Die zwei Geschichter der Vaterlandsliebe

von Volker Kronenberg7.09.2014Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Die Deutschen haben ein schwieriges Verhältnis zum Patriotismus. Wer stolz auf sein Land sein will, muss sich dessen bewusst sein.

Die gestellte Frage verweist auf ein Problem der Deutschen mit dem Patriotismus. Tatsächlich war die Kategorie des „Patriotismus“ über lange Zeit hinweg nach 1945 ein „Unwort“ – oder zumindest ein schwieriger Begriff.

Die Schwierigkeit im Umgang mit Patriotismus resultierte einerseits aus dem Missbrauch desselben durch den Nationalsozialismus („Führer, Volk und Vaterland“), andererseits aus der Teilung Deutschlands infolge des Zweiten Weltkriegs – der Teilung eben jenes „Vaterlandes“, auf das etymologisch der Patriotismus bezogen ist. Zum „Unwort“ machten aber vor allem all jene den Begriff, für die jedwede positive Bezugnahme bzw. Identifikation mit dem eigenen Gemeinwesen als politisch gefährlich, mithin „rechts“ außen galt.

Die Frage nach dem „wie viel“ wäre früher vermutlich noch schärfer mit einem „ob“ formuliert worden. Demgegenüber soll die These vertreten werden, dass der Deutsche Patriot sein darf, kann, ja sollte, wenn man Patriotismus im Lichte seiner originären ideengeschichtlichen Bedeutung als aufgeklärte, zeitgemäße und freiheitliche Kategorie begreift. So ist Patriotismus klar und deutlich vom Nationalismus abzugrenzen. Zu dieser Abgrenzung muss der Blick auf die grundverschiedenen Werteloyalitäten des Nationalisten und des Patrioten gelenkt werden.

Der Patriot & der Nationalist

Tatsache ist, dass sowohl Patriotismus wie auch Nationalismus als sozio-politische Verhaltensweisen auf die Nation bezogen sind. Insofern beruhen sowohl Patriotismus als auch Nationalismus auf einer Art von positiver Eigengruppenbewertung. Der signifikante Unterschied zwischen beiden besteht jedoch darin, dass nationalistische Werteloyalitäten ethnisch innergesellschaftliche Homogenität, blinden Gehorsam und die idealisierte Überbewertung der eigenen Nation zur Folge haben, während bei patriotischen Werteloyalitäten innergesellschaftliche Heterogenität und kritische Distanz gegenüber Staat und Regime von Bedeutung sind.

Unterschiedliche Werteloyalitäten sind vor allem auch mit verschiedenen Einstellungen gegenüber dem Fremden und verschiedenen Lebensformen verknüpft: Der Patriot liebt sein „Vaterland“ und achtet dasjenige der anderen. Der Nationalist setzt sein „Vaterland“ über alle anderen und missachtet diese.

Der Kult der Nation wird zum Selbstzweck, zur gefährlichen Waffe im Kampf gegen innere wie äußere Feinde des Staates und gerät damit zu einer umfassenden Ideologie, welche die Interessen des jeweiligen Nationalstaats rücksichtslos und expansiv behauptet. Der Mensch gilt in diesem Nationalismus, einem in sich geschlossenen, hermetischen Ideologiegebäude, nicht mehr als Maß aller Dinge. Seine Entfaltung und Bildung sind nicht mehr als der Zweck aller gemeinschaftlichen Einrichtungen, des Staates und der Gesellschaft. Im Gegenteil: Der Mensch wird zum Diener, zum Werkzeug eines größeren Ganzen.

Das paradoxe Fundament des demokratischen Staates

Im Gegensatz zum Nationalismus bezeichnet Patriotismus als freiheitlicher Republikanismus im neuzeitlichen Kontext eine politische Tugend, deren Vorhandensein eine zentrale Voraussetzung für das Entstehen und die dauerhafte Existenz des modernen, säkularen Rechts- und Verfassungsstaates darstellt.

Patriotismus meint über eine rein emotionale Verbundenheit zur Heimat, zur Region oder eben zum Vaterland hinaus ein sozialpolitisches Verhalten, in dem nicht die eigenen, die individuellen Interessen oder die einiger weniger Mitglieder einer politischen Gemeinschaft handlungsleitend sind, sondern das Wohl aller Mitglieder, das _bonum commune_, das Gemeinwohl.

Patriotismus ist, dieser Definition folgend, stets auf die Gesamtheit des politischen Gemeinwesens fokussiert und entstand historisch als ein persönlicher Einsatz für die Kommune, für die Heimat und das Vaterland, lateinisch _patria_. Es macht das Paradoxon eines jeden freiheitlichen, demokratischen Staates aus, dass dieser auf Fundamenten, Einstellungen und Verhaltensweisen ruht, die er selbst nicht garantieren kann.

Deutschland ist auf seinen Patriotismus angewiesen

Patriotismus als freiheitlicher Republikanismus, der als solcher einen wichtigen Beitrag zum Selbsterhalt des Gemeinwesens zu leisten vermag, kann nur aus der Bürgerschaft selbst kommen. Er kann staatlicherseits nicht verordnet oder gar erzwungen, wohl aber gefördert werden. Dabei ist die Bundesrepublik Deutschland fundamental auf den Patriotismus ihrer Bürger angewiesen: Sei es im Großen, bis hin zur Frage der Landesverteidigung, oder sei es im Kleinen, „vor Ort“, wo in „Schulen der Demokratie“ wichtige kommunitäre Hilfe geleistet und damit das republikanische Fundament stabilisiert wird.

Patriotismus opponiert von seinem Selbstverständnis als freiheitlicher Republikanismus einem jeden Staatszentrismus ebenso wie einem Gesellschaftsmodell egoistischer, bindungsloser „Ichlinge“ ohne Verantwortung für den Nächsten und das Gemeinsame.

Seine normative Verpflichtung auf Werte jenseits partikularer und situativer Interessenlagen macht ihn zugleich zu einem wichtigen Kompass, wenn es um die Beantwortung der Fragen geht, wohin „wir“, die Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik, in die Zukunft gehen. Seine emotionale Dimension wiederum, die jene der Interessen, Verpflichtungen und Notwendigkeiten flankiert und transzendiert, macht ihn zu einer hilfreichen Erklärung wenn es um die Frage geht, wie und warum „wir“ diesen Weg gehen, selbst wenn er mühsam ist.

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