Es gibt zur Zusammenarbeit zwischen den Nationen keine Alternative. Barack Obama

Zeit für Fairness

Zeitarbeit kann eine erfolgreiche Antwort auf die komplexen Herausforderungen einer globalisierten Arbeitswelt sein. Jedoch nur, wenn die Politik, insbesondere die FDP, endlich ihren Widerstand gegen einen Mindestlohn in der Zeitarbeit aufgibt. Denn: Zeitarbeit ermöglicht Arbeitssuchenden den direkten Einstieg in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung.

Im Jahre 2002 bezeichnete The Economist Deutschland als “sick man of Europe” und meinte damit vor allem den unflexiblen Arbeitsmarkt, der Wachstumschancen verhinderte. Die überfälligen Strukturreformen am Arbeitsmarkt wurden mit den Hartz-Reformen in Angriff genommen. Der Sachverständigenrat resümiert, dass “am Arbeitsmarkt nicht nur eine zyklische Erholung zu beobachten ist, sondern dass die Flexibilität und die Dynamik am Arbeitsmarkt zugenommen haben”.

Bisher ist noch kein überzeugendes Gesamtbild der Logik des aktuellen Strukturwandels der Arbeit entstanden. Der Wandel ist sehr komplex und unübersichtlich, was schon allein aus den zahlreichen Schlagworten ersichtlich wird: Globalisierung, Deregulierung von Arbeitszeiten, systemische Rationalisierung, posttayloristische Betriebskonzepte, Business Reengineering, Wertewandel, Corporate Culture u. v. a. m. Technischer Fortschritt, Globalisierung und neue Formen der Erwerbsarbeit werden den Arbeitsmarkt in den kommenden Jahren weiter verändern. Erwerbsbevölkerung, Unternehmen und Politik müssen sich an diese Veränderungen anpassen. Die Zeitarbeit kann dabei eine wichtige Rolle spielen, wenn die Spielregeln fair sind und auf eine breite gesellschaftspolitische Akzeptanz stoßen.

Besonders die FDP ist gut beraten, ihren ideologischen Widerstand endlich aufzugeben

Die aktuellen Diskussionen zeigen, dass hier noch erhebliche Defizite bestehen. Auch die Politik muss sich vorhalten lassen, zu wenig auf Fairness geachtet zu haben. Dubiose Gefälligkeitsbillighaustarife in der Branche wurden lange ebenso hingenommen wie die Organisation von Drehtüreffekten im Konzernverleih. Besonders die FDP ist gut beraten, ihren ideologischen Widerstand gegen einen tarifierten Mindestlohn in der Zeitarbeit endlich aufzugeben. Im Hinblick auf die Herstellung der vollen EU-Arbeitnehmerfreizügigkeit ab Mai 2011 muss zur Vermeidung von sozialen Verwerfungen die Zeitarbeitsbranche schnell in das Arbeitnehmer-Entsendegesetz aufgenommen werden. Denn immer wenn die “Schutzzäune” löchrig sind, darf man sich über das Eindringen von schwarzen Schafen nicht wundern.

Ein wesentlicher Bestandteil der Imageverbesserung wäre auch ein umfassendes Weiterqualifizierungsprogramm für die Personaldienstleister, zumal die Versäumnisse auf diesem Gebiet bei akut drohendem Fachkräfteengpass direkt in eine Nachfragesackgasse führen.

Zeitarbeit ermöglicht Arbeitssuchenden den direkten Einstieg in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung

Vor allem sind diese Reformmaßnahmen auch erforderlich, um keinen begründeten Widerstand gegen die Branche aufkommen zu lassen und eine Rückkehr zu stärkerer Regulierung der Zeitarbeit zu vermeiden. Andererseits ist den “Verbotsfanatikern” bzw. “Totalregulierern” vorzuhalten, dass es unsinnig ist, einem tropfenden Wasserhahn mit Zuschweißen zu begegnen.

Unstrittig ist: Zeitarbeit ermöglicht Arbeitssuchenden den direkten Einstieg in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Dies ist besonders bedeutsam für sogenannte Risikogruppen des Arbeitsmarktes, die unter Zeitarbeitnehmern überdurchschnittlich häufig vertreten sind. Wer bietet diesen Menschen, insbesondere auch überdurchschnittlich vielen mit Migrationshintergrund, denn sonst noch eine faire Chance zur Integration auf dem ersten Arbeitsmarkt?

Auf mittlere Sicht ist zu erwarten, dass es zumindest bei längeren Kundeneinsätzen im qualifizierten Bereich zu vergleichbaren Zeitarbeits-Tariflöhnen wie die der jeweiligen Stammbelegschaften kommen wird. Umso wichtiger werden die übrigen Stärken der Branche wie Flexibilität, Passgenauigkeit, Erprobung, Qualifikation und Motivation der von ihr überlassenen Arbeitskräfte sein.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Sahra Wagenknecht, Oskar Lafontaine, Regina Görner.

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