Schönheit ist zu einem Gebot geworden – sie ist kein Vergnügen mehr. Susie Orbach

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Der Infokrieg ist bittere Realität und die USA verlieren ihn. Selbst ihre Bomben werden das nicht ändern.

Ein globaler Krieg tobt. Es ist kein gewöhnlicher Krieg, aber er ist nicht weniger ernst. Es ist ein Krieg mit unscharfen Grenzen und vielen widerstreitenden Interessen, der von der Gesellschaft kaum wahrgenommen wird – und es ist ein Krieg, den der Westen verlieren wird.

Bereits 2011 warnte die damalige US-Außenministerin Hillary Clinton, dass das Land in einem globalen Infokrieg gefangen sei und gegenüber Sendern wie Al Jazeera und RT an Boden verlöre. Warum? Auf diese Frage gibt es eine einfache Antwort: Ein Großteil der US-Medien nimmt eine viel zu amerikanische Perspektive ein, wenn es um Außenpolitik geht. Im Vergleich zu ausländischen Nachrichtenkanälen nutzen die Amerikaner zu wenige Quellen von außerhalb und erzählen die Geschichte am Ende doch wieder nur aus der eigenen Perspektive.

„Krieg“ ist mehr als eine bloße Analogie

Wenn es nicht gerade um eine internationale Krise geht, die direkt wichtige US-Interessen berührt, gähnen amerikanische Journalisten bloß. Wenn sie sich aber einer Krise annehmen, berichten sie nur so lange, bis sie glauben, die amerikanische Öffentlichkeit sei satt und dann geht es munter weiter zur nächsten Krise – die spannenden Hintergründe überlassen sie dabei internationalen und regionalen Medien. Zuschauer, die mehr Informationen wollen, die Tiefe und nachdenkliche Berichte verlangen, wenden sich deshalb alternativen Medien wie dem russischen Fernsehsender RT oder dem katarischen Al Jazeera zu.

Faktisch ist die Dominanz der amerikanischen Perspektive in US-Medien auch eine Gefahr für die Balance des medialen Ökosystems. Es gibt keine Vielfalt, keine alternativen Ansichten. Nur einen gängigen Standpunkt, der auf allen Sendern, in Magazinen und auf Webseiten wiedergekäut wird. Ausländische Medien schaffen es hingegen, Nachrichten mit breiterem Zugang zu machen, neue Sichtweisen integrierend. Man muss den einzelnen Standpunkten ja nicht zustimmen, aber der Beitrag zur Medienvielfalt verdient Beachtung.

Die amerikanische Presselandschaft verliert deshalb, sie spart bei investigativem Journalismus und tauscht Tiefe in der Berichterstattung gegen Einfachheit ein. Deshalb schalten immer mehr Zuschauer US-Kanäle ab und wechseln zu nicht-westlichen Alternativen, die – um Hillary Clinton zu zitieren – den Infokrieg gewinnen.

Übrigens ist der Begriff „Krieg“ mehr als eine bloße Analogie. Er ist bittere Realität. Im April 2003, einen Monat, bevor ich Bürochef Al Jazeeras in Bagdad wurde, bombardierten US-Truppen die Räume des Senders. Das war eine vorsätzliche Attacke auf unsere Infrastruktur und unsere Kollegen, die einen Journalisten das Leben kostete und alle anderen einschüchterte. In Washington hatte sich damals die Überzeugung durchgesetzt, dass der öffentliche Rückhalt für die Kriege in Afghanistan und Irak schrumpft – nicht bloß auf internationaler Bühne, sondern auch in der eigenen Bevölkerung. Al Jazeera bot damals einen alternativen Narrativ der Ereignisse an und wurde deshalb als Bedrohung wahrgenommen. Als ein Rivale, der um jeden Preis zum Schweigen gebracht werden musste.

Es ist seltsam – vorsichtig ausgedrückt –, dass ein Land, das so stolz auf seine Meinungsfreiheit ist, zu solchen Maßnahmen greift, um ein unabhängiges Nachrichtennetzwerk lahmzulegen. Doch wenn es um die eigenen Interessen geht, sind die USA nicht der Vorreiter der Freiheit, sondern deren Feind. Genau wie Diktatoren oder Autokraten. Medienhäuser sind dabei keine unschuldigen Beobachter. Die großen US-Medien waren oft genug das Sprachrohr der offiziellen US-Außenpolitik.

