Bei den jüngeren Deutschen scheint die Anleitung zur Geschichtsvergessenheit auf fruchtbaren Boden zu fallen

Vera Lengsfeld6.08.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

Den Deutschen wird heute von ihren „Eliten“ eingeredet, dass sie zugunsten des vom Politikwissenschaftler Yasha Mounk so bezeichneten Experiments, eine homogene in eine multikulturelle Gesellschaft umzuwandeln, ihre Kultur, ihre Geschichte und ihre nationale Zugehörigkeit tunlichst vergessen sollen

Den Deutschen wird heute von ihren „Eliten“ eingeredet, dass sie zugunsten des vom Politikwissenschaftler Yasha Mounk so bezeichneten Experiments, eine homogene in eine multikulturelle Gesellschaft umzuwandeln, ihre Kultur, ihre Geschichte und ihre nationale Zugehörigkeit tunlichst vergessen sollen. Bei den jüngeren Deutschen scheint die Anleitung zur Geschichtsvergessenheit auf fruchtbaren Boden zu fallen. Schon klagen lokale Geschichtsvereine über Mitgliederschwund, auch die Ortschronisten haben erhebliche Nachwuchssorgen. Da ist es gut, sich immer wieder daran zu erinnern, welch reiches kulturelles Erbe uns verloren zu gehen droht.
Zum Glück gibt es Autoren wie den Wormser Jörg Koch, die sich dem Zeitgeist nicht beugen und durch akribische historische Forschungen gegen das große Geschichtsvergessen wirken.

Koch hat sich bereits Verdienste erworben, indem er eine Aufstellung der Bismarckdenkmäler am Oberrhein und ein Buch über 100 Dinge, die man von Worms wissen sollte, vorgelegt hat. Nun hat er ein Kompendium der staatlichen Gedenk-und Feiertage in Deutschland von 1871 bis heute publiziert.

Was langweilig klingt, entpuppt sich als spannende Lektüre.

Vorläufer der heutigen Festkultur ist das Hambacher Fest von 1832, die „erste politische Volksversammlung der neueren deutschen Geschichte“, wie es von Theodor Heuss genannt wurde. Zu den Hauptforderungen dieses demokratischen Oppositionsfestes, an dem 30 000 Menschen teilnahmen, gehören die liberalen Freiheitsrechte und die Errichtung eines deutschen Nationalstaates.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich eine Festkultur, getragen hauptsächlich von Parteien und Vereinen. Die Arbeiterbewegung spielte in diesem Prozess eine herausragende Rolle.

Mit der Gründung des deutschen Kaiserreiches begann sich diese Festkultur grundlegend zu wandeln. Es wurden stattliche Festtage eingeführt zur Ehrung der kaiserlichen Macht und der militärischen Stärke Deutschlands. Als arbeitsfreie Nationalfeiertage galten z.B. der „Reichsgründungstag“ am 18. Januar und die Geburtstage der Kaiser.
Neben den staatlichen Feiertagen gab es Volksfeste, deren Merkmale Öffentlichkeit und Gemeingeist waren und die der Freiheit huldigten.

Die Weimarer Republik tat sich schwer mit Nationalfeiertagen. Die Konservativen hielten am 18. Januar fest, die Linken bevorzugten den 9. November, den Tag der Ausrufung der Republik und des Endes des Kaiserreiches. Schon von Anfang an war der 9. November, inzwischen als Schicksalstag der Deutschen betrachtet, problemgeladen. Während Philipp Scheidemann an einem Fenster des Reichstages die Republik ausrief, verkündete Karl Liebknecht vom Balkon des Schlosses die „sozialistische Republik“. Immerhin verdankt das Eosander-Portal diesem Akt sein Überleben. Bevor das Berliner Stadtschloss auf Befehl der SED gesprengt wurde, ist das Eosander-Portal ausgebaut worden. Heute hat man auf der Berliner Schlossbrücke zwei Eosander-Portale im Blick: Am neu erstandenen Schlosskubus die Replik, das Original östlich davon, wo es das in den 60er Jahren errichtete Staatsratsgebäude ziert. Ein Symbol für die Zerrissenheit unseres Landes.

