Der Geschlechter-Fasching

von Vicky Amesti25.06.2013Gesellschaft & Kultur

Wir müssen alte Rollenbilder und -klischees nicht komplett abschaffen, wir müssen ihnen nur eine neue Symbolik verpassen. Dann können wir uns auch einlassen auf neue Modelle und Möglichkeiten, auf Teilzeit-Macker und Teilzeit-Vamps.

In einem Interview mit der „FAZ“ “verfolgt die israelische Soziologin Eva Illouz die These, dass Sadomasochismus eine Möglichkeit sein könnte – zumindest metaphorisch gedacht –, mit Unsicherheiten im zwischengeschlechtlichen Zusammenleben in heterosexuellen Liebesbeziehungen umzugehen()”:http://http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/bilder-und-zeiten/interview/ein-gespraech-mit-eva-illouz-ist-sadomasochismus-die-loesung-12239460.html. Während Männer und Frauen heutzutage dabei sind, ihre Identität neu zu finden, jenseits von althergebrachten Geschlechterkonzepten, vielleicht auch abseits von Geschlechtlichkeit (wobei das eher schwierig ist), könne SM, so Illouz, die Möglichkeit bieten, in der Praxis Sicherheit bezüglich des eigenen Geschlechterkonzeptes und der Erwartungen, die damit im Zusammenhang stehen, zu erlangen.

Der Gedanke kam mir auch schon mal.

Ich saß da, und schaute mir die Serie „Mad Men“ an, und mir fiel auf, dass das ganze Setting doch schon ziemlich geil ist. “Nicht dass ich mir eine solch verrückte Zeit herbeiwünschen würde()”:http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/mad-men-warum-frauen-die-serie-so-lieben-a-852249.html. Aber die Kleidung ist doch ganz schön schick. Und Männer in Hemden, mit Anzügen, akkuraten Haarschnitten, vermeintlicher Selbstsicherheit und festem Auftreten à la Donald Draper üben doch zumindest einen anderen Reiz aus, als die „neuen Männer“, die sich unter zotteligem Haar und hinter großen Brillen und bauschigen Bärten verbergen.

Ich sitze hier auf einem studentischen Bett, während ich das schreibe und blicke an mir herab: Hippie-Look. Ein bisschen Öko. Auch mein Outfit lässt sich gut eintauschen gegen das einer Joan Harris, geb. Holloway, die ich nicht nur um ihr Äußeres und vor allem ihre Attitüde – dieses feminine Auftreten – schon mal beneidet habe, sondern deren Garderobe mir des Weiteren auch den Glamour vergangener Tage vor Augen führt. Nüchtern betrachtet, schaffe ich es allerdings noch nicht einmal, mir regelmäßig die Fußnägel zu lackieren. Aber das ist ein anderes Thema.

Das strenge Fräulein und der Marquis

Natürlich sehne ich mir keine „gute alte Zeit“ zurück, was Illouz selbst auch gar nicht in Aussicht stellen möchte. Und doch gibt es Settings, Verhaltensweisen, Kleiderstile, die durchaus reizvoll sind – in erotischer Hinsicht und vielleicht auch gerade, weil in ihnen etwas mitschwingt was, wie Illouz es ausdrückt, Sicherheit, Eindeutigkeit vermittelt – aber auch Machtgefälle, Hierarchien suggeriert, was strukturstiftend ist.

Wenn wir uns verkleiden, nehmen wir Rollen an. (Das strenge Fräulein, der Lude, die Königin, der Piratenanführer, der Boss, das Schulmädchen, der Marquis, die Gräfin, die Dienerin, der Sklave, die Reitlehrerin oder was man sich auch immer noch vorstellen kann.) Wir übernehmen partiell Aussehen, Verhalten und vielleicht auch Einstellungen, von denen wir glauben, dass sie gut da reinpassen und von denen wir denken, dass sie sich für uns gut anfühlen werden. Wir ändern aber nicht grundsätzlich unsere Identität und werfen all das, was uns sonst noch ausmacht und für das wir sonst so einstehen, über Bord.