So wurden die Medien zum Spielball im globalen Kampf um die Deutungshoheit. Staaten und mit ihnen verbundene Wirtschaftskreise instrumentalisieren Medien, um die von ihnen konstruierten Narrative unters Volks zu bringen. Die meisten westlichen Medienhäuser haben dem Druck nachgegeben und werden jetzt missbraucht, um den Status quo zu wahren. Kein Staat und kein Unternehmen mit Medienbeteiligung wird diesen Vorteil ungenutzt verstreichen lassen. Widerspruch ist nicht gewünscht. Journalisten, die die andere Seite der Medaille beleuchten wollen, werden mundtot gemacht. Nur in den sozialen Netzwerken können sie ihre Meinung noch verbreiten.

Wettbewerb zwischen den Medien gibt es nur noch in der innenpolitischen Berichterstattung. Sobald es um Außenpolitik geht, versammeln sich alle brav unter der Landesflagge. Ich habe diese Logik in Afghanistan erlebt und auch im Irak, während der Aufstände in der arabischen Welt und nun auch in der Ukraine.

Sie finden, das klingt scheinheilig, wenn ich das als ehemaliger Direktor Al Jazeeras schreibe, als Vertreter eines Netzwerks, das oft für seine engen Verbindungen zur Herrscherfamilie Katars kritisiert wurde? Natürlich, wie in jeder Nachrichtenorganisation gibt es Befangenheiten – aber sie sind sehr viel kontrollierter und transparenter als bei vergleichbaren Sendern.

Al Jazeera berichtet vor allem aus dem Mittleren Osten. Eine Region, in der Nachrichten sich oft genug mit Fragen von Leben und Tod beschäftigen. Eine Region, in der zahlreiche nationale Interessen kulminieren. Hier ist es schwer, die Politik aus der Berichterstattung auszuklammern und vielleicht ist es sogar unmöglich, absolut neutral zu berichten. Aber meine Aufgabe war es, dies zumindest zu versuchen und ich denke, es ist mir gelungen. Katars außenpolitische Ziele waren niemals die Ziele unseres Senders. Es stimmt: Ohne Al Jazeera wäre Katar heute vielen Menschen kein Begriff. Der Sender hat sich aber niemals vor den Pflug der Regierung spannen lassen.

Die Krise in der Ukraine bewies einmal mehr, dass es heute an Nachrichten mangelt, die die Dinge ins rechte Verhältnis rücken. Es fehlt wirklich neutrale Berichterstattung. Die westlichen Medien unterstützen die Regierung in Kiew und machen Moskau für die Eskalation verantwortlich, die russischen Medien machen das genaue Gegenteil. Immer wenn nationale Interessen auf dem Spiel stehen, wird die Diskreditierung des Gegners und nicht gute Berichterstattung zum primären Ziel der Medien.

In dieser Situation wird es für die Zuschauer unglaublich schwierig, parteiische Nachrichten zu meiden. Das Einzige, was wir Konsumenten tun können, ist, die Geschichten, mit denen wir gefüttert werden, zu hinterfragen. Und wir müssen schauen, was die anderen Sender berichten. Denn jede Geschichte hat mehr als bloß eine Facette.

Übersetzung aus dem Englischen

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Vera Lengsfeld, Vera Lengsfeld, Rüdiger Kruse.

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Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 3/2014.

Darin geht es u.a. die Deutsche Debatten-Kultur: Was man wohl noch so sagen darf, fragen wir u.a. Thilo Sarrazin und Jörg Kachelmann. Weitere Debatten: Der globale Infokrieg, die Energiewende und der Klimawandel, der deutsche Glaube an den Staat, die Angst vor der Technik sowie der Kampf um den perfekten Körper. Dazu Gespräche mit Juli Zeh, Winfried Kretschmann, Christian Lindner, Peter Singer und David Lynch.

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