Wulff verlängert das Bauchgefühl ins Bundespräsidialamt hinein. Alexander Kissler

Wer gewinnt, hat recht

Kanzlerin Angela Merkel hat es allen ihren Kritikern in der Partei gezeigt. Sie liefert Macht, und die Konservativen zahlen es mit Loyalität zurück, trotz des historisch schlechten Ergebnisses. Bleibt sie bei ihrem Stil, könnte sie eine Ära begründen.

Wenn die Union unter die 35 Prozent rutscht, dann muss Merkel weg … Vor der Wahl haben die Konservativen in CDU/CSU noch mal versucht Stimmung zu machen. Der präsidiale Stil der Kanzlerin drosselt die Volkspartei immer weiter herunter, hieß es. Schon 2005 wurde die deutliche Niederlage mit der Kanzlerschaft Merkels weggetröstet. Jetzt hat die Union abermals verloren, tatsächlich ist sie unter die magische Linie gerutscht. Nur dass trotzdem das ersehnte bürgerliche Bündnis zustande kommt. Muss der Frust wieder unterdrückt werden? Es gibt Teile in der Union, die leiden an dem Erfolg. Weil der immer mit kleinen Niederlagen erkauft wird und weil es ein Erfolg ist, der eben auf die “weich gewaschene Haltung” von Angela Merkel zurückgeht.

Doch der Aufstand wird ausbleiben. Die Kritiker werden weitgehend verstummen. Denn in der Union gilt mehr als in anderen Parteien: Wer gewinnt, hat recht. Ein konservativer Vorkämpfer in der Union hat seiner Parteivorsitzenden einmal im Vertrauen zugeraunt, dass seine Skepsis ihr gegenüber nur mit Macht zu besänftigen sei. Und genau die kann die Bundeskanzlerin ihrer Partei bieten. In den kommenden Wochen werden große und kleine Posten verteilt werden können, die mit großer und kleiner Gestaltungskraft verbunden sind. Das wird den verzagten Geistern neuen Lebensmut bescheren. Gar nicht in einem Sinne von ruhigstellen, sondern in der Tat mit genau dem, wohin Politik zielt, nämlich Einfluss zu bekommen. Daran krankt umgekehrt die SPD, die in ihrem Kern immer weniger an Macht als an Idealen interessiert ist. Das mag wohlfeil sein, es führt nur bisweilen in die Kraftlosigkeit.

Die Ära Merkel kennt vorläufig kein Ende

“Merkel muss weg”, das wird keiner mehr rufen, noch nicht mal mehr flüstern. Alle werden jetzt versuchen, sich mit ihr zu arrangieren. “Unter zwölf Jahren macht sie es nicht”, heißt es schon im Kanzleramt … Und wer sollte auch eine amtierende Regierungschefin aus den eigenen Reihen stürzen wollen? Abgesehen davon, dass die Union dafür gar kein Personal bereithält. Könnte Christian Wulff den Parteivorsitz übernehmen, wenn die Union zu stark absackt? Selbst bei einem noch schlechteren Ergebnis hätte sich Merkel dieses Zepter kaum aus der Hand nehmen lassen. Von Gerhard Schröders Fehlern lernen, heißt siegen lernen … Andere, wie Jürgen Rüttgers, können auch vom Vorsitz nur träumen. Die Ära Merkel kennt vorläufig kein Ende.

Es gibt noch einen anderen Punkt, in dem Angela Merkel möglicherweise von der SPD als Negativbeispiel lernen wird. Eine neue “Merkel-Agenda” im Sinne eines großen, “Angst machenden Reformwerks” wird es von ihr wahrscheinlich nicht geben. Sie will „Kanzlerin aller Deutschen“ sein, ihr überraschender Ausspruch am Wahlabend wird ihre Linie der nächsten vier Jahre prägen. Sicher zum Frust der benannten Kreise ihrer Partei.

Die Krise, ein Bad im Drachenblut

Die Frage aber wird sein, ob sie die emotionalen Bedürfnisse ihrer Partei im christlichen, konservativen und wirtschaftsliberalen Spektrum wird besser bedienen können als bisher. Sie wird deutliche inhaltliche Pflöcke einschlagen müssen, um den Markenkern des eignen Ladens zu stärken. Gleichzeitig wird sie den Gegner eines linken Trios in der Opposition vor Augen haben. Wenn SPD, Linke und Grüne zusammen mit den Gewerkschaften die Folgen der Wirtschaftskrise zum Protest auf der Straße, angefacht mit aufgestautem Volkszorn, nutzen, wird Merkel mit ihrem präsidialen Gegengift reagieren. Die Kanzlerin für alle wird dann unangreifbar sein, wenn sie die Krise meistert und für jeden ein Häppchen bietet.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Christoph Seils, Martina Fietz, Christian Böhme.

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