Generalisierungen sind weder hilfreich, noch angebracht. Ali Kizilkaya

Steter Tropfen höhlt den Stein

Der amerikanische Protest gegen unkonventionelle Gasförderung schwappt auch an deutsche Ufer – doch die dortigen Bedingungen sind anders als hier. Anstatt Panik zu verbreiten, muss diese Zukunftsoption ergründet werden.

Nach Einschätzung vieler Fachleute steht der Welterdgasmarkt vor einer Revolution: Die Weiterentwicklung von Fördertechniken macht es möglich, den fest in vielen Gesteinen gebundenen Gasinhalt zu nutzen. Nach ersten Schätzungen sind diese „unkonventionellen“ Vorkommen deutlich größer, als die bisher genutzten „konventionellen“. In zahlreichen Ländern weltweit wird intensiv an der Erschließung unkonventioneller Gaslagerstätten gearbeitet, so dass sich in absehbarer Zukunft deutliche Verschiebungen auf dem Weltenergiemarkt erwarten lassen.

Geringere Importabhängigkeit

Auch Deutschland besitzt erhebliche Potenziale an unkonventionellen Gasvorkommen in ganz unterschiedlichen Gesteinen: In NRW sind dies Tonsteine aus dem Erdmittelalter, Schiefer aus der Unterkarbonzeit und die im Untergrund des Münsterlandes lagernden Steinkohlenflöze der Oberkarbonzeit. Die verschiedenen Gesteine bedingen spezifische Herangehensweisen bei der Erkundung und einer möglichen Gewinnung der Gasinhalte. Abgesehen vom Flözgas, über das der Bergbau Informationen lieferte (in der Vergangenheit oft leidvolle Erfahrungen mit “Schlagenden Wettern“), ist die Kenntnis über die Verteilung des Gases in den einzelnen Schichten, über die technischen Parameter einer Gasgewinnung und letztlich über die Frage, welche Mengen tatsächlich wirtschaftlich gewinnbar wären, noch sehr gering und erfordert umfangreiche Erkundungen.

Die energiepolitischen Entwicklungen (Verzicht auf Kernenergie, Auslaufen des Steinkohlenbergbaus, unsichere Zukunft des Nahen Ostens) sollten eine zusätzliche heimische Energieressource attraktiv machen, die die gravierende Importabhängigkeit Deutschlands auf dem Energiesektor zumindest mindern könnte. Tatsächlich aber stoßen die Explorationsaktivitäten auf teilweise heftigen Widerstand in Teilen der Öffentlichkeit, Publizistik und Politik. Hintergrund sind hauptsächlich Berichte über eine Beeinträchtigung von Trinkwasserressourcen in den USA durch das Verfahren des Fracking, das zur Gewinnung vieler Vorkommen angewandt wird. Dabei werden Flüssigkeiten, Stützmittel und chemische Zusätze in das Gestein eingepresst, die dort ein Rissnetz öffnen, das Fließwege für das Gas schafft. Dabei kam es örtlich zu einem Zutritt von Frac-Flüssigkeiten oder Gas in Grundwasser führende Schichten. In diesen Fällen standen meist die Grundwasser führenden Schichten direkt in Kontakt mit den Gas führenden Schichten oder es erfolgte ein durch die Gesetze der USA begünstigter, relativ sorgloser Umgang mit den entsprechenden Stoffen. Auch wenn längst noch nicht alle Fragen geklärt sind, lässt sich abschätzen, dass mächtige Barriereschichten zwischen Gas führenden Horizonten und Grundwasserleitern bei den hierzulande bislang in Erkundung stehenden Vorkommen und eine wesentlich schärfere Umweltgesetzgebung derartige Vorkommnisse in Deutschland eher unwahrscheinlich machen.

Nicht den Kopf in den Sand stecken

Eine sorgsame Lagerstättenerkundung ist daher die unabdingbare Voraussetzung für eine Analyse möglicher Umweltauswirkungen bei einer möglichen Nutzung der unkonventionellen Gasressourcen. Erst nach Vorliegen entsprechender Ergebnisse kann sachgerecht über die Genehmigung einer möglichen Gasgewinnung entschieden werden. Ein a-priori-Verzicht auf eine Exploration der unkonventionellen Gasvorkommen würde Deutschland einer möglicherweise wesentlichen energiepolitischen Zukunftsoption berauben.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Jürgen Blümer, Jörn Krüger, Jürgen Blümer.

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