Wenn man sich das anschaut, ist das kleinste Problem von Hartz-IV-Empfängern das Untergewicht. Thilo Sarrazin

Biedermann oder Brandstifter

Ratingagenturen sind die heimlichen Verursacher der Finanzkrise. Ihr profitorientiertes Verhalten hat den Märkten geschadet und das wirkliche Risiko verschleiert. Doch staatliche Agenturen sind keine Alternative. Es muss darum gehen, das blinde Vertrauen in AAA-Bewertungen zu beenden. Nur mit kritischen Geistern kann der freie Markt sich weiter entfalten.

An den Ratingagenturen wurde in der Vergangenheit wiederholt scharfe Kritik geübt. So waren diese ein wesentlicher Faktor der Finanzmarktkrise. Es waren die Ratingagenturen, die Kreditpaketen ihr AAA-Gütesiegel verliehen haben, ohne allzu genau wissen zu wollen, was sich in diesen Paketen befindet. Wo AAA draufsteht, kann Ramsch drin sein, lautet eine der leidvollen Lehren der Finanzmarktkrise für viele Investoren. Mit ihrer auf den kurzfristigen Profit orientierten Arbeit haben sich die Ratingagenturen einen Bärendienst erwiesen. Nicht nur, dass sie ihr eigentliches Kapital, das Vertrauen der Marktteilnehmer, schwer geschädigt haben, sie haben sich selbst infrage gestellt. Die Finanzmarktkrise ist auch eine Ratingkrise.

In Zeiten globaler und komplexer Finanzmärkte nehmen Ratingagenturen eine wichtige Rolle ein. Sie haben eine Lotsenfunktion, das heißt, sie warnen vor Gefahren und sorgen dafür, dass die Finanzströme in die richtige Richtung fließen. Sie erhöhen die Stabilität und Transparenz der Märkte. Genauso wenig wie ein Kapitän das Schiff verlässt, wenn der Lotse kommt, genauso wenig kann und darf ein Investor sich vollständig auf ein Rating verlassen.

Auslöser der Subprime-Krise

Es ist wichtig, sich stets daran zu erinnern, dass Ratingagenturen profit- und nicht markt- oder gar gemeinwohlorientiert arbeiten. Ein Rating kann zwar eine Entscheidungshilfe sein, es kann aber nicht die Vorsicht und das gesunde Misstrauen der Marktteilnehmer ersetzen. Nicht nur die falschen Ratings waren Auslöser der Subprime-Krise, dazu gehörte auch das teilweise unkritische Vertrauen der Marktteilnehmer in deren Analysen. Auch der Gesetzgeber hat den Instituten einen Vertrauensvorschuss gewährt, indem er Mindestratings für bestimmte Investoren bzw. Investitionen vorgeschrieben hat. Damit hat der Staat den Agenturen eine Bedeutung und Macht zugestanden, die für sich bereits ein Risiko darstellt. Wenn ein Rating die Voraussetzung für einen bestimmten Marktzugang ist, erhöht sich der Druck auf die Marktteilnehmer, ein solches zu erhalten – und damit die Missbrauchsmöglichkeit für die Agenturen.

Eine staatliche Ratingagentur ist nur scheinbar eine Lösung. Man stelle sich nur die politischen Diskussionen vor, wenn der Staat eine Anlage positiv bewertet und diese Verluste erwirtschaftet oder gar scheitert. Hinzu kommt, dass auch der Staat nicht frei von Eigeninteressen ist. Wie frei wäre eine staatliche Ratingagentur, die ein Unternehmen bewerten muss, welches der Staat gerade rettet?

Die Griechenlandproblematik bestätigt die Schwächen einer staatlichen Ratingagentur. Immer wieder wurden vonseiten der Staaten bestimmte Bewertungen eingefordert bzw. die Arbeit der Agenturen kritisiert, wenn diese sich nicht wunschgemäß verhalten haben. Ein deutliches Zeichen, wie groß die Versuchung wäre, politisch Einfluss auf die Arbeit einer staatlichen Ratingagentur zu nehmen.

Bedeutung von Ratings verringern

Was kann der Staat also tun? Wenig, er muss vor allem dafür sorgen, dass die Bedeutung von Ratings, soweit diese von staatlicher Seite beeinflussbar sind, geringer wird. Er muss dafür sorgen, dass auch ein AAA die Marktteilnehmer nicht zur Leichtsinnigkeit verführt. Ratingagenturen sind kein essenzieller Baustein eines funktionierenden Marktes, das gesunde Misstrauen und die Skepsis der Marktteilnehmer hingegen schon. Objektive Analysen liegen im Eigeninteresse der Marktteilnehmer, sie sollten sie daher auch einfordern. Unabhängig davon muss sich jeder Investor sagen: Ein Rating ist gut, Kontrolle ist besser.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Roland Benedikter, Oliver Everling, Claire Hill.

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