Zusammenhang, und für einen starken Zusammenhang sorgt die Bindung zwischen Zweien: sich mit unterschiedlichen Stärken wechselseitig zu beschützen und gemeinsam stärker zu sein, als einer für sich allein. Liebe ist nicht die einzige Methode, Sinn zu finden, aber eine sehr wirksame. In unserer Epoche wird sie zur großen Sinnstifterin: Der Sinn der Liebe ist die Schaffung von Sinn.

Auf mehreren Ebenen können die Liebenden Sinn miteinander erleben: körperlich, seelisch, geistig und transzendent. Je nach der Deutung, von der die Liebenden sich leiten lassen, kann ihre Liebe einzelne oder mehrere Ebenen bespielen, und nur sie selbst können die Frage beantworten, was grundlegend sein soll. Eine große Schwierigkeit der Liebe liegt darin, dass die Bedürfnisse der Liebenden nicht immer auf derselben Ebene liegen. Die Liebe neu erfinden, das ist gleichbedeutend damit, die Liebe auch zwischen den verschiedenen Ebenen atmen zu lassen.

… und eine große Prise Wohlwollen.

Wenn ich auf einen einzigen Nenner bringen soll, was ich in den vielen Jahren der Arbeit über die Liebe gelernt habe, dann dies: Dass sie unter Bedingungen der modernen Zeit auf ein großes Wohlwollen angewiesen ist, das zwei einander entgegenbringen, sonst geht gar nichts mehr.

Wurde die Bindung zwischen Zweien einst von außen, von Religion, Tradition und Konvention gewährleistet, auch erzwungen, muss sie heute von innen kommen, und dabei geht es nicht immer nur um Gefühle: Liebe ist zu einer Entscheidung geworden, die jeder Einzelne für sich treffen muss.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Wir dürfen uns von der AfD nicht die Demokratie zerstören lassen

Es gibt sie noch, die besonnenen Köpfe in der Politik. Wohltuend unaufgeregt das Interview mit Thüringens früherem Ministerpräsidenten Bernhard Vogel (CDU), Solche besonnenen Stimmen, die die Dinge vom Ende her durchdenken und nicht nur flotte Parolen oder moralische Dauerempörung im Programm h

Deutschland ist über Nacht zu einer offenen Gesinnungsdiktatur geworden

Man wird in der Geschichte wohl kein Beispiel finden, welches veranschaulicht, wie in einer Demokratie von Politik und Medien so offen ein urdemokratischer Prozess dämonisiert und ein gewählter Ministerpräsident einer solchen Hasskampagne von Politikern und Medien ausgesetzt wurde, dass er und se

Mit der verbrecherischen US-Oligarchie gibt es keinen Frieden und keinen „Klimaschutz“

Mit der verbrecherischen US-Oligarchie gibt es keinen Frieden und keinen „Klimaschutz“. Wenn die Grünen wirklich Frieden und Klimaschutz wollen, dann müssen sie der skrupellosen US-Oligarchie, die die halbe Welt terrorisiert, die kalte Schulter zeigen. Europa muss sich aus der Bevormundung der

Der Rundfunkbeitrag ist einfach nicht mehr zeitgemäß

Die konservative Basisbewegung innerhalb der CDU/CSU fordert die Landesregierungen auf, die Stimmung in der Bevölkerung ernst zu nehmen und umgehend Kostenschnitte für die öffentlich-rechtlichen Medienanstalten zu beschließen.

Regierungsbildung in Thüringen: Dies ist ein bitterer Tag für die Demokratie

Dieses Ergebnis ist ein Dammbruch. Die Wahl des Thüringer Ministerpräsidenten hat gezeigt, dass CDU und FDP den Wählerauftrag nicht verstanden haben. Gemeinsam mit Stimmen der AfD haben sie die Wiederwahl Bodo Ramelows verhindert. FDP und CDU werden damit zum Steigbügelhalter der rechtsextremen

Sich mit der AfD wählen zu lassen, ist ein inakzeptabler Dammbruch

Es ist ein inakzeptabler Dammbruch, sich mit dem Stimmen der AfD und Herrn Höckes wählen lassen, so Ministerpräsident Bayerns Markus Söder.

Mobile Sliding Menu