Es sind meist die dümmsten Wörter, die Karriere machen. Stefan Gärtner

Jacke wie Hose

Eine modischere Politik zu fordern ist unsinnig. Es ist doch egal, wie sich Politiker anziehen.

Kürzlich erschien im Feuilleton einer großen Tageszeitung aus der Feder von Franz ­Müntefering eine erhellende Bespiegelung des „großen bunten Staatstheaters“. Politiker sind wandlungsfähige Selbstinszenierer, und die Inszenierung selbst ist für die Politik lebensnotwendig: Auf diese Kurzformel lässt sich das Plädoyer von jemandem bringen, der es wissen muss.

Flankiert wird der Bericht von einigen Fotos. Wir sehen Müntefering im Anzug einen Ball kicken, Müntefering in Bergarbeitermontur mit kohle­staubbedecktem Gesicht, Müntefering im Anzug als Sänger im Chor zwischen uniformierten Knappen, Müntefering als Kistenschlepper mit Bonn-Berlin-Umzugskarton, hier wieder im Anzug. Der Bilderfries zeigt eindrücklich, wie moderne personalisierte Politikdarstellung funktioniert – nämlich über knappe und zugleich eindrückliche visuelle Formeln. Bestimmte Anordnungen verfestigen sich durch Standardisierung und Wiederholung zu ästhetischen Mustern, die in unser Bildgedächtnis einsickern. Beim Anschauen neuer Bilder wird das bekannte Repertoire zum Vergleich abgerufen. Schneller als durch beschreibende Worte werden wir als Betrachter in die Lage versetzt, die gezeigten ­Situationen zu entschlüsseln.

Anzüge symbolisieren Macht

Im Zuge der medialisiert und personalisiert betriebenen Politik ist vor allem der Körper des Politikers selbst zur zentralen Vermittlungsinstanz geworden, wobei er mit all seinen Inszenierungsmöglichkeiten wie Gestik, Mimik und Kleidung eingespannt wird. Wie in allen kulturellen Daseins-Zuständen ist die Kleidung wesentlicher Part der menschlichen Akkulturation: Sie erweitert den Körper sozial, wobei die Art und Weise des Kleidens, ihr Arrangement und ihre Habitualisierung abhängig sind von ­jeweils in Zeit, Raum und sozialer Situation gültigen ­Kodizes. Insofern ist der bekleidete Körper per se ein Inszenierungsmittel. Tagtäglich konstruieren wir unseren Körper durch den vestimentären Überzug – mehr oder weniger bewusst – und stellen uns derart produziert mit ihm im jeweiligen gesellschaftlichen Umfeld zur Disposition. Umgekehrt werden wir permanent durch das Äußere verhandelt und eingeschätzt.

Politiker tragen in der Regel konventionelle Anzüge, Politikerinnen die weiblich konnotierten Varianten wie Hosenanzüge oder Kostüme mit Rock. Vor allem die männlichen Vertreter entsprechen damit einem Dresscode, der mit politischen und sozialen Umbrüchen und Übergängen im 19. Jahrhundert gewachsen ist. Der zivile Männeranzug wird in dieser Phase zum Eigenkleid einer zunehmend bürgerlich-männlich dominierten Kultur und zum Barometer einer Politik- und Öffentlichkeitsauffassung, die diese Sphären zunehmend als leistungsfähige Organisationsform und weniger als prunkvolle Demonstrationsform begreift.

Das zeigt sich sowohl im Prozess der Bürokratisierung als auch an der neu entworfenen Rolle des Staatsdieners, der insbesondere zum Kulminations­punkt politischer Imagination wird. Amtserfüllung bedeutet, wie es Weber formuliert hat, ein gewisses Distanzverhältnis zu Menschen und Dingen zu wahren. Disziplin, Strebsamkeit und Vorbildlichkeit sind einige Voraussetzungen, die im alltäglichen Geschäft zum Tragen kommen sollen. So verschmilzt der bürgerliche Herrenanzug, scheinbar frei von modischen Einflüssen, zum universellen Kleidungensemble des Mannes.

