Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. Ingeborg Bachmann

Namenloser Sex

Unsere Gesellschaft müht sich ab, für die Sexualität eine gemeinsame Sprache zu finden. Versucht man es dennoch, bleibt zumeist eine sprachliche Leerstelle.

Letztens erstickte ich fast an meinem Frühstück. Eine Freundin erzählte mir davon, dass es in der Grundschule eines Kindes, welches ich mal gebabysittet hatte, eine Sprachregelung gäbe, die das S-Wort verbiete. Sex. Doch Obacht. Bevor ein Aufschrei durch die Reihen geht bezüglich der unzeitgemäßen Sexualmoral kirchlicher Träger, möchte ich betonen, dass es sich in diesem Fall um eine staatliche Grundschule handelt. Grenzenlos ist mein Unverständnis in diesem Fall. Wie kann es sein, dass eine Schule es den sie besuchenden Kindern verbietet, ein Wort zu verwenden, welches doch ohnehin schon einen enormen Reiz ausübt, weil es etwas bezeichnet, was Erwachsene offenbar ins Schwitzen, in Erklärungsnot (und wie in diesem Fall zu offenbar irrationalen und undurchdachten Handlungen) bringt?

Wenn ich mich umschaue, und ich mag mich selbst in die Beobachtung mit einschließen, bin ich umgeben von Menschen, die ein Problem damit haben, über Sex zu reden, Sex zu thematisieren. Wir lernen von Kindesbeinen an, dass das mit dem Sex eine heikle Sache ist. Wir schnappen dieses Wort auf und merken anhand der Reaktionen darauf, wenn wir es verwenden, dass das irgendwie was Komisches ist. Wir begreifen, es hat was mit „da unten“ zu tun und mit anderen komischen Dingen, und darüber spricht man nicht.

Schneewittchen fickt die sieben Zwerge

Ein Schwenk in meine Jugend: Ich war in der 4. Klasse, glaube ich. Wir hatten Bastelunterricht und ich langweilte mich sehr. Mein kleines Hirn schweifte ab und irgendwie kam ich auf die „Umdichtung“: „Schneewittchen fickt die sieben Zwerge.“ Das fand ich lustig. Ich wusste, dass man das F-Wort nicht sagt und dass das ein Synonym für das doch wieder tolerierte „Liebe machen“ ist. Aber eben ein „hässliches Wort“ für denselben Vorgang. Dass das Wort nicht gesagt werden darf, macht den Reiz aus, es doch zu tun. Also behielt ich meinen Entwurf „Schneewittchen fickt die sieben Zwerge“ nicht für mich, sondern flüsterte diese Neuschöpfung der Mitschülerin neben mir ins Ohr. Der Sinn, der mitschwingt, wenn Schneewittchen mit den sieben Zwergen Sex hat, der erschloss sich mir in diesem Zusammenhang nicht. Es ging wirklich nur um dieses eine Wort. Ficken. Was irgendwie im Kontext zu Schneewittchen witzig wirkte. Witzig fand das auch meine Mitschülerin. Sie fing gleichermaßen hysterisch und laut an zu wiehern. Selbstverständlich lenkte das die Aufmerksamkeit unserer Lehrerin auf uns. Und meine Mitschülerin antwortete, ehrlich wie sie war: „Vicky hat gesagt, ‚Schneewittchen fickt die sieben Zwerge‘.“ Ich bekam einen roten Kopf, meine Lehrerin quittierte das Gesagte mit einem Wort: „Raus.“

Ich verließ also, mich wirklich schämend, den Klassenraum. Ich glaube, es war das erste Mal, dass ich aus dem Unterricht geflogen war. Ich hatte Angst, dass dieser Vorfall irgendwelche Konsequenzen für mich haben könnte. Dass meine Lehrerin mich vielleicht nicht mehr mögen würde, weil ich etwas Verbotenes und Unanständiges, etwas, was man nicht sagt, gesagt hatte. Ich hatte Angst davor, dass das zu meinen Eltern vordringen würde und auch sie mich nicht mehr mögen könnten dafür. Tröstlich war immerhin, dass ich der doofen Bastelarbeit entkommen war. Heute glaube ich, dass der Vorfall kein übles Nachspiel für mich hatte. Ich kann mir vorstellen, dass es doof ist für Lehrerinnen, wenn SchülerInnen delikate Themen ansprechen und sie die Kontrolle über die Kinderschar in ihrer Klasse behalten müssen. Dennoch ärgert mich immer noch die Scham, die aus den Leerzeilen entsteht, die der Umgang mit diesen Themen oft mit sich bringt.

