Es stört mich nicht, was meine Minister sagen, solange sie tun, was ich ihnen sage. Margaret Thatcher

Putins Perspektive vermeiden

Die aktuelle Debatte um NGOs wird zu emotional geführt. Denn wenn wir kühlen Kopfes darüber nachdenken, wird deutlich, dass sie mehr als nur Lobbyarbeit leisten.

Die Kritik an der Arbeitsweise der NGOs hält an. Der besondere gesellschaftliche Stellenwert, welcher den NGOs lange eingeräumt wurde, wird ihnen nun zum Vorwurf gemacht. Bemängelt werden dabei neben der unzureichenden Sachkompetenz auch Lobbyismus, Profitorientierung und ein starkes Eigeninteresse. Gleichzeitig halten sich selbst die schärfsten Kritiker auffallend zurück, wenn es um die Frage geht, ob die NGOs überflüssig sind.

Hasso Mansfeld vergleicht in seiner Kolumne „Auf der Seite der Guten“ NGOs mit einer lästigen Steuer, welche man, einmal eigeführt, nicht mehr los wird. Er empfiehlt daher, wenn auch indirekt, den Organisationen, die ihre Mission erfüllt haben, sich selbst abzuschaffen. Doch ein Verbot der NGOs nach russischem Vorbild, indem man NGOs zu Auslandsagenten erklärt und somit faktisch verbietet, ist hierzulande nicht denkbar. Warum eigentlich nicht? Und warum tun wir uns sonst so schwer mit den NGOs?

Gesellschaftliche Bindeglieder

Die Erklärung liegt in dem gesellschaftlichen Rahmen, der die NGOs erst entstehen lässt. Genauer in seinem verfestigten Widerspruch. Einerseits ist die Gesellschaft, und somit unser tägliches Leben, durch nicht-demokratisch organisierte Großkonzerne (einschließlich Medienkonzerne) dominiert. Nach ihren ökonomischen Rationalitätsprinzipien werden Leistungen auch außerhalb der Konzerne gemessen und gesellschaftliche Standards definiert. Andererseits bekennen wir uns zur Demokratie als zivilgesellschaftlicher Leitkultur.

Es gibt eigentlich keinen Grund anzunehmen, dass Rationalität und Demokratie vereinbar sind. Dennoch ist ihre Kompatibilität gewährleistet, und zwar durch zivilgesellschaftliche Institutionen wie NGOs und andere gemeinnützige Einrichtungen. Als Bindeglieder zwischen der ökonomischen Rationalität und Demokratie entstehen NGOs & Co folglich nicht aus Eigeninteresse, sondern aus dem Systemimperativ der widersprüchlichen Gesellschaftsorganisation.

Heute besteht die Aufgabe der NGOs hauptsächlich darin, die negativen Auswirkungen der Konzernrationalität, die sogenannten sozialen Kosten, aufzufangen und zu neutralisieren. Die Kritik an NGOs ist deshalb eine logische Fortsetzung der Konzernkritik, welche auf den Ökonomen und Sozialkritiker John Kenneth Galbraith zurückgeht. Doch die NGOs sind mehr als Tafeln und Walretter. Indem die NGOs die zum Überdruss zitierten Wale und andere bedrohte Tierarten retten, welche sonst nach Rationalitätsüberlegungen längst ausgestorben wären, oder mit unbelegten Fakten eine Agrarspekulationsdebatte entfachen, leisten sie nebenbei ihren eigentlichen gesellschaftlichen Beitrag. Den Demokratiebeitrag.

Die Verantwortung aufgrund dieser gesellschaftlichen Rolle ist groß. Das macht das Image von NGOs besonders anfällig. Wird der erwartete Beitrag nicht erbracht, so gerät gleichzeitig auch das Vertrauen in die Tragkraft des gesamten ökonomisch-gesellschaftlichen Gebäudes ins Wanken. Hasso Mansfeld hat absolut Recht, wenn er von ‚sakrosankten‘ NGOs, ihrer ‚quasireligiösen Verklärung‘ oder ‚religiöser Überhöhung‘ spricht. Doch seine Argumente sind überwiegend emotional. Sachlich betrachtet, ist das religiös anmutende uneingeschränkte Vertrauen in die NGOs eine unbewusste Projektion deren Demokratiebeitrags.

Hinter jeder NGO stehen dennoch keine Heiligen, sondern Menschen, unvollkommen wie alle Menschen. In ihrer Arbeitsweise und ihrer demokratischen Mission gleichen sie stark den Medien. Daher ist es auch wenig überraschend, dass die Medien, wie von Jan-Philipp Hein im Artikel „Nur noch kurz die Welt retten“ angesprochen, die Arbeit der NGOs kaum hinterfragen. Die Nähe und die Artverwandtschaft zwischen den NGOs und den Medien ist nur eine weitere Implikation ihres zivilgesellschaftlichen Auftrages.

Eigeninteresse ist keinem Beruf fremd

Heute stehen die NGOs unter besonders starkem Erwartungs- und Legitimationsdruck. Einerseits nehmen die sozialen Kosten und damit die Komplexität der Aufgaben weiterhin zu. Andererseits wachsen auch Erwartungen der Interessengruppen. Von den NGOs wird somit eine größtmögliche Transparenz und Effizienz erwartet. Gleichzeitig dürfen sie keine Fehler machen und dennoch keine zu große Fachkompetenz beanspruchen.

Somit ist ein Zielkonflikt programmiert. Denn Entscheidungen, die auf bestmöglicher Sachkenntnis, Technologie und Qualität beruhen müssen, wie das in profitorientierten Unternehmen der Fall ist, sind nicht zwingend legitimiert. Umgekehrt gilt, eine hohe Legitimität der Entscheidungen ist durch Einbußen in der Qualitätsgarantie zu erreichen. Eine objektive Bewertung der gesellschaftlichen Rolle der NGOs kann deshalb nur bei klar definierten gesellschaftlichen Erwartungen ihnen gegenüber erfolgen.

Objektivität ist auch bei der Bewertung des so stark bekrittelten Prinzips der Selbsterhaltung und des Eigeninteresses angebracht. Denn das Verfolgen von eigenen Interessen ist selbstverständlich und keinem Beruf fremd. Auch nicht dem Journalismus. Eine Ausrichtung der NGO-Debatte auf deren irrationalen Intentionen wäre daher wenig hilfreich.

Um der Debatte eine sachliche Richtung zu geben, muss vielmehr hinterfragt werden, welche gesellschaftlichen Kräfte die NGOs antreiben, und ob uns deren Demokratiebeitrag wichtig ist. Falls ja, müssen wir Irrationalitäten dieser Organisationen wohlwollend akzeptieren. Alles andere wäre ein Zugeständnis an Putins Umgang mit NGOs.

Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit Lioudmila Chatalova

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Sebastian Lange, Andrea Fischer, Christian Humborg.

Leserbriefe

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