Dass wir heutzutage mit dem Anzug und seinem Träger Neutralität, aber auch Souveränität verbinden, ist das Ergebnis einer langwierigen, sozial motivierten Zuschreibungsoperation, die immer wieder aktualisiert wird. Auch heute ist der Anzug, zugleich Geschäfts- und Politikeruniform, eine habituelle Zugangsberechtigung zu gewissen Räumen. Damit entfaltet der Dress eine weitere Wirkung – Macht. Seinen hierarchisierenden und exkludierenden Charakter entwickelt er besonders gegenüber dem Anderen. Am deutlichsten zeigt sich dies im Diskurs um das Äußere von Politikerinnen. Frauen, auch dies ein Ergebnis bürgerlicher Kultur und Geschlechterpolarisierung, ­verfügen nicht genuin über eine entsprechende Uniform, sollen aber synchron über die Kleidung ihren Sozialstatus als Politikerin als auch ihren Attraktivitätsstatus als Frau betätigen. Ein schwieriger Spagat.

Dem Lifestyle unterworfen

Dieser Zwang, das Äußere als vielschichtige und vieldeutbare Projektionsfläche managen zu müssen, greift offenbar in den letzten Jahren auf die Politikdarstellung insgesamt über. Das Bedürfnis potenzieller Wähler scheint größer geworden zu sein, die zu wählenden Personen sowohl in politiknahen als auch in politikfernen Situationen sehen zu können. Es genügt offensichtlich schon lange nicht mehr, sich im Moment der Amtserfüllung zu präsentieren, um sich zu legitimieren.

Mindestens seit den 1960er-Jahren bemüht sich die Politikdarstellung um neue personale Inszenierungen. Der Betrachter hat dabei gelernt, den Politikerkörper nach anderen Zeichen abzusuchen. Eine neue Brille, eine Nuance im Stil, ein lässig geschultertes Sakko, das Band-Shirt, das Sportoutfit können Bausteine sein, über die das Persönlichkeitsbild an Textur gewinnen kann, so sie als authentisch, zur Person passend, akzeptiert werden. In einer inhaltlich sehr komplex gewordenen Politik sind solche Angebote Orientierungs- und Entlastungshilfen.

Die Forderung nach modischen Statements im Bundestag oder nach einer interessanten politischen Mode ist deshalb keine, die man ernsthaft stellen kann. Tut man dies dennoch, heißt dies nicht nur den gesamtkulturellen Zusammenhang des politischen Dresscodes zu verkennen, sondern beweist, wie sehr wir uns dem trügerischen postmodernen Lifestyle- und Individualismusversprechen unterworfen haben.

Weit spannender ist es doch zu beobachten, wie sich in der Politik, eingebettet in einen medialen Rahmen, zwei eigentlich voneinander geschiedene Dinge – der politische Dresscode als Signatur der Institution und die Mode als Signatur der Individualität – schon längst überlappen. Statt für die Einführung neuer, modischer Reize in der institutionellen Politik zu plädieren, könnte es aufschlussreicher sein, das Wie und Warum verschiedener Kleidungskonventionen zu reflektieren, denn hier finden offen­bar permanent und aufs Neue politische Kämpfe in Inszenierungspraktiken statt. Diese zielen am Ende tiefgründiger auf unsere Aufmerksamkeit für die ­mimetischen Fähigkeiten des Körpers ab als kurzlebige, modische Variationen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Jeannette Graf , Meltem Toprak, Jan Philipp Albrecht.

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Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 4/2014.

Darin geht es u.a. um Hitler: Wir haben den größten Verbrecher aller Zeiten zur Popfigur gemacht. Was dieses „Hitlertainment“ über uns verrät, debattieren u.a. Timur Vermes und Ernst Nolte. In weiteren Debatten geht es um den gerechten Krieg (u.a. mit Egon Bahr) und das Ende der Globalisierung (u.a. mit Thomas Piketty).

Sie können es hier direkt bestellen.

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