Auf die Knie, Männer

von Volkmar Sigusch7.08.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

Sexuell völlig frei, sehnen sich die Protagonisten in „Shades of Grey“ letztendlich doch nach Liebe und Vertrauen. Die weibliche Emanzipation gefährdet das nicht, dafür sind jetzt die Männer gefragt.

Ich gestehe, dass auch mich der gewaltige Erfolg des Romans „Shades of Grey“ von E. L. James erstaunt hat, obgleich ich seit beinahe 50 Jahren Sexualforschung betreibe und Doktorarbeiten von Frauen über Gewaltfantasien von Frauen betreut habe. Wir wussten also, dass sadomasochistische Fantasien bei Frauen in unserem Kulturkreis, also in Europa und Nordamerika, keineswegs selten sind. Wer sich informieren möchte, sollte vor allem die folgenden weichenstellenden Studien zur Kenntnis nehmen: von Isabelle Azoulay „Phantastische Abgründe – Die Gewalt in der sexuellen Phantasie von Frauen“ (Frankfurt/M., 1996) und von Nancy Friday „My Secret Garden – Womens’ Sexual Fantasies“ (New York 1973; deutsch u.a.: „Die sexuellen Phantasien der Frauen“, Reinbek bei Hamburg 2001).

Neosexuelle Beziehungsmoral

Inhaltlich geht es in dem Roman von E. L. James um eine 21-jährige Studentin, die noch Jungfrau ist und sich einem sechs Jahre älteren Multimillionär hingibt, der von sich sagt: „Ich schlafe nicht mit jemandem, ich ficke hart.“ Das Werk wird der SM-Literatur zugeordnet, bleibt aber von den berühmten Vorgängern seit dem Marquis de Sade meilenweit entfernt. Alles, was schmutzig ist, fehlt, auch Blut fließt nicht, und Brandnarben sind undenkbar. Die Unterordnung der Jungfrau erfolgt geordnet, sauber und korrekt. Von der Kleidung über das Essen und den Sport bis hin zu den Sexspielzeugen ist alles zwischen den Partnern vertraglich geregelt. Es herrscht eine extreme Gebundenheit und ein blindes Vertrauen. Das macht jede Fesselung und Auspeitschung harmlos. Als wollte die Autorin “die neosexuelle Beziehungsmoral”:http://theeuropean.de/volkmar-sigusch/9330-sexualtrieb-und-steinzeit-gene, die wir Sexualforscher Verhandlungsmoral oder Konsensmoral genannt haben, an einem nicht ganz alltäglichen Beispiel illustrieren, zeigt sie, was die Helden trotz Liberalisierungen und seriellen Monogamien und trommelnden Außenreizen und Verführungsversuchen doch noch zusammenhält: eine Kombination aus rationalem Reglement und irrationalen Sexspielen. Das schenkt noch einmal Sicherheit und Vertrauen. Und es ist eine neosexuelle Befreiung der letzten Jahrzehnte von der vorausgegangenen “sexuellen Befreiung”:http://theeuropean.de/cindy-gallop/7337-pornographie-und-gesellschaft der 1960er-Jahre. Vielleicht ahnte die Autorin aber auch, wie viele Frauen in unserem Kulturkreis nachweislich durch SM-Fantasien sexuell erregt werden, wobei Fantasien in aller Regel nicht Wünsche sind, die sich realisieren sollen.

Sieg der Liebe

Auf jeden Fall siegt im Roman die Liebe, hilft eine liebende Frau einem angeblich traumatisierten Mann mit einer besonderen Vorliebe, wird der Soft-Sadomasochismus im Sinn der neosexuellen Revolution popularisiert. Der Emanzipation der Frauen schadet das nicht, es macht sie im Gegenteil glaubhaft. Jetzt sollten aber auch die Männer mit ihren Unterwerfungsfantasien herausrücken. Dann wären wir wieder einen kleinen Schritt weiter auf dem beschwerlichen Weg zur sexuellen Freiheit.

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