Hol' mir mal 'ne Flasche Bier, sonst streik ich hier. Gerhard Schröder

Liebe Filmindustrie,

betrachte dieses Schreiben als eine Beschwerde über Dein Angebot – insbesondere die Produkte, die Du uns als „Liebesfilm“ verkaufst.

Ich bin jung und weiblich, mit Walt Disney aufgewachsen, Hauptzielgruppe dieser „Liebesfilme“ – und gelangweilt. Gerne würde ich mehr Geld an der Kinokasse lassen, weiterhin Filme kaufen oder ausleihen, aber ganz im Ernst: Was mich zum Schwelgen einladen soll, ist unglaublich öde, ziemlich plump oder einfach flach. Ich würde doch auch gerne träumen und sehnsüchteln. Und Du würdest daran verdienen! Aber solange Du Dein Angebot nicht umstellst, kommen wir nicht ins Geschäft.

Du bist so konservativ wie eine alte Kupplerin. Ich weiß nicht genau, in welchem Jahrzehnt Du mit Deinen Liebes- und Beziehungsvorstellungen stehen geblieben bist – aber bleibʼ mir bitte weg mit Deinen Ärzten und Staranwälten und dem Traum jeder Schwiegermutter. Da wird mir nicht warm ums Herz.

Sollte es nicht eigentlich um Gefühle und Charaktere gehen? Davon sehe ich nichts. Die schauspielerischen Leistungen, die mich verzaubern sollten, verkommen zu einer Maske, die von Deinen Drehbuchautoren erdachten Figuren zu faden Pappaufstellern. Metaphern für einen normenüberfrachteten, reaktionären Entwurf von Liebesbeziehungen, mit denen wir uns identifizieren sollen. Wenn wir das tun, werden wir in jedem Fall gute und ordentliche Mitglieder der idyllischen Gesellschaft des amerikanischen Traums.

Ich würde mich doch so gerne berieseln lassen. Aber noch stehe ich vollkommen außen vor in Deinen Filmen. Es ist mir doch scheißegal, ob zukünftige Schwiegereltern ein Problem damit haben, dass … also, dass sie ein Problem mit irgendetwas haben. Vollkommen abturnend, Schwiegereltern in Liebesfilmen. Zeig mir lieber mehr von den Turteltäubchen! Wer verliebt sich da ineinander? Magst Du auch mal Lesben und Schwule zeigen? Als normale Menschen?

Trau Dich!

Ich verspreche Dir: Du würdest damit nicht leer ausgehen. Deine Kamera dürfte auch mal andere Perspektiven einnehmen. Gerne würde ich zum Beispiel in ein männliches Gesicht schauen, das verliebt guckt. Mit einer Frau mitfiebern, die um die Gunst eines Mannes kämpft. Tränen mit Männern vergießen, die sich an den Schultern ihrer Partnerinnen den Kummer von der Seele heulen.

Trau dich doch mal Anderes, wenn Du Menschen beim Liebesakt zeigst. Erotische Blickwinkel! Wie ein Mensch sich seiner Partnerin vom Bettende aus, über die Beine hin, nähert. Du musst nicht mehr zeigen, aber deute doch mal einen Cunnilingus an. Damit kannst Du Sehnsüchte entfachen! Doch bitte nicht wieder so ein Staranwalt mit angelegten Locken und Zahnpastalächeln. Ich habe mein Leben schließlich noch vor mir.

Ich wette mit Dir, dass es durchaus auch Menschen gibt, die etwas gewagtere Liebeskonzepte unterhaltsam fänden. Mit dem Stichwort Polyamorie hätte die Twilight-Saga zwar ein ziemlich rasches Happy End gefunden, aber Deine Drehbuchautoren sind doch kreative Köpfe. Ich bin zuversichtlich, dass sie in der Lage wären, einen Kassenschlager mit guter Story und Mehrfachliebe zu erdenken.

Der Film ist eigentlich ein ziemlich geeignetes Medium, um Gedankenspiele durchzugehen, alles möglich zu machen. Aber Du beraubst Dich Deiner eigenen wundervollen Mittel. Merkst Du denn gar nicht, dass Du eine Handlangerin von Politiken bist, die Dich selbst beschneiden?

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Vicky Amesti: Ohne Worte

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 4/2013 des „The European“ enthalten

Darin finden Sie u.a. warum das Geheimnis bedroht ist – mit Folgen für Politik, Gesellschaft und jeden Einzelnen. Was uns in einer Welt absoluter Transparenz blüht, debattieren u.a. Sir David Omand (ehem. Direktor des britischen Nachrichtendienstes) und Internet-Legende John Perry Barlow. Weitere Debatten: die Sonderrolle Bayerns, Schlager-Republik Deutschland und der Stellenwert politischer Freundschaft. Dazu Gespräche mit Neelie Kroes, Edmund Stoiber, Matthias Schweighöfer und Florian Silbereisen.

Sie können es hier direkt bestellen.

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