EU-Politik ist ein Kunststück. Heinz Fischer

Über den Mythos hinaus

Was wirklich zählt, will man einem Kunstwerk einen bestimmten Wert zuschreiben, ist dessen künstlerische Qualität. Jedoch muss die Kunst auch in ihrem Kontext gesehen werden, um eine solche Einschätzung vornehmen zu können. Kunst darf unterschiedliche Gefühle hervorrufen. Sie darf unansehnlich sein, ja selbst schockieren. Aber sie darf auch schön sein, wohltun und begeistern. Solange die Gefühle der Kunst wegen geweckt werden und nicht aus einem Mythos, aus einem Hype heraus.

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Es ist äußerst traurig, mit ansehen zu müssen, welche unglaubliche Aufmerksamkeit einem Kunstwerk ob seines ökonomischen und im Gegensatz zu seinem künstlerischen Wert zukommt.

Ärgerlich ist auch, dass nur einige Werke ausgewählter Künstler einen so hohen Wert zugeschrieben bekommen – auf Kosten der Qualität und des Wettbewerbs.

Nur ein Mythos

Nimmt man zum Beispiel die “And There was Light”-Ausstellung in Göteborg, die sich aus außergewöhnlich kostbaren Stücken von Michelangelo, Leonardo und Raffael zusammensetzt.
Um Leonardo da Vincis Einflüsse zu zeigen, werden hier auch Zeichnungen einiger Erfinder aus Siena ausgestellt, die Leonardo da Vinci vorangingen. Der Unterschied ist, dass diese Erfindungen von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus wohl von höherer Bedeutung sind als die Leonardos. Doch seine Zeichnungen waren von höherer Qualität – und es zählt die Qualität der Zeichnung, wenn man sie künstlerisch bewerten soll. Sonst ist es nur ein Mythos.

Und ein Mythos wird beispielsweise auch von den Medien geschaffen. So stehen Michelangelo und Raffael Leonardo in ihrer Qualität in nichts nach. Dennoch ist Leonardo bekannter, weil er dank einer Reihe von negativen Events zum Mythos wurde.

Richtig bekannt in dem Maße, in dem er es heute ist, wurde er erst, als 1911 die “Mona Lisa” gestohlen wurde. Selbst Dan Browns “Da Vinci Code – das Sakrileg” hat nachhaltig zu Leonardos Eindruck in der Öffentlichkeit beigetragen, wenn auch auf zweifelhafte Weise. Egal wie man diesen Roman bewertet, Leonardo da Vincis Bekanntheitsgrad und das Interesse an ihm haben sich durch das Buch zweifellos erweitert. Und damit hat sich auch der Wert erhöht, der Leonardo und seinem Schaffen zugeschrieben wird. Abgesehen davon ist klar, dass Maler wie Leonardo und auch Michelangelo und Raffael einen künstlerischen Wert haben, der das Exzellente übertrifft.

Hier basiert die künstlerische Bewertung auf verschiedenen Kriterien – wie Ästhetik und dem historischen und dokumentarischen Wert einer Zeichnung. Die Ikonografie, die technischen und stilistischen Aspekte sind ebenfalls wichtig.

Unterschiede müssen gemacht werden

Schwieriger wird es, wenn es sich um kontemporäre Kunst handelt. Ein noch lebender zeitgenössischer Künstler kann sein Werk, welches er rasch hergestellt hat, für den gleichen Preis verkaufen, den ein klassisches Gemälde erreichen würde – da gibt es kaum mehr Unterschiede, kaum Auswahl. Ich liebe zeitgenössische Kunst, aber man muss Unterschiede in der Qualität und im konzeptuellen Wert dieser Werke machen.

Für den Laien ist ein klassisches Kunstwerk leichter als hochwertig zu identifizieren. Der künstlerische Wert eines solchen Stückes ist intuitiv zu erkennen. In der zeitgenössischen Kunst ist das viel schwieriger, da sie sich meist einer anderen Sprache bedient. Manchmal soll ein Kunstwerk provozieren, manchmal soll es absichtlich unansehnlich sein. Das ist aber auch der Grund, warum Raffael leider weniger intensive Gefühle hervorruft – da seine Werke zu hübsch sind, zu seicht.

Zeitgenössische Kunst kann sehr stark und aussagekräftig sein. Sie kreiert eine Emotion, die nicht notwendigerweise das gleiche wohltuende Gefühl ist, dass andere Künstler in einem hervorrufen. Manche Kunstwerke haben die Absicht, etwas Schönes zu zeigen, zu begeistern und beflügeln, aber das ist nicht das Einzige, was Kunst kann und können muss.

Wichtig ist nur, dass der monetäre und künstlerische Wert, der einem Kunstwerk zugeschrieben wird, niemals aus einem Skandal erwächst, hinter dem die künstlerischen Ansprüche verschwinden.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Marc Jongen, Vera Lengsfeld, Vera Lengsfeld.

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