Man hat versucht, mich bürgerlich zu vernichten. Thilo Sarrazin

In der Hitze des Geschlechts

Eigentlich wollte ich mich nicht an der Sexismus-Debatte beteiligen. Dann kam Gerhard Amendt. Eine Replik auf seine Behauptung, Feminismus zerstöre die Erotik.

Eigentlich wollte ich mal nichts dazu schreiben. Ausnahmsweise mich raushalten, aus dem Thema. Mich zurücklehnen und schauen, was passiert. Ich muss ja nicht zu allem meinen Senf dazu geben. Kein #aufschrei, kein mehr oder weniger kluger Beitrag meinerseits, zur Sexismusdebatte. Ich habe möglichst wenig zu dem Thema gelesen, weil ich mich sonst mit Sicherheit zu sehr aufgeregt hätte und mir als Gegentherapie wirklich nichts anderes übrig geblieben wäre, als dazu zu schreiben. Was ich unweigerlich aufschnappte, reichte mir vollkommen.

Ich bin super durch die vergangenen Monate gekommen, mit meiner Strategie, einer sehr einfachen: Sex statt Sexismus. „Have Sex, hate Sexism!“ Ich zog mich in mein Boudoir zurück und hatte Spaß mit Menschen, auf dickem Teppich, in zerwühlten Laken. Und arbeitete und studierte.

Eigentlich wollte ich auf diesem Wege das Thema, den regelrechten Sexismus-Hype aussitzen, bis der ganze Rummel vorbei sein würde und die Polemik. Und die Lust am Missverständnis, das Chaos und die Verwirrung auf ein erträgliches Maß zurückgegangen wären. Auf ein Maß, welches einen reflektierten analytischen Blick auf den Diskurs – und vor allen Dingen auf dessen Gegenstand – ermöglichen würde.

Von wegen lustfeindliche Ideologie

Aber ich kann nicht mehr. Ich halte das nicht mehr aus. Genauer: Der Beitrag „Feldzug gegen die Erotik“ des Soziologen Gerhard Amendt hier auf The European bringt das Fass zum Überlaufen und lockt mich aus der Reserve. Das will ich nun wirklich nicht so stehen lassen! Dem Feminismus wird ja so einiges in die Schuhe geschoben, aber er mache Erotik kaputt? Seriously?

Herr Amendt schreibt in seinem Beitrag, dass der Feminismus die Erotik kaputt mache, indem er einfaches Flirten beispielsweise als sexistischen Akt brandmarke. Zudem der Feminismus die Kräfte der Erotik, die Mann und Frau zusammenführe, auszuhebeln versuche, indem über den omnipräsenten Sexismusvorwurf seitens des Feminismus ein Graben zwischen die Geschlechter gezogen würde. Der Feminismus sei damit eine lustfeindliche Ideologie, die aus von Frauen (den Opfern) angezogenen Männern die Täter mache.

Nicht wirklich.

Es mag zwar lustfeindliche FeministInnen geben, es gibt aber auch konservative Liberale. Oder schwarze Schafe. „Den“ Feminismus an sich als lustfeindlich darzustellen und einen Kampf gegen die Erotik aufnehmend, bedeutet zu verkennen, worum es eigentlich geht, nämlich den Sexismus. Und die Polarisierung in Frauen als Opfer und Männer als Täter ist ebenfalls ein sehr hartnäckiger Mythos, der nicht aus der „Waffenkammer“ des Feminismus stammt. Nein, im Feminismus sind konsequenterweise alle Opfer. Männer und Frauen gleichermaßen gefangen und geprägt in und von den Strukturen, die determinieren, was Männer und Frauen tun und lassen sollten.

Was nun sexistisch ist und was nicht, das scheint derzeit unsere Gesellschaft ins Chaos zu stürzen, heterosexuelle Männer in die Defensive zu drängen und in blanker Verwirrung zurückzulassen. Ist ein harmloser Flirt nun sexistisch? Darf ich der Frau vor mir an der Kasse zulächeln? Das Mädel an der Bar auf einen Drink einladen?

Sexismus bedeutet Abwertung

Sexismus bedeutet, dass eine Person aufgrund ihrer Geschlechterzuschreibung einen Nachteil erhält, diskriminiert wird. Sexismus bedeutet Handlungen auszuführen, Aussagen zu treffen, die eine Machtausübung auf andere Personen oder andere Personengruppen aufgrund deren Geschlechts bedeutet. Sexistische Äußerungen beinhalten eine Abwertung der anderen Person aufgrund deren Geschlechterzuschreibung und der Eigenschaften, die man damit verbindet.

Sowohl die Machtausübung als auch die Abwertungen müssen dabei nicht intendiert sein. Das macht den Sexismus so schwer zu fassen. (Rassismus allerdings auch.) Es gibt viele Ressentiments und Stereotype gegenüber allen möglichen Geschlechtern und Geschlechterpraktiken, die zum Teil eben auch gesellschaftlich getragen werden. Oder zumindest in verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, Milieus, Subkulturen anerkannt sind. Mittlerweile stören sich allerdings vermehrt Personen daran, weil sie diese Ressentiments und Stereotype als reichlich verkürzt und Differenzen und Normalitäten begründend auffassen, die sie nicht mittragen wollen. Oder weil sie sich zu Unrecht in einer bestimmten Art und Weise gesehen, dargestellt und behandelt sehen.