Der Nationalsozialismus schuf eine ganz neue Form von Massenveranstaltungen, die mit dem damaligen höchsten Stand der Technik (Volksradio) verbreitet wurden.
Es gab im Jahr 12 Gedenktage, die mit pseudoreligiöser Hingebe zelebriert wurden. Vom Tag der Machtergreifung im Januar, über den 1. Mai, der bei den Nazis erstmals arbeitsfreier Feiertag wurde, bis zur Wintersonnenwende dauerte das Feierjahr, das auch die Funktion hatte, die „Volksgemeinschaft“ zu schmieden. Vor allem die Reichsparteitage in Nürnberg dienten der Zementierung der „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“-Ideologie.

Nach dem Ende der Nazidiktatur war erst einmal niemandem zum Feiern zumute. Die junge Bundesrepublik tat sich entsprechend schwer mit einem konsensfähigen Nationalfeiertag. Erst der Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 in der DDR löste die Diskussion um einen arbeitsfreien Feiertag aus. Bis zur Vereinigung wurde dieser Tag der Deutschen Einheit begangen, dann zugunsten des 3. Oktober abgeschafft.

Die DDR hielt am 1. Mai als Kampf-und Feiertag der Werktätigen fest, trotz der nationalsozialistischen Tradition. Außerdem waren der 8. Mai, der „Tag der Befreiung“ und der 7. Oktober, der „Tag der Republik“arbeitsfrei. Daneben gab es jede Menge Feiertage, an denen gearbeitet werden musste.

Nach der Vereinigung wurde leider nicht der geschichtsträchtige 9. November Nationalfeiertag, obwohl er wie kein anderes Datum für den tiefsten Fall und die größte Freude des deutschen Volkes steht, sondern der in einer Nacht zwischen den Fraktionen der Noch-Volkskammer und der Bundesregierung ausgehandelte 3. Oktober als Tag der Deutschen Einheit. Statt dass die Deutschen am 9. November in freier Selbstbestimmung über eine gemeinsame Verfassung angestimmt hätten, blieb das Grundgesetz in Kraft und die Bürokratie in der Oberhand. An den Folgen der nie wirklich von unten vollzogenen Einheit laborieren wir bis heute.

Immerhin bekamen die vereinten Deutschen 2017 überraschend einen neuen Feiertag geschenkt: Anläßlich des 500. Jahrestages der Wiederkehr des Thesenanschlags Martin Luthers beschlossen alle Bundesländer, den 31. Oktober, den Reformationstag, zum gesetzlichen Feiertag zu erheben.
Ein merkwürdiger Akt in einem Land, das rapide entchristlicht wird. Aber für Merkwürdigkeiten waren die Deutschen schon immer gut.

Jörg Koch: „Dass Du nicht vergessest der Geschichte“ wgb Academic 2019

Leserin M. W. hat mich auf eine kleine Ungenauigkeit hingewiesen:

“Bei der Einführung des Reformationstages als gesetzlichen Feiertag hat sich Berlin anders entschieden und den 8.3., den sogen. Frauentag, als Feiertag eingeführt. Das hat mich seinerzeit im höchsten Maße empört, zeigt es doch, wie geschichtsvergessen die in Berlin “Regierenden” sind. Ohne Mühe konnten die Linken nach einer recht kurzen Debatte im Abgeordnetenhaus dies durchsetzen und sogar schon für 2019, damit die Berliner bereits in diesem Jahr, da der 8.3. ein Freitag war, in den Genuss einens arbeitsfreien Tages kommen konnten,mehr Populismus geht nicht.”

Quelle: Vera Lengsfeld

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