Dass eben nicht darüber gesprochen wird. Dass man lernt, dass gewisse Wörter „böse Wörter“ sind. Oder, wenn gleich ein neutraler Begriff für eine Sache verboten wird, dass die Sache an sich böse ist.
Sexualität – für viele von uns hat sie einen Platz in unserem Leben. Wir haben Sex – in Beziehungen, außerhalb von Beziehungen, überhaupt: mit anderen Personen oder auch mit uns selbst. Und doch: Während wir lernen, Referate über alle möglichen Themen zu halten, während wir lernen, unsere Standpunkte in Diskussionen zu finden und zu vertreten, zu Kriegen, zur Geschichte, während wir lernen, Gedichte zu interpretieren und einen Sinn in Kafkas Erzählungen zu finden, gelingt es uns nicht, eine Sprache in Bezug auf die Sexualität zu finden. Oder diese ist mit einiger Überwindung verbunden. Oder mit großer Vertrautheit.

Zumeist bleibt sie sprachlich eine Leerstelle. Manche finden das auch gut so. Es gibt ja immerhin die Weisheit, die besagt, dass das Reden über Sex diesem doch seinen Reiz entzieht. Ihn entzaubert oder gar kaputt macht. In der Praxis hat sich mir oft eher das Gegenteil gezeigt. Dass das Nicht-Reden über Sex vieles kaputt machen kann. Wenn man beispielsweise nonverbal einfach nicht dahinterkommt, was der anderen Person denn wirklich gefällt. Oder nonverbal nicht ausdrücken kann, was einem selbst besser gefallen würde. Sprachlich wiederum ist auch das schwierig. Welche Wörter soll man verwenden?

Klitoris, Klit oder Kitzler

Zum Beispiel die Klitoris: „Klitoris“ klingt technisch. „Klit“ klingt ordinär. „Kitzler“ ist meinem Empfinden nach ein unfassbar unerotisches Wort. Wenn dann noch eine Erklärung zu dem folgt, wie nun mit der Klitoris umgegangen werden soll, sind wir sprachlich nicht mehr weit von einer Betriebsanleitung entfernt. So der Wahrnehmung nach. Ich frage mich hierbei, ob das grundsätzlich negativ ist, oder ob die Assoziation einfach nur daher rührt, dass derlei Anleitungen schlichtweg ungewohnt sind, im sexuellen Kontext. Dass wir auf Wörter zurückgreifen, die unsere intimsten und empfindsamsten Regionen immer nur in medizinischem oder biologischem Zusammenhang bezeichnet haben, nie aber auch im erotischen.

Sobald wir mit unserem Sprachgebrauch ein wenig abschweifen, weg von den Fachtermini, landen wir schnell wieder beim Vulgären, Ordinären – bei Wörtern wie „Ficken“, von denen wir ja gelernt haben, dass man sie nicht sagt. Oder bei einer recht bildlichen, manchmal auch blumigen Sprache, die in ihrer Umschreibung des Gemeinten die fehlende Normalität im Umgang mit ihrem Gegenstand noch weiter hervorhebt.

Wenn ich nun höre, dass eine Grundschule ihren Schülern verbietet, das Wort „Sex“ zu verwenden, frage ich mich wirklich, wie es nicht zuletzt den SchülerInnen dieser Schule möglich sein soll, einen schamfreien (was nicht schamlos heißt), selbstbewussten und verantwortungsvollen Umgang mit Sexualität zu erlernen, zu dem meiner Meinung nach in jedem Fall auch die Entwicklung der Fähigkeit und Fertigkeit gehört, über Sex zu reden.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Vicky Amesti: Liebe Filmindustrie,

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