Wenn wir über den Berg sind, geht's bergab. Wolfgang Schäuble

Ohne Worte

Menschen sind schlecht darin, ihre Gefühle in Worten auszudrücken. Stattdessen behelfen wir uns mit Krücken. Wie schade.

Es ist vollkommen in Ordnung, dass ich krank bin. Also eine Grippe habe, eine Magenverstimmung oder Erkältung. Aus diesen Gründen bei der Arbeit zu fehlen, ist kein Beinbruch. Manchmal sehe ich mich allerdings gezwungen, auf eine solche Erkrankung als Ausrede zurückzugreifen, wenn es mir wirklich schlecht geht. Wenn ich einfach nicht zu gebrauchen bin, weil ich traurig bin. Etwas verloren habe. Einen Angehörigen oder vielleicht einen anderen Menschen, den ich geliebt habe.

Liebeskummer kann einen um den Schlaf bringen, zum Heulen, wenn man nur auf der Arbeit auf den Bildschirm schaut. Und doch heißt es dann, sich zusammenzureißen und den Kummer zwecks Produktivität runterzuschlucken – oder zu lügen. Sich krankschreiben zu lassen, sodass auf dem Krankenschein irgendein körperliches Leiden steht, oder man dem Arzt ein solches vorgegaukelt hat.

In der Außenwelt gibt es keinen Platz für Gefühle

„Hallo, wie geht’s?“, fragen wir, wenn wir auf der Straße oder in der Uni jemandem begegnen. Die Antwort ist zumeist: „Gut und dir?“ Schlecht geht es uns auch hier, wenn wir es am Knie oder im Rücken haben. All zu viel wollen wir dann aber auch nicht leiden, nur die Alten trumpfen mit ihrer Krankheitsgeschichte ordentlich auf (etwas anderes bleibt ihnen auch nicht mehr). Und wenn wir wirklich schlimme Krankheiten hätten, würden wir auch hier nicht alle, die nach unserem Befinden fragen, in die Diagnose einweihen.

Wenn es uns jedoch nicht körperlich schlecht geht, geht es uns gut. Wie gut oder was gut bedeutet, führen wir nicht weiter aus. Die Gefühlswelt ist eine eigene, private, intime und persönliche, die wir unter Verschluss halten. Wir haben unsere Grenzen nach außen, die wir wahren. Aus irgendwelchen Gründen gibt es diese nutzlosen Floskeln, mit denen wir tausende Gespräche einleiten, bei denen tausende Gespräche verharren, auf die unsere Antworten zumeist spärlich und oft sogar unehrlich ausfallen. Wobei Kommunikation doch paradoxerweise auf Ehrlichkeit und damit Richtigkeit und Wahrheit beruht.

In der Außenwelt gibt es keinen Platz für Gefühle. Auf der Arbeit haben Gefühle nichts zu suchen. Diese sind privat und was privat ist, soll draußen, respektive drinnen bleiben. In unseren Schlafzimmern, Wohnzimmern und Kinderzimmern. Da dürfen wir uns fühlen, also gut und auch schlecht. Dass unsere Gefühle Auswirkungen auf unser Dasein in den anderen Orten unseres Lebens haben könnten, darauf sind diese Einrichtungen nicht ausgelegt, genauso wenig wie deren Bewertungsschemata.

Geld statt Worte

Unsere Gefühle sollen in uns bleiben. Und dabei überfordern wir uns regelmäßig selbst mit ihnen. Das ist doch schlimm, in einer Welt zu leben, in der so viel, doch eigentlich alles über Sprache läuft und dann nicht sprechen zu können, über etwas so Wesentliches für uns selbst wie unsere Gefühle. Wir wissen doch oft noch nicht einmal, wie wir überhaupt fühlen, weil uns die Worte dafür fremd sind. Und dann handeln wir kopflos und hauen dem vermeintlichen Liebhaber unserer Partnerin aufs Maul oder begehen andere „Verbrechen aus Leidenschaft“, führen „Rosenkriege“ oder betrinken unseren Kummer im Alkohol und zerstören unseren Körper. Interessanterweise gibt es hierfür ein kultiviertes Verständnis. Kopflos und destruktiv zu handeln, aufgrund von „Liebe“, ist ok. Selbstgespräche zu führen, in denen wir unsere Gefühle durchleben, verarbeiten, analysieren und in Worte fassen, ist eher unüblich, vielleicht sogar seltsam.

Es gibt ganz schön viele Weisheiten, bezüglich der Gefühle. Dass Taten mehr sagen als 1.000 Worte, dass man mit dem Herzen sprechen sollte, dass Worte dem Gefühl gar nicht gerecht werden können. „Enjoy the silence.“ Das mag ja alles sein. Aber liegt das nicht eher an unserer Unfähigkeit, Gefühlen mit Worten Ausdruck zu verleihen? Wir sind in unserem Miteinander doch schließlich auf Kommunikation, auf Worte angewiesen, es sei denn, wir tauschen sie gegen andere Symbole aus, die mit Sinn angereichert sind. Geschenke zum Beispiel, die ja gemeinhin ein Ausdruck von Wertschätzung sind. Wir können uns also Blumen oder Diamanten schenken, um uns zu „sagen“, dass wir uns mögen. Dinge also, die über ihren ästhetischen, kulturell-emotional besetzten und manchmal auch ökonomisch zugeschriebenen Eigenwert keinen anderen Nutzen haben. Witzig, dass es möglich zu sein scheint, den Ausdruck von Gefühlen für Geld zu erstehen, während Worte hier oftmals unzulänglich erscheinen.

Wie viel Ehrlichkeit können und möchten wir uns und anderen zutrauen? Wäre es nicht besser für uns alle, wenn wir sagten, was in uns vor geht und was uns Sorgen bereitet, dass wir Ängste haben, oder auch euphorisch sind, weil wir uns freuen, einen Menschen so sehr zu mögen? Sagt es nicht viel mehr über uns selbst aus, als Individuen, wie wir fühlen, was in uns welche Gefühle auslöst, als unsere Vorlieben für Dinge, die wir erstehen können, als Blumen oder Schmuck, Uhren und Autos, oder meine Adidas-Jacke?

Ich wünsche mir, dass wir da hinkommen: Gefühle als solche zu sehen, und nicht als Schwäche.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Vicky Amesti: Liebe Filmindustrie,

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