Wir wissen alle, dass Fernsehen dick, dumm, traurig und gewalttätig macht. Ursula von der Leyen

Leck-Entdecker

Keine Glaubwürdigkeit, keine Aufträge, keine Marktmacht – so die Denke der Rating-Agenturen. Schönreden hilft am Ende nicht, denn wenn das Schiff leckt, muss es gestopft werden.

Es ist still geworden um die Rating-Agenturen. Das heißt nicht, dass sie ihre Arbeitsweise geändert hätten oder diese transparenter geworden wäre. Der Hauptgrund dürfte eher in dem Gewöhnungseffekt liegen. Zypern eine Stufe runter, spanische Banken abgestuft, französischer Finanzsektor unter Beobachtung, die Häufigkeit schlechter Nachrichten von Rating-Agenturen gehören zu unserem Alltag. Hat man sich früher noch über die Herabstufung einzelner Länder aufgeregt, wird so etwas heute mit einem Achselzucken zur Kenntnis genommen, was keinesfalls nur eine schlechte Entwicklung ist.

Ratings sind keine objektiven Gradmesser der Leistungsfähigkeit eines Landes, sie sind vielmehr die subjektive Einschätzung der Bonität eines Landes oder Unternehmens. Dabei handelt es sich nicht um eine perspektivische Analyse, sondern um eine Momentaufnahme, zum Großteil basierend auf den zur Verfügung stehenden Daten. Das erklärt auch, warum sich die Beurteilungen einzelner Länder und Unternehmen im weiteren Verlauf der Krise verschlechtert haben. Mit dem Ausbreiten der Euro- und Bankenkrise hat die Bonität vieler Euro-Länder sukzessive abgenommen. Die Rating-Agenturen haben diese Entwicklung durch Abstufungen nachvollzogen. Auch wenn das für Politik und Öffentlichkeit schmerzhaft war und sich teilweise auch krisenverschärfend ausgewirkt hat, unberechtigt war es nicht.

Macht der Markt-Lotsen

Wenn ein Land Probleme mit seinem Finanzsektor hat und diesen stabilisieren muss, verschlechtert sich seine Bonität. Wenn die Bankenkrise anfängt, sich auf die Wirtschaft und die Gesellschaft auszuwirken, verschlechtert sich die finanzielle Situation des Staates weiter. Eine Rating-Agentur muss den geänderten Daten und Rahmenbedingungen Rechnung tragen und entsprechende Abstufungen vornehmen. Dass Ratings dynamisch erfolgen, kann sich einerseits krisenverschärfend auswirken, andererseits ist dies aber auch ein wesentlicher Vorteil und Grund dafür, warum man den Rating-Agenturen eine Lotsenfunktion auf den Finanzmärkten zugestanden hat.

Mit der Vorgabe von Mindest-Ratings will der Gesetzgeber das spekulative Verhalten institutioneller Anleger wie Lebensversicherungen und Banken eingrenzen. Das ist durch starre, produktgebundene Vorgaben kaum sinnvoll möglich. Bis vor einigen Jahren sind Staatsanleihen, insbesondere die der Euro-Zone, noch international als absolut sichere Form der Geldanlage gewertet worden. Hätten wir rein produktbezogene Auflagen, so wären Banken und Versicherungen vielleicht sogar verpflichtet gewesen, einen bestimmten Teil ihres Anlagevermögens in Staatsanleihen zu halten, obwohl deren Werthaltigkeit abgenommen hat. Durch die Bindung an ein gewisses Rating mussten diese Anleger frühzeitig ihren Bestand an kritischen Wertpapieren reduzieren, was sich zwar auf Ebene der Staaten krisenverschärfend auswirkt, auf Ebene des Versicherungsnehmers oder Bankkunden aber Verluste vermeidet. Die gesetzlichen Mindestvorgaben für bestimmte Anlegergruppen ratingbezogen zu formulieren, mag zwar nicht uneingeschränkt gut sein, aber es ist immer noch die am wenigsten schlechte unter den vorhandenen Möglichkeiten.

Es geht um das Leck, nicht den Entdecker

Würden die Rating-Agenturen während der Euro-Krise kurzerhand Betriebsferien machen, würden sie der Gesellschaft und der Wirtschaft einen Bärendienst erweisen. Das Problem eines leckgeschlagenen Schiffes ist nicht derjenige, der auf das Leck hinweist, sondern die Tatsache, dass es ein Leck gibt. Diese zu ignorieren oder zu verschweigen, hilft nicht weiter. So verhält es sich auch mit der Staatsschuldenkrise. Nicht die Verschlechterung der Ratings ist das Problem, sondern die Verschärfung der Situation, die eine Abstufung notwendig gemacht hat.

Die Inflation der Rating-Hiobsbotschaften hat zu einer gewissen Abstumpfung aber auch Gelassenheit im Umgang mit den Bewertungen geführt. Das sorgt auch für einen angemesseneren Umgang mit den Beurteilungen. Ratings haben eine wichtige Funktion für private Kapitalgeber und diese sind auch die eigentlichen Adressaten. Die Basis der Rating-Agenturen ist das Vertrauen der Marktteilnehmer. Aus diesem Grund ist auch die Forderung nach Gründung einer europäischen Rating-Agentur bestenfalls mittel- bis langfristig eine Option. Es fehlt schon heute nicht an einer Vielzahl auch kleinerer Agenturen, die Wertpapiere beurteilen. Das Problem ist aber, wer nimmt diese wahr, und wer vertraut ihrem Urteil?

Ein falscher Persilschein nutzt nicht

Ein Staat hat wenig davon, wenn eine europäische Rating-Agentur ihm einen Persilschein ausstellt, an den Marktteilnehmer nicht glauben. Zwar müssen sich bestimmte Investoren an gewissen Mindestanforderungen orientieren, einen Investitionszwang gibt es aber nicht – zum Glück. Und so ist und bleibt die eigentliche Leitwährung der Agenturen das Vertrauen der Marktteilnehmer. Keine Glaubwürdigkeit, keine Aufträge, keine Marktmacht, so ungefähr dürfte der Dreisatz einer Agentur lauten. Und damit wären wir auch beim Dilemma einer europäischen Rating-Agentur; wollte diese im Ringen um Akzeptanz erfolgreich sein, müsste gerade sie die europäischen Staaten einer besonders strengen Bewertung unterziehen. Wäre sie doch gezwungen, einem Verdacht der Voreingenommenheit durch ein besonders striktes Vorgehen zu begegnen. Man sollte sich davon also keine Lösung versprechen. Es könnte sogar leicht zu einem fatalen Teufelskreis kommen. Wenn eine europäische Rating-Agentur, die um das Vertrauen der Anleger ringen muss, besonders streng bewertet, könnte diese aus Europa selbst stammende Bewertung von den Märkten erst recht als Indikator einer starken Krisendynamik wahrgenommen werden.

Die Debatte über die Arbeitsweise und Rolle der Rating-Agenturen mag sich beruhigt haben, beendet ist sie noch lange nicht.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Roland Benedikter, Oliver Everling, Claire Hill.

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