Zwischen Weltschmerz und Blitzkrieg

von Vince Ebert10.08.2014Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Unsere Angst erkennt man schon am Klang der Sprache. Anstatt den Kopf einzuschalten, hören wir auf unser Bauchgefühl.

Bereits im Jahre 2007 bestätigte eine Emnid-Studie, was wir alle intuitiv wussten: Kein Volk der Welt blickt so pessimistisch in die Zukunft wie wir Deutschen. Die beliebtesten Hobbys in meinem Bekanntenkreis sind „Schwarzsehen“ und „Den Teufel an die Wand malen“. Unsere europäischen Nachbarn sind da tendenziell lockerer. Das merkt man schon an den englischen oder französischen Begriffen, die sich bei uns durchgesetzt haben: Crème de la crème, Laisser-faire, Happy End. Und welche deutschen Wörter kennt man im Ausland? Weltschmerz, Blitzkrieg, Kindergarten.

Seit ich denken kann, leben wir mit dem Gefühl, wir stünden am Abgrund: Erst Waldsterben, dann Ozonloch, BSE und Vogelgrippe, später brachen Kinderlosigkeit und Finanzkrise über uns herein. Eine Einstellung, die auf der ganzen Welt als „German angst“ bekannt ist. Deshalb muss man bei der Eröffnung einer Imbissbude behördliche Auflagen erfüllen, als wolle man eine Wiederaufbereitungsanlage in Betrieb nehmen. „Ich will doch aber nur Pommes und Currywurst verkaufen, kein Plutonium!“ Doch das faultierartige Wesen im Gewerbeaufsichtsamt schüttelt nur müde den Kopf und sagt: „Bei vielen Imbissen kommt das toxikologisch aufs Gleiche
heraus …“

Wir fürchten uns vor unterirdischen Bahnhöfen, Fracking oder Elektrosmog. So eine Stimmung vor 500.000 Jahren, und die Sache mit dem Feuer wäre nie genehmigt worden. Und die Medien tragen nicht unbedingt zur Aufklärung bei. „Schwimmflügel jetzt krebserregend“ las ich vor einiger Zeit in einer großen Tageszeitung. Da wurde richtig darüber diskutiert! Zwei Wochen lang war es für Kinder praktisch gesünder, zu ertrinken.

Angst macht Gesetze

Es ist paradox. Obwohl wir sicherer, gesünder und länger leben als je zuvor, sind die meisten Deutschen fest davon überzeugt, das Leben sei alles in allem viel gefährlicher als früher. Der größte Teil unserer Sorgen besteht aus unbegründeter Furcht. Was die Einschätzung und Bekämpfung von Risiken angeht, herrscht ein katastrophales Grundwissen. Obwohl es zum Beispiel trotz intensiver Forschung keinen wissenschaftlich seriösen Nachweis gibt, dass gentechnisch veränderte Lebensmittel schädlicher sind als konventionelle Züchtungen, fürchtet sich ein Großteil der Bevölkerung davor.

Entgegen der allgemeinen Auffassung, dass es in unserer Gesellschaft nur noch um Effizienz und nüchterne Zahlen geht, werden in Wirklichkeit die meisten Lebensbereiche immer weniger durchdacht, sondern „durchfühlt“. Mittlerweile begründet man sogar Gesetze damit, dass irgendwer Angst vor irgendetwas hat. Da werden Milliarden von Euro für sinnlose BSE-Prophylaxen und Tamiflu-Vorräte ausgegeben, obwohl man mit dem Bruchteil dieser Gelder in der Unfallchirurgie Hunderte von Patienten hätte retten können.

Im Gegenzug werden Menschen, die sich von Hause aus mit Zahlen und Fakten beschäftigen, als kauzig, weltfremd oder sogar herzlos dargestellt. Dadurch können all diejenigen, die von einer Sache absolut nichts verstehen, in sämtlichen Diskussionen einen auf dicke Hose machen. Ob Kernenergie, Gentechnik oder Stammzellenforschung – wer hier versucht, mit seriösen Studien und fundiertem Datenmaterial zu argumentieren, wird von einem Heer aus wissenschaftlichen Analphabeten gnadenlos an die Wand gesülzt. Menschen, die sich brüsten, Physik und Chemie in der 7. Klasse abgewählt zu haben, erklären uns in Talkshows, wie es mit der Energiewende klappt, dass die Globuli „dem Jan-Niklas echt super geholfen haben“ und dass sie selbstverständlich nichts essen, „wo Gene drin sind“.

Zukunft überrollt uns

„Wir sind die bestversorgte, aber zugleich ängstlichste Gesellschaft, die je existierte“, glaubt der Philosoph Peter Sloterdijk. „Ein Vollkaskovolk von Sudoku spielenden Rentenversicherungsanwärtern“, legt der Journalist Wolfram Weimer nach.

Der einzige Ort, an dem wir Freiheit und Risiko lieben, ist die Autobahn. Feinstaub, Pestizide und Dioxin sind die Pest, aber ein Tempolimit von hundertdreißig kommt natürlich nicht in die Tüte. Schließlich gehört es zum Grundrecht eines jeden Deutschen, den Familienausflug im Opel Zafira mit der Geschwindigkeit einer Mittelstreckenwaffe zu absolvieren.

Dabei ignorieren wir, dass unsere paranoide Technophobie unser Denken und Handeln einschränkt. Wer nur Risiken und Bedenken sieht, beraubt sich seiner Chancen. Zwar sind wir nach wie vor Marktführer in Präzisionsgeräten, Maschinenbau und Feinmechanik. Doch die wichtigen Zukunftstechnologien finden zunehmend ohne uns statt. Bereits jetzt verlagern wichtige Biotech-, Chemie-, Pharma- und Energiekonzerne ihre politisch unkorrekten Abteilungen ins Ausland. Mehr und mehr heimische Spitzenforscher haben von der deutschen Technikfeindlichkeit die Schnauze voll und verlassen auf Nimmerwiedersehen das Land.

Und was machen wir? Wir legen uns immer größere Denkverbote auf und verstricken uns in immer absurdere Regeln, Einschränkungen und Bevormundungen. Statt sich ideologiefrei mit den Herausforderungen der Zukunft zu beschäftigen, wird ein ganzes Volk sinnlos mit leeren Dosen im Kreis herumgeschickt und mit ökologischen Fußabdrücken in den Wahnsinn getrieben. Während große Teile der Welt an dem technologischen Wachstumsprozess teilnehmen, tönt es bei uns: „Haltet die Welt an, wir wollen aussteigen.“ Deswegen wählt man Ministerpräsidenten, die Autos für überkommene Konstrukte halten und Wachstum für ein Werk des Teufels. Man richtet es sich gemütlich ein, ohne diesen schnelllebigen Technik- und Fortschrittsglauben.

Doch eines übersehen wir: Die Zukunft findet statt. Und wenn wir sie nicht mitgestalten, überrollt sie uns.

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