„Es gibt in dieser Welt keine Gerechtigkeit“

von Walter Kasper23.12.2011Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Im Interview spricht der emeritierte Kurienkardinal Walter Kasper über das Verhältnis von Vernunft und Gottesglauben, das ethische Potenzial von Religion, Präimplantationsdiagnostik und die großen Herausforderungen für die katholische Kirche. Das Gespräch führte Alexander Görlach.

*The European: Wie vernünftig ist es denn, heute noch an Gott zu glauben?*
Kasper: Ich denke, es ist sehr vernünftig. Denn jeder Mensch, der fragt: „Woher komme ich und wohin gehe ich?“, merkt, dass man das rein innerweltlich nicht beantworten kann. Man kann Agnostiker sein. Das sind heute viele Menschen. Aber kann man diese Fragen wirklich offenlassen?

*The European: Agnostizismus scheint die plausibelste Reaktion auf die Behauptung der Existenz Gottes zu sein: Wir können weder wissen, ob er ist, noch, ob er nicht ist.*
Kasper: Menschen fragen nach dem Woher und Wohin ihrer Existenz. Diese Fragen können die Naturwissenschaften nicht beantworten. Alles läuft auf die Frage zu: „Was darf ich hoffen?“ Darf ich zum Beispiel hoffen, dass die Gerechtigkeit am Ende den Sieg davontragen wird? Eine Frage, die uns Kant stellt. Wir sehen doch, dass es in dieser Welt keine Gerechtigkeit gibt. Das ist evident. Wir müssen also hoffen, dass „an anderer, sozusagen übergeordneter Stelle“ Recht gesprochen wird. Nur wenn wir das hoffen können, bekommt unser Leben einen Sinn.

„Bedeutung kann eine Religion nur haben, wenn sie wahr ist“

*The European: Sind Religionen nicht Vehikel, die in der Geschichte eine große Bedeutung haben, von denen wir heute aber konstatieren müssen – unaufgeregt und ohne Nihilisten zu werden –, dass sie nicht mehr diese großen Erklärer geben können, von denen Sie sprechen. Warum sollen wir nicht sagen können, dass vieles auf der Welt unvollständig und unvollkommen bleibt?*
Kasper: Wenn Sie „heute“ sagen, dann meinen Sie unsere westliche Kultur der letzten zwei-, dreihundert Jahre. Wenn man nun die Menschheitsgeschichte durchgeht, hat es nie eine Kultur gegeben, die ohne irgendeine Art von Transzendenz war, wie immer diese dann interpretiert wurde. Diese Transzendenz hat dann letztlich begründet, was in der Gesellschaft als gut und was als böse zu gelten hatte.

*The European: Also geben Ihrer Meinung nach nur religiöse Traditionen den ethischen und moralischen Kompass einer Gemeinschaft vor?*
Kasper: Ich denke, ja. Dostojewski hat gesagt:

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