Beim SM ist es ja genauso. Mehr oder weniger geregelt, mehr oder weniger dem Alltag entrückt, spielen Personen ein Spiel miteinander. Ein Spiel, in dem es, wie Illouz auf „Shades of Grey“ bezogen darstellt, feste Rollen geben kann, die das Verhalten strukturieren und den Rahmen für das im Spiel Denkbare und Mögliche geben. So weit zumindest die Theorie, denn in der Praxis kann es Spielräume geben, können Rollen sich während des Spiels umkehren, auflösen, je nach Dynamik und Vorliebe der Akteure. Außerdem: Nur weil ich im Spiel die Hosen anhabe, bin ich nicht von möglichen Unsicherheiten befreit und die coole Sau vorm Herrn.

Klar, Illouz selbst scheint mit Ausnahme ihrer Analyse von „Shades of Grey“ nur wenige Berührungspunkte zum SM zu haben und meint die Metapher eher in der Hinsicht, dass es heterosexuellen Beziehungen gut tun kann, wenn Unsicherheiten bzgl. der Geschlechter„rolle“ spielerisch, in erotischer Hinsicht im Rahmen eindeutig konnotierter Rollenübernahmen durch Rückgriff auf „Altbewährtes“ überwunden werden könnten.

Diesen Ansatz finde ich wirklich interessant. Ich halte Menschen ja für ganz schön vielseitig! Mit den Herausforderungen neuer Zeiten, neuer Möglichkeiten, neuer Flexibilität, wie sie das menschliche Rohmaterial meiner Generation nun mal erwarten, umzugehen, heißt ja nicht, vollkommen unbeeinflusst vom „Alten“ zu sein. Ganz im Gegenteil!
Es kann auch einfach kein Zufall sein – es ist auch nicht „natürlich“ so, sondern auf soziale und kulturelle Umstände, Tradierungen etc. zurückzuführen, nicht etwa in einer vermeintlichen Natur des Menschen verankert –, dass Nylons, Heels und Sanduhr-Figur, hochgekrempelte Hemdsärmel und Armbanduhr mit all diesen Gegenständen enthaltenen Zuschreibungen ungebrochen erotischen Reiz ausüben. Auch für uns, geschlechterbewegte Individuen.

„Darf man das?“ Ja.

Es ist lediglich eine Frage des Umgangs damit, der Bewertung dieser kulturell geprägten Symbole – und ob bewertet wird. Die Frage, ob der „neue Mann“ sein Brustfell an Feinripp präsentieren darf, beziehungsweise die Tatsache, dass er dies unter keinen Umständen tun würde, machen deutlich, dass in der Tat bewertet wird. Auch die Frage, ob die „Frau von heute“, die emanzipierte und ambitionierte, sich mit High Heels nicht selbst ihrer neu erlangten Bewegungsfreiheit beschneidet, halte ich nicht für zielführend. Im Gegenteil, werden hier doch selbst wieder normative Restriktionen eingeführt, die persönlichen Ausdruck beschneiden, die ein Geschlechtergefüge rekonstruieren, welches wiederum sagt, was gut ist und was schlecht. Indem nämlich Symbole, die für eine patriarchal strukturierte Gesellschaft stehen, aus der Gesellschaft verschwinden sollen – statt sie einfach in ihrer Bedeutung umzuformen, werden sie anerkannt. In der Form, in der sie Bestand hatten – und erhalten dadurch weiterhin ihre Position.

Wenn also bestimmte Symbole und Praktiken, Klamotten und Verhaltensweisen in unserem kulturellen Rahmen erotisch aufgeladen sind, macht es nicht viel eher glücklich, danach zu fragen, in welchem Raum diese geeignet erscheinen? Wo wir wieder bei Illouz wären.

Vielleicht, wo wir doch so vielseitig und vielschichtig sind, können wir uns einlassen auf neue Modelle und Möglichkeiten, auf Teilzeit-Macker und Teilzeit-Vamps. Einvernehmlich. In besonderen, speziellen Momenten, im Boudoir oder beim Dinner, auf der Tanzfläche oder im Wagen. An Orten, die uns geeignet erscheinen. Mit Personen, denen wir schon als Menschen begegnet sind.

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