Ein bisschen gleich gibt ­es nicht

Volker Beck15.01.2014Gesellschaft & Kultur, Politik

Der Kampf um die Ehe für jeden ist ein Kampf um die Freiheit für alle. Warum die Gesellschaft insgesamt profitiert, wenn sie Vielfalt akzeptiert.

Die politische Auseinandersetzung um die Gleichstellung homosexueller Paare trägt ­zu­weilen Züge eines Kulturkampfes. In Westeuropa, in den beiden Amerikas, aber auch zunehmend in den Staaten Asiens und Arabiens ist der Umgang mit sexuellen Minderheiten zu einem Symbol in der Auseinandersetzung um Freiheit und Tradition, um das Verhältnis von Bürger und staatlicher Rechtsordnung geworden. Schreibt der Staat den Menschen vor, wie sie zu leben haben, oder garantiert er, dass sich alle frei und gleich an Würde und Rechten entfalten können?

Dass es um Grundsätzliches geht, wurde im Streit um die Ehe für alle immer wieder deutlich: Die Kampagnen rund um den Volksentscheid zur Öffnung der Ehe in Kalifornien waren die teuersten in der Geschichte des US-Bundesstaates. Auf beiden Seiten wurde jeweils mehr Geld investiert als im Wahlkampf von Gouverneur Arnold Schwarzenegger. In Frankreich gingen im Frühjahr 2013 Millionen Menschen auf die Straße, um gegen die Gleichstellung von Schwulen und Lesben zu protestieren. So viel Geld, so viel Emotion für eine einfache politische Entscheidung, die tatsächlich nur eine Minderheit betrifft?

Die Konservativen haben die Deutungs­hoheit verloren

Der Umgang mit sexuellen Minderheiten ist ein Indikator für den Freiheitsgrad einer Gesellschaft. Freie Liebe, offene Beziehungen, Verhütung, Abtreibung, Prostitution, Scheidung – all diese Themen polarisieren die ­Gesellschaften. Bei vielen davon gibt es mehr oder ­weniger gelungene Kompromissmöglichkeiten, die den zugrundeliegenden Konflikten ihre Schärfe nehmen und für Anhänger beider Seiten tragbar sind. Bei der Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben ist das nicht möglich: Die Menschenrechte von Minderheiten gelten uneingeschränkt. Ein bisschen gleiche Rechte gibt es nicht. Kompromisse wie die Eingetragene Lebenspartnerschaft in Deutschland können nur juristische Zwischenlösungen sein. Deswegen entzündet sich der Streit an dieser Frage immer wieder neu.

Wenn der inzwischen zurückgetretene Papst ­Benedikt XVI. die gleichgeschlechtliche Ehe als „Bedrohung für die menschliche Würde und sogar für die Zukunft der Menschheit“ bezeichnet, dann geht es ihm nicht um die circa fünf Prozent homosexueller Menschen. Er richtete seine Worte an die gesellschaftliche Mehrheit, bei der er eine Abkehr vom traditionellen Ehe- und Familienverständnis befürchtet.

Für die katholische Kirche hat Sexualität de facto nur innerhalb der Ehe und nur zum Zweck der Fortpflanzung ihre Berechtigung. Der übergroßen Mehrheit der Gesellschaft sind diese Vorstellungen längst fremd geworden. Die gleichgeschlechtliche Ehe ist für Benedikt und andere Konservative, wie die evangelikalen Bewegungen in den USA und hierzulande, nur das offenkundigste Symbol eines Wandels im Eheverständnis. Die Konservativen haben die Deutungshoheit verloren. Die Menschen entscheiden selbst, wie sie Verantwortung füreinander wahrnehmen wollen. Kirchlich geprägte, ­traditionelle Vorstellungen verlieren an Bedeutung.

Was für die Wirtschaft gut ist, hilft auch der Gesellschaft

Menschenwürde, Respekt und Gleichberechtigung lösen Tradition und Religion als Richtschnur für den Gesetzgeber ab. Nur so kann das Zusammenleben in einer pluralistischen Gesellschaft auf Dauer gelingen. Gesellschaften profitieren in ihrer Gesamtheit von Vielfalt und produktiver Reibung. Unterschiedliche Lebensstile bringen auch unterschiedliche Perspektiven.

Verschiedene kulturelle Ausprägungen können zu neuen und produktiveren Problemlösungen führen. In der Wirtschaft gewinnt „Diversity Management“ – der Umgang mit Vielfalt – zunehmend Anerkennung. Dabei gilt es, die Verschiedenheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter produktiv zu nutzen, Diskriminierungen abzubauen und eine bessere Teilhabe aller Gruppen an Entscheidungs- und Produktionsprozessen zu ermöglichen.

„Diversity verkauft Autos“, sagte Brigitte Kasztan, Managerin der Ford-Gruppe vor Kurzem. Der Automobilkonzern setzt bereits seit über 20 Jahren auf Diversity Management. Ford ist auch Unterzeichner der „Charta der Vielfalt“, einer von der Deutschen Telekom, BP Europe, Daimler und der Deutschen Bank im Jahr 2006 initiierten Aktion, die diesen Gedanken verbreiten will. Mehr als 1.500 deutsche Unternehmen haben die Charta inzwischen gezeichnet.

Was für die Wirtschaft gut ist, hilft auch Gesellschaft und Politik. Deswegen gilt es, den Weg der gesellschaftlichen Liberalität voranzugehen. Die Staaten, die einen produktiven und konstruktiven Umgang mit der inneren Vielfalt ihrer Bevölkerung finden, sind auch wirtschaftlich und kulturell erfolgreich. Jenseits des Abbaus der Diskriminierung, die das Verbot der Eheschließung für Schwule und Lesben bedeutet, ist die Öffnung der Ehe deswegen für die gesamte Gesellschaft wichtig. Eine Politik des Respekts basiert auf Freiheit und Gleichheit: Sie postuliert das Recht auf Unterschiedlichkeit – ohne Angst vor Benachteiligung.
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