Flirtest Du mit mir und bist Politiker und ich bin Journalistin und will was von Dir (also jobmäßig), dann flirtest Du nicht wirklich mit mir. Du missbrauchst Deine Machtposition. Du nimmst Dir etwas raus, was Dir nicht zusteht, denn Du bringst mich damit in eine unangenehme Situation. In dieser unangenehmen Situation bin ich in dem Fall, weil ich eine „Frau“ bin und Du mich als von Dir begehrte Frau behandelst und nicht als die Journalistin, die ich in dem Fall bin und in deren Funktion ich zu Dir komme.

Im Übrigen verhält es sich genauso, wenn Du der Schauspieler George Clooney wärest, wie im Beispiel von Herrn Amendt, und ich mit Dir ein Interview führen will. Oder Justin Bieber. Oder wer auch immer. Du kannst halt auch ein gut aussehendes oder junges Arschloch sein.

Allgemeine Verwirrtheit

Deswegen ist das Beispiel selbst in sich schon sexistisch. Also wenn gesagt wird: „Ach, so einen Brüderle, bei dem ist das schlimm! Aber wenn ein George Clooney ein Kompliment über Deine Brüste machen würde, wäre das für dich etwas ganz anderes.“

  1. Frauen wollen einen Mann wie George Clooney – und man weiß, was Frauen wollen.
  2. Frauen sind oberflächlich und bereit, sich von einem gut aussehenden Mann mehr gefallen zu lassen.
  3. Frauen messen mit zweierlei Maß (weil sie oberflächlich sind), räumen damit den gut aussehenden Männern andere Handlungsmöglichkeiten und vor allen Dingen Privilegien ein, als den schlecht aussehenden Männern.
  4. Damit benachteiligen Frauen schlecht aussehende Männer strukturell.
  5. Frauen wird nicht die Möglichkeit eingeräumt, selbst zu entscheiden, welche Situationen ihnen unangenehm sind, sondern es werden Vermutungen darüber angestellt, warum dem so ist und die Situation wird obendrein auch noch relativiert. Gerade der letzte Punkt ist ziemlich ekelhaft in der Argumentation.

Handlungen oder Aussagen sind nicht sexistisch aufgrund der Beschaffenheit der Person, die sie trifft, sondern aus sich heraus.

Ich verstehe allerdings auch eine allgemeine Verwirrtheit, da durch diese komische Sexismusdebatte einiges aufgerüttelt und infrage gestellt wurde, was den Umgang zwischen den Geschlechtern angeht. Und hier geht mir eine Verkürzung auf die These „Der Feminismus macht die Erotik kaputt“ in eine ganz falsche Richtung. Das tut „der“ Feminismus nämlich nicht. „Der“ Feminismus zeigt Ungleichheiten und Normativität auf in vielerlei Bereichen des Lebens, die das Zwischenmenschliche, und, da wir in einer Gesellschaft leben, die Menschen in Männer und Frauen aufteilt, eben das Zwischengeschlechtliche betreffen. Er deckt Erwartungen und Missverständnisse auf, die mit eben dieser Normativität zusammenhängen. Dass es beispielsweise relativ selbstverständlich ist, dass ein Mann eine Frau, die ihn interessiert, auf einen Drink einlädt, um damit einem gemeinsamen Gespräch und einem Flirt Tür zu öffnen. Manchmal wird eben dies auch erwartet. Es kann aber auch sein, dass dies als Ungerechtigkeit beiden Personen gegenüber aufgefasst wird. Warum sollte ein Mann sich die Gunst einer Frau „erkaufen“ müssen? Warum sollte ein Mann in „Vorkasse“ gehen müssen, Investitionen leisten? Und ist eine Frau dabei nicht dem Druck ausgesetzt, eine Gegenleistung zu erbringen, wenn sie eine Einladung annimmt? Wäre es nicht sehr unhöflich und verletzend, wenn sie vom Besuch der Toilette, mitten im „netten“ Gespräch nicht wiederkäme?

Erotik zwischen High Heels und Wollsocken

Mit Erotik hat all dies nichts zu tun. Die Erotik baut sich auf im Begehren zwischen den Menschen. Oder in deren Köpfen. Gerade in deren Köpfen. Was ich erotisch finde, ist sehr subjektiv und gleichzeitig massiv kulturell geprägt. Aber das ist Okay. Wir können hinterfragen, warum wir auf schlanke Beine in hohen Heels stehen. Oder Wollsocken erotisch finden. Wir können uns auch wohlfühlen mit dem, was wir begehren. Nur wenn wir beginnen, die Ebenen zu vermischen, die „Objekte der Begierde“ ebendieses aufdrängen, spüren lassen, dann wird es wirklich unangenehm. Wenn uns unsere Vorliebe für die blonden Haare der Kollegin oder der süße Hintern des Kollegen davon abhalten, ihre und seine Kompetenzen und Leistungen auf der professionellen Ebene zu würdigen, zu bewerten und auf eben dieser professionellen Ebene mit ihnen weiterhin zu interagieren, wird es schwierig. Und sexistisch. Und unerotisch.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Vicky Amesti: Liebe Filmindustrie,

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