Kein Nachfolger, nirgends

von Walter Laqueur24.09.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Kritiker feiern bereits das Ende der Vorherrschaft Europas in der Welt. Dabei haben die Asiaten noch nicht einmal zum Überholen angesetzt.

Es ist gerade einmal acht Jahre her, dass die Welle des Euro-Optimismus ihren Höhepunkt erreichte. Selbstbewusst wurde verkündet, das 21. werde das Jahrhundert Europas sein. Nun ist das Pendel sehr weit in die andere Richtung ausgeschlagen. Der wichtigste Prophet des unwiderstehlichen Triumphzuges Asiens heißt Professor Kishore Mahbubani. Er war Vertreter seines Landes (Singapur) bei den Vereinten Nationen, zeitweise Vorsitzender des Weltsicherheitsrates. In einer Reihe von Büchern hat Mahbubani versucht zu beweisen, dass Europa heute nicht nur ein geopolitischer Zwerg sei, sondern auch sonst nicht mehr viel zu sagen habe. Auch in jeder anderen Beziehung befinde sich die Fackel der Zivilisation längst in den Händen von Asiaten. Mahbubani hat viele Bewunderer in Ostasien und nicht alles, was er schreibt, ist falsch. Die imperiale Vorherrschaft Europas, die 500 Jahre oder länger andauerte, ist zu Ende. Die demografische Schwäche der Länder Europas ist bekannt. Dass der wirtschaftliche Fortschritt von Ländern wie China und Indien sehr beeindruckend ist, braucht kaum betont zu werden. (Aber gleichzeitig ist in dieser Hinsicht etwas Vorsicht ratsam—das Bruttosozialprodukt von Singapur, wo Mahbubani lebt, ist im letzten Jahr um 6 Prozent zurückgegangen, bedeutend mehr als in Europa oder den USA.) Doch seine Prophezeiungen gehen weiter. Sie besagen, dass der rasante Fortschritt in Asien andauern wird und dass Asien das Vorbild sein wird, für den Rest der Welt, für ein friedliches, harmonisches Zusammenleben. Wer Asien die Fackel der Zivilisation überreichen will, ignoriert wissentlich oder unwissentlich die großen sozialen, nationalen und religiösen Spannungen, die inneren Konflikte aller Art, die in den Ländern Asiens, vor allem den größten unter ihnen, herrschen. In Europa hat es seit dem Zweiten Weltkrieg, vom Balkan einmal abgesehen, keine militärischen Auseinandersetzungen gegeben, auch keine Bürgerkriege, in Asien dagegen zahllose. Nicht alle diese Gegensätze (von den Konflikten zwischen den Ländern ganz zu schweigen) müssen zu einer Katastrophe führen. Aber der Glaube, dass alle diese Probleme aufgrund der raschen wirtschaftlichen Entwicklung einfach und harmonisch eine Lösung finden werden, ist naiv und unrealistisch. Es wäre zu wünschen, aber es wird kaum so kommen. Doch die Kritik an Europa und die Prognosen gehen noch weiter. Die Asiaten, so heißt es, sind nicht nur die besseren Produzenten, sie sind die besseren Demokraten und Verteidiger der Menschenrechte, nicht allerdings im europäischen Sinne denn Asien legt mehr Wert auf die kollektiven Werte im Gegensatz zu der europäischen Überbetonung des Individualismus und der Rechte der Person. Den Schreiber dieser Zeilen, häufig angefeindet als Prophet des Niedergangs Europas, kann man kaum verdächtigen, ein Vorkämpfer des Euro-Optimismus zu sein. Aber solchen Behauptungen gegenüber befindet er sich in der ungewohnten Lage, für das alte Europa ein paar gute Worte einlegen zu müssen. Immerhin ist es nicht nur das Europa der zwei Weltkriege, sondern auch der Kontinent der Renaissance und der Aufklärung, der klassischen Werke in allen Gebieten der Kultur. Die letzten 500 Jahre waren nicht nur das Zeitalter des europäischen Imperialismus. Die europäische Kultur war in dieser Zeit zugleich die Weltkultur. Es wäre beruhigend zu wissen, dass es bereits eine Nachfolge gibt, doch die ist mit bloßem Auge noch nicht zu erkennen. Wunschdenken allein genügt nicht.

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